Walter Niedermayr Cavalese
Walter Niedermayr im aut

Koexistenzen

Eine fotografische Dokumentation eröffnet bis 23. Februar 2018 Blicke auf die soziale und Baustruktur der Trentiner Talgemeinde Fleims/Val di Fiemme.

Ein Wirrwarr von Bauten und Zubauten

Es gibt viel zu sehen und zu entdecken. Eine Auswahl aus den Tausenden Bildern, die der Fotograf Walter Niedermayr in der Talgemeinde Fleims in den letzten Jahren aufgenommen hat, zeigt im aut. architektur und tirol in Innsbruck ein Gewirr von Bauten und Zubauten, von Eingängen und Balkonen, schmalen Wegen und größeren Bauerngärten, Aufgängen und Zufahrten, Blumentöpfen und Werbeschildern. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich einfach um ein zwar eher eng und ungeordnet verbautes, aber nicht ungewöhnliches Dorf in den Dolomiten, auf den zweiten, dritten und die vielen, die noch folgen sollten, wird deutlich, dass es sich um ein besonderes Konstrukt handeln muss, das der Künstler in Bilder gefasst hat. Tatsächlich ist Fleims eine Allgemeinde aus elf Gemeinden – je eine deutsch- und eine ladinischsprachige sowie neun italienischsprachige, die im Jahr 1111 besondere Rechte übertragen bekommen haben: Sowohl Verwaltung als auch Gerichtsbarkeit sind selbstständig, zudem wurden den Einwohnern Steuer- und Zollerleichterungen gewährt.

Walter Niedermayr Predazzo
Walter Niedermayr Moena
Walter Niedermayr Varena

Walter Niedermayr – Koexistenzen: Predazzo, Moena, Varena

alle Fotos © Courtesy Walter Niedermayr, Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm

und Galerie Johann Widauer, Innsbruck

Gemeinsam wirtschaften

Ähnlich einer Genossenschaft oder Allmeinde bewirtschaftet man Grund und Boden im Fleimstal gemeinsam und verteilt die Gewinne auf kleinere Gruppen (die Einheit ist jeweils ein „Herd“), wobei auch ein sozialer Ausgleich stattfindet. Vor allem die Holzwirtschaft blühte. Die in dieser Höhe langsam wachsende Haselfichte, die unter anderem im Instrumentenbau Verwendung findet, war in Oberitalien gefragt und sicherte Fleims einen gewissen Wohlstand. Auch wenn seit den 1950er-Jahren der Tourismus gegenüber der Landwirtschaft deutlich in den Vordergrund getreten ist, liegt es wohl unter anderem an der auch früher wirtschaftlich positiven Entwicklung, dass hier ein Bevölkerungswachstum zu verzeichnen ist.

 Mit dem Anwachsen der Bevölkerung ging auch seit je ein erhöhter Bedarf an Wohnraum einher, wobei nicht mehr Grund verbaut wird, sondern – ebenfalls in Absprache innerhalb der Allmeinde – zu bestehenden Häusern zugebaut wurde: Überall entstanden kleine Anbauten, Vorsprünge und Aufbauten, was wiederum dazu führte, dass neue Fenster ausgebrochen und andere verschlossen, neue Aufgänge und Eingänge nötig, neue Dachgauben eingeschnitten wurden, dass die Bank vorm Haus plötzlich anderswo Platz finden musste oder ein kleiner Parkplatz geschaffen wurde. Mitten in den Orten blieben jedoch immer allgemeine Flächen für den Gemüseanbau übrig – gemeinschaftliche Nutzflächen, wie sie heute als Urban Gardens in den Städten in Mode sind. Erst in jüngerer Zeit entstanden im Fleimstal auch akkurate Privatgärten mit Rasen, Hecke, Zaun und Entspannungsplätzen für Touristen. Ansonsten findet jedoch immer noch alles nebeneinander und übereinander Raum, die „Koexistenzen“ des Titels sind im Fleimstal allgegenwärtig. Dieser Wildwuchs, diese Schichtung von Raum über Raum über Raum ist eines der zentralen Motive von Walter Niedermayrs Bildern. Bewusst hat er die Häuser und Straßen nicht bei bedecktem Himmel fotografiert und keine Menschen abgebildet, um den Blick auf die Bauten und Räume zu lenken und so den Zusammenhang zwischen Gesellschaftssystem und Baukultur besser sichtbar zu machen. Man sollte sich die Zeit nehmen und diese Bilder eingehend betrachten. Jedes einzelne von ihnen hält erstaunliche Details bereit, zusammen bilden sie eine unschätzbare historische Dokumentation einer Region im Wandel.

Walter Niedermayr Koexistenzen

Ein Projekt über die Talgemeinde Fleims 
Walter Niedermayr Koexistenzen

© Courtesy Walter Niedermayr, Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm, Galerie Johann Widauer, Innsbruck

aut. architektur und tirol
Lois-Welzenbacher-Platz 1
6020 Innsbruck
www.aut.cc
25.10.2017–23.02.2018
Di–Fr 11–18 Uhr
Do 11–21 Uhr
Sa 11–17 Uhr
an Feiertagen geschlossen

Zur Ausstellung
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