Strasser Sänger
Stille Nacht! Heilige Nacht!

Von Tirol in die Welt

Wie wird ein Lied zum Hit? Foto: Privatarchiv Martin Reiter

Schon vor 200 Jahren waren dafür nicht nur die richtige Melodie, sondern auch die idealen Interpreten notwendig. Wer wissen will, wie „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ weltberühmt wurde, wird im Zillertal fündig – und entdeckt eine Geschichte voller Zufälle, Mut, Glück und Talent.

Wer sich von der Konkurrenz abheben will, muss sich etwas einfallen lassen: Das war schon im Jahr 1831 nicht anders. Deshalb setzte der Zillertaler Handschuhhändler Lorenz Strasser am Weihnachtsmarkt in Leipzig auf eine besonders gewiefte Methode – und seinen größten Trumpf: Seine musikalischen Kinder.

Vier talentierte Geschwister und das Glück

Mit ihren schönen Stimmen und den volkstümlichen Liedern, die oft von der Heimat und den Bergen erzählten und stets in Tiroler Tracht gekleidet, begeisterten die vier Geschwister die Kundschaft.  „Dass Tiroler Bauern im Winter als fahrende Händler unterwegs waren, war zu dieser Zeit nicht unüblich. Irgendwann haben sie gemerkt, dass die Waren besser verkauft werden, wenn man dazu Tiroler Lieder singt“, sagt Dr. Sandra Hupfauf. Die Musikwissenschafterin hat zum Thema Tiroler Nationalsänger geforscht.

Zum Repertoire der talentierten Geschwister Strasser gehörte auch ein bis dahin weitgehend unbekanntes Weihnachtslied: „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ Der Orgelbauer Carl Mauracher aus Fügen hatte es von einer Arbeitsreise aus dem benachbarten Salzburg in das heimatliche Zillertal mitgebracht: Dort verbreitete sich die schlichte Weise schnell – und Anna, Amalie, Carolie und Josef Strasser sangen die Melodie nun am Weihnachtsmarkt in Leipzig.

Der Zufall führt auch den Organisten der katholischen Gemeinde in Leizpig, Franz Alscher, an diesem Tag auf den Markt. Überliefert ist, er sei von dem Weihnachtslied und dem Gesang der Strasser-Gruppe entzückt gewesen und bat sie, das Lied in der Weihnachtsmette in der königlich-sächsischen Hofkapelle der Pleißenburg zu singen. Kurz vor ihrer Abreise im Jänner 1832 traten die Vier noch einmal auf und gaben „Tiroler Nationallieder“ zum Besten, wie die Allgemeine Musikalische Zeitung Leipzig berichtete.

Im Dezember 1832 kehrten die Strasser-Geschwister nach Leipzig zurück. Ihr Auftritt und ihr Gesang waren noch in guter Erinnerung und so wurde für den 15. Dezember 1832 ein Konzert im Hotel de Pologne angekündigt. Für dieses Konzert gab es den ausdrücklichen Wunsch, das Weihnachtslied zu singen: Die Bitte nach „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ wurde sogar im Leipziger Tageblatt veröffentlicht. Zwei Tage später, am 17. Dezember 1832, erschien eine Rezension über das Konzert in der Zeitung: ... auch hatten die Sänger dem in diesem Blatte ausgesprochenen Wunsche, das schöne Weihnachtslied "Stille Nacht" vorzutragen, freundlich entsprochen.

Erneut spielt nun der Zufall eine Rolle, denn bei diesem Konzert soll auch der Verleger August Robert Friese als Zuhörer im Raum gewesen sein. Er publizierte (vermutlich 1833) die „Vier ächten Tyroler Lieder“, die Nummer vier war das berühmte „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Auf diese erste Veröffentlichung folgten bald noch weitere. Obwohl das Lied natürlich aus Salzburg stammt, galt „Stille Nacht!“ lange Zeit allgemein als Tiroler oder Zillertaler Volkslied. Das liegt auch daran, dass die Geschwister Strasser die ursprüngliche Melodie nach ihrem Geschmack umgeformt und neu zurechtgesungen haben. So entwickelte sich aus der Melodie ein Volkslied, das durch Druckausgaben, aber auch durch viele andere Tiroler Sängergruppen auf der ganzen Welt bekannt wurde. 

Die Geschwister Strasser selbst zogen nach ihrem großen Erfolg in Leipzig als reisende Sängergruppe durch ganz Europa und traten unter anderem in Berlin und Dresden auf. Ihre ergreifende Darbietung des Weihnachtsklassikers inspirierte auch andere: Der Berliner Domchor übernahm das Lied nach einem Auftritt der Strasser-Familie in sein Repertoire. König Friedrich Wilhelm von Preußen IV. kürte es sogar zu seinem Lieblingslied. Nach dem frühen Tod von Amelia Strasser im Jahr 1835 traten die Geschwister Strasser nicht mehr öffentlich auf. Das Musikstück aber setzte seine Reise um die Welt fort.   

Der Mutige: Ludwig Rainer

Im Jahr 1839 fasste ein anderer Zillertaler Mut. Und den brauchte er für sein Vorhaben auch: Ludwig Rainer war erst 18 Jahre alt, als er sich im Jahr 1839 von Fügen aus aufmachte, um gemeinsam mit seinem Gesangs-Quartett das ferne, unbekannte Amerika zu erobern.

Ludwig war wohl auch vom großen Erfolg seiner Mutter Maria beflügelt: Sie und ihre Geschwister waren als „Ur-Rainer“ europaweit bekannt geworden und hatten die Tiroler Nationalsängertradition mitbegründet. Fast zehn Jahre, bevor die Strasser-Geschwister in Leipzig auftraten, reiste die Familie Rainer bereits in Tracht durch Europa und sang volkstümliche Schlager. 1822 traten die Ur-Rainer in Fügen vor Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. von Russland auf.

Diese Begegnung brachte Glück und Zufall ins Rollen: Der Zar war vom Gesang der Rainer-Geschwister begeistert und lud sie nach St. Petersburg ein. „Die Reise dorthin klappte zwar nie, doch sie wurden stets über Empfehlungen von Hof zu Hof weitervermittelt. Das war schon etwas Besonderes, dass Menschen, die eigentlich von einem niedrigen Stand kamen, plötzlich vor Königen und Fürsten auftreten durften“, sagt Sandra Hupfauf. So landeten die Ur-Rainer schlussendlich sogar beim englischen König Georg IV. „Die Tiroler Nationalsänger waren in England etwas ganz Neues und sind daher sehr schnell bis ins Königshaus gekommen. Die Ur-Rainer müssen irrsinnig viel Geld gemacht haben bei ihrer ersten Reise dorthin“, sagt Hupfauf.

Nachfahre Ludwig hatte für sein Quartett, das im Englischen „The Rainer-Family“ genannt wurde, bestimmt ähnliche Träume. Und nicht nur er: Die Mitglieder der Gruppe wurden von einem amerikanischen Unternehmer förmlich gecastet, um den original Rainer-Geschwistern wieder möglichst ähnlich zu sein. Mit Ludwig gingen schließlich seine Cousine Helene -  ebenfalls eine Rainer –, Simon Holaus und Margarete Sprenger auf Tour.

Sie starteten ihre Konzertreise in Boston, dann führte der Weg nach New York. Am Weihnachtsabend gaben sie ein Konzert. Dort, unter freiem Himmel vor dem Hamilton Monument soll dann zum ersten Mal das berührende „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in Amerika erklungen sein. „Damals gab es viele katholische, deutsche Einwanderer. Diese wollten ihren Glauben auch in der neuen Heimat ausüben. Die Rainer-Gruppe war bei ihrer Amerika-Reise oft bei deren Feierlichkeiten zu Gast. Außerdem traten sie wiederholt im kirchlichen Umfeld, bei Spendenveranstaltungen oder Weihnachtsmessen auf“, sagt Hupfauf. So könnte sich das österreichische Weihnachtslied in Amerika weiterverbreitet haben. Ludwig war mit der Gruppe bis 1843 unterwegs, dabei änderte sich die Besetzung immer wieder: Eine Zeitlang wurde sogar ein junger Ire als „Original Rainer“ auf Konzerte mitgenommen, denn die Cousine Helene war mit dem Tourmanager durchgebrannt und so schnell konnte kein Tiroler Ersatz gefunden werden.  

Botschafter Tirols und der Stillen Nacht

Anekdoten wie diese sind nicht nur unterhaltsam und spannend: Sie zeigen auch, dass die reisenden Sängergesellschaften, von denen es im 19. Jahrhundert zahlreiche gab, vor allem eines waren: Die ersten Botschafter Tirols. „Diese Tradition entstand genau in der Zeit nach Andreas Hofer. Da wusste man überall in Europa wo Tirol ist, weil der Sandwirt sich eben gegen Napoleon gestellt hatte. Genau damals kam auch der Tourismus in Fahrt: Zuerst in der Schweiz, wo bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Alpinisten kamen. Langsam merkte man dann, dass es auch Interesse gab, in die Berge nach Tirol zu fahren. Und die Sängergesellschaften haben das noch gepusht“, erklärt die Wissenschafterin.

Für Hupfauf ist auch klar: Ohne die Nationalsänger wäre „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ heute nicht weltberühmt „Es waren die ersten professionellen, kommerziellen Sängergruppen, die in Gasthäusern und in Höfen gesungen haben. Sie haben das Lied verbreitet.“