Thaurer Muller
Thaurer Mullerlaufen

Hexen, Zottler, Krameter

Am 4. Februar 2018 zeigen sich die Fasnachtsfiguren beim Thaurer Mullerlaufen in all ihrer Vielfalt und Farbenpracht. Text: Esther Pirchner
Bild: Axel Springer

Buntes Treiben

Sie wissen nicht, worum es geht, wenn vom „Einimullen“ „Trestern“ und „Abmullen“ die Rede ist, wenn ein „Frosch“, ein „Zottler“, „Klötzler“ oder „Krameter“ zu sehen ist? Dann wird es Zeit, sich die Fasnachtsfiguren und -bräuche der Thaurer Muller genauer anzusehen. Ihre Auftritte bei Bällen, in Gasthäusern, bei Vereinsabenden und anderen Zusammenkünften während der Fasnacht sowie beim alle vier bis fünf Jahre stattfindenden Umzug, dem „Thaurer Mullerlaufen“, sind die besten Beispiele für das sprichwörtliche „bunte Treiben“ im Fasching.

Thaurer Muller Hexe

Hexen, Bären und Klötzler machen Platz für die anderen Muller und dürfen mit den Zuschauern ihre Späße treiben.

Die Muller gehören zu MARTHA

In die Fasnacht geht man in der Tiroler Gemeinde Thaur in der Nähe von Innsbruck schon seit Jahrhunderten. Die ausgelassenen und manchmal wohl auch wilden Bräuche sind in Form von behördlichen Verboten erstmals dokumentiert. Doch das Nicht-Dürfen kümmerte die Thaurer nur bedingt. Trotz einiger Unterbrechungen gaben die „Muller“ – wie in den MARTHA-Dörfern (= Mühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam) überhaupt – ihre Bräuche und ihr Wissen von Generation zu Generation weiter. „So ist das bis jetzt und so geht es hoffentlich noch viele hundert Jahre weiter“, meint der Vereinsobmann der Thaurer Muller, Michael Zarfl. Schließlich stellt der Brauch symbolisch dar, wie der Winter dem Frühling unterliegt – nicht nur im noch immer bäuerlich geprägten Thaur ein jährlich herbeigesehntes Ereignis. Für dieses Ziel werden Monturen genäht und mit Fransen, Holzplättchen, Bommeln (= Zaggelen) ausgestattet, Masken geschnitzt, Hüte mit Bändern, Spiegeln und Fellen geschmückt, bis eine der vielen speziellen Figuren entstanden ist. Jede von ihnen führt andere Tanzschritte, Sprünge und Schuhplattler aus, und so gibt es beim „Einimullen“ bei Bällen oder Vereinsabenden zwischen dem Auftakt am 16. Januar und dem „Begräbnis“ am Unsinnigen Donnerstag, wenn der Fasching wieder zu Grabe getragen wird, viel Unterschiedliches zu sehen.

Wir gehören zu den wenigen, die sagen können, dass Sie original und unverfälscht sind. darauf sind wir auch stolz. 

Michael Zarfl, Obmann der Thaurer Muller

Platz machen für den Auftritt

Dabei wird die Reihenfolge streng eingehalten: Zunächst bringt sich der Spieler im Raum in Position und beginnt den Mullerwalzer – selbstverständlich im Dreivierteltakt. Dann schaffen Hexen und Klötzler Platz für den Auftritt. Eine Hexe braucht unbedingt einen Besen und eine gewisse charmante Unverfrorenheit. Ein Klötzler braucht das typische Gewand, das mit Plättchen aus hellem oder bunt gebeiztem Holz benäht ist, und ein sportliche Konstitution, damit diese Plättchen beim Tanzen in Bewegung geraten und klappern.

Der Spieler …
Der Spieler …

… eröffnet den Einzug der Muller mit dem Mullerwalzer

Die Bären …
Die Bären …

… gehören zu den wilden Platzmachern.

Der Weisse …
Der Weisse …

… vollführt Sprünge über den Ulrichstecken.

Die Melcher …
Die Melcher …

… sind neben den Weißen, Spiegeltuxern und Alten typische Frühlings- und Sommerfiguren.

Die Spiegeltuxer …
Sie Spiegeltuxer …

… sind die prachtvollsten Sommerfiguren.

Der Sommer ist prachtvoll

Erst wenn die beiden den Weg frei gemacht haben, „trestern“ die Frühlings- und Sommerfiguren herein, wie das rhythmische Tanzen genannt wird. Zu ihnen gehören der Weiße mit seinen weißen, mit Bändern geschmückten Hosen, der Maske eines jungen Mannes, dem kleinen Hut mit Glasbarteln, den bestickten Hosenträgern und der Talerkette und der Melcher, der dem Weißen in vielem ähnelt, aber eine kurze Lederhose trägt. Während der Weiße hereintänzelt und immer wieder Sprünge über seinen dünnen, gebogenen „Ulrichstecken“ vollführt, muss der Melcher ein guter Schuhplattler sein. Nicht mehr ganz so springlebendig wie die beiden ist der Alte – eine Figur, die sonst beim Umzug auf dem Wagen der Altbäurischen zu finden ist. Die Symbolfigur eines alten Thaurer Wirts mit Kniehose, blauen Stutzen, goldgesticktem Adler und älterer Maske steigt, statt zu tanzen, lieber über seinen Gehstock. Die prächtigste und wahrscheinlich bekannteste Thaurer Mullerfigur ist der Spiegeltuxer, der mit seinem farbenfrohen Kopfaufbau alle anderen Figuren überstrahlt: Kleine Spiegel, Blümchen und Glaskugeln, weiße Hahnenfedern und dunkle Spielhahnstöße, am Hinterkopf bunte Bänder und am Gewand drei Talerketten kennzeichnen diese schmucke Sommerfigur. Und weil die Männer hinter der Spiegeltuxermaske nicht nur die ganze kiloschwere Pracht tragen, sondern auch mit ihr platteln müssen, werden ihnen besonders viel Kraft, Geschick und Ausdauer abverlangt. Die Spiegel sind übrigens nicht nur den Spiegeltuxern vorbehalten, ein viereckiger findet sich auch inmitten des Radels, des halbkreisförmigen Kopfputzes anderer Figuren, und das aus gutem Grund: Schließlich sollen sich die Winterdämonen darin erkennen und vor lauter Schreck auf- und davonlaufen.

Frosch
Zottler
Zottler Kopfschmuck

Die Winterfigur „Zottler“ mit ihren Fransen und dem Kopfschmuck mit Pfauenfedern und Fuchsfell unterwirft sich mit dem „Frosch“ der Frühlingsfigur „Melcher“. 

Dunkle Gestalten im Winter

Herbst und Winter symbolisieren Zaggeler, Fleckler und Zottler. Die ersteren sind an den hell- oder dunkelblauen Gewändern gut zu erkennen, die mit bunten Zaggelen und Glöckchen benäht sind. Schwarze Gockelfedern und ein Hasenfell zieren den Kopfputz, Larve und Bewegungen sind weniger freundlich und lustig als die der Sommerfiguren. Dass es in der Thaurer Fasnacht schon früher Fleckler gegeben hat, ist alten Quellen zu entnehmen – und genau diese inspirierten in den 1970er-Jahren einen Thaurer, diese bunte Herbstfigur wiederaufleben zu lassen. Ihr Kopfschmuck ähnelt dem der Zaggeler, aber statt eines Hasenfells kommt hier ein Fuchspelz zum Einsatz – sozusagen ein Übergang zum Zottler, dem wilden, rauen Vertreter des Winters. Zottler schmücken sich neben dem Fuchs auch mit Pfauenfedern auf dem Kopf und mit handgezupften Fransen aus Kartoffelsäcken am Gewand, die in den typischen Mullerfarben Grün, Gelb, Rot und Blau gefärbt werden. Für diese Figuren gelten auch tänzerisch andere Regeln als für die anderen: Nicht mehr ein lustiger Mullerwalzer oder Plattler gibt hier den Takt vor, sondern eine rauere Musik, die zum Gebaren der Zottler passt. Hier kommt auch der Frosch ins Spiel, bei dem es sich nicht um eine Fasnachts-, sondern um eine Tanzfigur handelt: Der Zottler legt sich dabei mit angewinkelten Knien rücklings auf den Boden und springt aus dieser Position auch wieder auf. Liegt er am Boden, kann ein Melcher oder Weißer auf seinen Ranzen steigen: Der Frühling siegt über den Winter.

Die Zaggeler …
Die Zaggeler …

… tragen hell- oder dunkelblaue Gewänder mit bunten Quasten (=Zaggelen)

Die Fleckler …
Die Fleckler …

… sind Figuren, die nach Überlieferungen wieder neu gestaltet wurden.

Klötzler …
Klötzler …

… tragen bunte Holzplättchen auf der Montur und erzeugen so beim Tanzen einen hölzernen Rhythmus.

Die Zottler …
Die Zottler …

… tanzen, dass die Fransen fliegen.

Fell und Federn …
Fell und Federn …

… schmücken den Kopfputz der Winterfiguren.

Ein Tanz zum Auftanz

Die Reihenfolge, in der die verschiedenen Figuren ihre Künste zeigen, ist bei einem Auftritt festgelegt. Die Musik zu dem Auftanz im Kreis ist der „Reith im Winkel“. Anschließend werden die Zuseher abgemullt: Sie bekommen einen Schlag auf die Schulter, der Fruchtbarkeit bringen und alles Böse vertreiben soll, und hintennach einen Schnaps. Zum anschließenden Freitanz suchen sich die Muller dann eine Frau, mit der sie übers Parkett walzen, oft ist es eine, die ihnen bei der Herstellung oder Ausbesserung ihrer Monturen tatkräftig geholfen hat. Denn auch wenn Mullen Männersache ist und die Muller stolz sind auf alles, was sie an ihrem Gewand selber machen können, liegen die feineren Arbeiten nach wie vor in den Händen der Frauen.

Muller beim Tanz

Frauen, die bei der Herstellung der Gewänder mitgeholfen haben, werden von den Mullern zum Tanz aufgefordert.

Auf zum Thaurer Mullerlaufen!

In ein paar besondere Monturen wie die Lall, eine Spottfigur, die Bären oder – sehr selten – die Affen, die wie die Hexen Platz für die anderen schaffen, haben die Thaurer ebenfalls. Doch nicht alle Mullerfiguren sind bei den „gewöhnlichen“ Auftritten zu sehen. Um manche zu Gesicht zu bekommen, muss man sich schon zum Thaurer Mullerlaufen bemühen, das alle vier bis fünf Jahre stattfindet. Am 4. Februar 2018 machen sich die Muller wieder von vier Seiten durchs Dorf auf. Auf diese Weise bekommen alle Zuseher zugleich etwas zu sehen: Die oben genannten Figuren, aber auch ein paar Spottwägen ziehen durchs Dorf, etwa das Thaurer Fasserrössl oder die oben genannten Altbäuerischen. Auch sie haben eine lange Tradition, sind sie doch mit anderen Fasnachtsfiguren in einer Krippe dargestellt, die im Tiroler Volkskunstmuseum zu sehen ist. Die wohl ungewöhnlichste Mullerfigur ist aber der Krameter, für den sich ein Muller mit Haut und Haar in Wacholderzweige einpacken lässt: Den stacheligen Gestalten, deren Kostüm bis zu 40 Kilo wiegt, weicht man als Zuseher gerne aus, um nachfolgenden Figuren ihren Raum zu lassen. Aber auch wenn man nur allzu gerne wüsste, wer sich in dem mattgrünen Kostüm verbirgt, wird man das Geheimnis nicht leicht lüften – schließlich tauchen die Krameter zum Umzug bevorzugt in schon ganz verpackt auf und geben sich auch nach dem Ende des Mullerlaufens nicht zu erkennen.

Thaurer Muller

Thaurer Muller auf dem Thaurer Jungbauernball 2018.
Video: Target Group, Axel Springer 

Thaurer Mullerlaufen

am 4. Februar 2018, 13:30 Uhr, Thaur
Thaurer Mullerlaufen

Wer abgemullt wird, erhält ein Schnapsl.

Start: 13:30 Uhr an vier Stellen des Dorfes
Eintritt: 7 Euro – davon geht 1 Euro an die Tiroler Hospizgemeinschaft
Kinder unter 14 Jahre frei

Thaurer Muller
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