Palmbrezen backen und Palmbinden in Thaur
Palmbrezen und Palmeselen

Gelebte Tradition

Die Palmsonntagsprozession in Thaur ist etwas ganz Besonderes in Tirol. kultur.tirol hat Erika Höpperger und Konrad Giner bei den Vorbereitungen dafür über die Schulter geschaut.   Text: Julia Tapfer
Bild: Axel Springer

Beim Eintreten ins Haus steigt bereits ein zarter Duft in die Nase. Er verrät schon im Hausgang, was in der Küche passiert: Heute ist Backtag. Normalerweise backt Erika Höpperger einmal in der Woche Brot für die Bauernkiste und den Bauernladen in ihrem Heimatdorf Thaur. Dann steht sie von morgens um sechs bis abends um acht in der Küche und fertigt schnell und gekonnt Kornstangen, Baguette oder auch Rosinenbrötchen. Heute formt sie mit ihren Händen aber etwas anderes. Nur einmal im Jahr, und zwar am Palmsonntag, gibt es in Thaur die traditionellen Palmbrezen, die als Schmuck in die schön gezierten Palmbuschen und Palmeselen eingebunden werden. Da der Feiertag schon in wenigen Tagen ansteht, widmet Erika Höpperger ihren Tag heute ganz den Brezen.

Brot gibt Kraft - Natur pur

Beim Eintreten ins Haus wird man mit einem besonders passenden Sinnspruch begrüßt.

Erika Höpperger wird heute 160 Palmbrezen backen. Nur wenige Thaurer machen ihre Brezen nämlich selbst, die meisten kaufen sie beim Bäcker, im Supermarkt oder eben im Bauernladen. Auch Erika hat das früher so gemacht. Vor 20 Jahren begann sie dann aber damit, die Palmbrezen selbst zu backen, und hat damit gewissermaßen eine alte Tradition wiederbelebt. „Ich habe mir das selbst angeeignet und dann auch selbst Rezepte zusammengesucht und ausprobiert“, erzählt sie. Das Brezenbacken war am Anfang gar nicht so einfach, manchmal ist der Teig einfach gerissen oder ließ sich nicht gut drehen, erinnert sich die leidenschaftliche Bäckerin. Heute sind aber all ihre Handgriffe längst Routine. Wenn man ihr bei der Arbeit zuschaut, strahlt Erika eine Ruhe und Gelassenheit aus, dass es so wirkt, als gäbe es nichts Einfacheres auf der Welt, als wunderschöne, kleine Brezen zu formen.

Erika Höpperger beim Backen

Erika Höpperger ist auf einem Bauernhof in Stans aufgewachsen. Die Grundlagen des Brotbackens hat sie von ihrer Mutter gelernt, daraus hat sie dann aber ihre eigenen Rezepte kreiert. „Man muss sich auch weiter-entwickeln“, schmunzelt sie. Vor 20 Jahren hat die gelernte Herrenschneiderin ihre Leidenschaft zum Brotbacken entdeckt. Ihre Produkte gibt es im Thaurer Bauernladen und in der Bauernkiste.

Mehl, Milch, Pflanzenmargarine oder Butter, Germ, Salz und Zucker. Mehr braucht es nicht für den Brezenteig. Während im mobilen Schamottofen mitten in der Küche bereits 40 Brezen auf einem Blech langsam ihre goldige Farbe annehmen, bereitet Erika kleine Teigklumpen vor, aus denen die nächsten Palmbrezen geformt werden. Sie schneidet mit einem Messer kleine Stücke vom Teig ab und legt sie auf die Waage. Wenn diese nicht 22 oder 23 Gramm anzeigt, zupft Erika mit ihren Fingern noch ein bisschen Teig darauf. „Die Brezen sollen danach ja alle ungefähr die gleiche Größe haben“, erklärt sie. Trotzdem sei jede Breze ein Unikat. Dass sie von Hand gemacht und nicht von einer Maschine geformt wurden, dürfe man ruhig sehen, so Erika.

Aus den Teigstückchen dreht sie zehn bis zwölf Zentimeter lange Röllchen und meint dabei: „Das ist Gefühlssache. Man kann nicht alles genau abmessen.“ Dann ist der Teig schon soweit vorbereitet, dass nur noch der letzte Schritt fehlt – das Brezendrehen. Mit gekonnten Handgriffen werden die Röllchen immer dünner und länger, dann fasst Erika die zwei Teigenden mit ihren Fingern, schlägt sie kreisförmig nach innen, „einmal über Kreuz“ und schon liegt die fertige Breze neben den anderen auf dem Blech. „Wichtig ist, dass man sie jetzt noch ein bisschen ruhen lässt und nicht sofort in den Ofen schiebt“, rät Erika allen, die das Brezenbacken selbst ausprobieren wollen.

Erika portioniert den Teig in gleichmäßige, kleine Stücke.
Portionieren

Erika schneidet den Teig in kleine Stücke, damit die Brezen danach ungefähr die gleiche Größe haben.

Mit einer Waage wurden die Teigportionen genau abgewogen.
22 Gramm

Mit einer Waage werden die Teigportionen genau abgewogen.

Erika formt die Teigröllchen für die Brezen.
Brezendrehen

Damit eine Breze aus dem Teig entstehen kann, muss Erika zuerst den Teig in dünne, lange Stränge formen.

Bevor die geformten Brezen in den Ofen kommen, werden sie noch mit Ei bestrichen.
Für den besonderen Glanz

Bevor die geformten Brezen in den Ofen kommen, werden sie noch mit Ei bestrichen.

Nach nur zwölf Minuten kommen die Brezen duftend aus dem Ofen.
Goldenes Fastengebäck

Nach nur zwölf Minuten kommen die Brezen duftend aus dem Ofen.

Nach ungefähr einer Viertelstunde bestreicht Erika die Brezen noch mit Ei – das sorgt für die schöne goldene Farbe nach dem Backen. „In den großen Konditoreien wird einfach Wasser auf die Brezen gespritzt, das geht schneller und sie glänzen dann auch. Ich will aber schöne Brezen machen“, sagt Erika lachend und schiebt das Blech in den Ofen. Nach zwölf Minuten sind die Palmbrezen fertig. Goldig und dampfend kommen sie aus dem Ofen und sind nun bereit für ihren großen Auftritt am Palm. Dafür muss dieser aber erst gebunden werden. Der gebürtige Thaurer Konrad Giner steht schon bereit, um uns in das traditionelle Handwerk des Palmbindens einzuweihen.

Erika Höpperger bäckt für kultur.tirol die Palmbrezen

Palmeselen binden

Der Palmsonntag ist in Thaur ein wichtiger Feiertag. Die Tradition des Palmbindens für das katholische Fest, bei dem der Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert wird, gibt es zwar nicht nur hier, die Prozession ist aber doch was sehr Spezielles. Um 13 Uhr trifft sich die Kirchengemeinde in Thaur, um gemeinsam zur Schlosskirche – im Volksmund Romedikirchl genannt – zu ziehen. Von dort geht es weiter bis nach Rum und über die Felder wieder zurück zum Ausgangsort. Um die zwei Stunden ist der Menschenzug, begleitet von Chorälen einer Abordnung der Musikkapelle, unterwegs. Besonders stolz sind die Thaurer auf ihre um die 250 Jahre alte Christusfigur, die auf einem Esel sitzt und von den Ministranten auf einem Wagen den ganzen Weg mitgezogen wird. Die Kinder tragen bei der Prozession auch die sogenannten Palmeselen mit. Konrad Giner ist gerade dabei, einen solchen zu binden.

Konrad Giner
Immergrün liegt frisch geschnitten bereit.
Auf dem Tisch liegt bereits alles bereit, was benötigt wird.

Konrad Giner hat in der Werkstatt alles bereitgelegt, was es zum Palmbinden braucht. Die immergrünen Zweige und die Palmkätzchen symbolisieren das Leben und die Auferstehung.

Das Grundgerüst für das Palmesele ist aus Holz. In die Mitte wird später eine Jesusfigur gesetzt, die Seitenstränge werden aber vorher verziert. Das Palmbinden hat Konrad Giner von seinem Vater gelernt. Gerne erinnert er sich an seine eigene Kindheit zurück, als er selbst bei der Prozession stolz ein Palmesele trug. An seine beiden Söhne hat er die Tradition ebenfalls weitergegeben. Heute bindet er aber ein Palmesele für den dreijährigen Sohn des Nachbarn. In der Werkstatt von Romed Unsinn haben die Männer alles vorbereitet, was es zum Palmbinden braucht. Als Erstes greift sich Konrad eine Weidenrute und ein Messer. „Die Weiden werden gespalten, damit man sie besser binden kann“, erklärt er, während er die Äste der Länge nach halbiert.

Dann geht es auch schon an die eigentliche Arbeit. Die gespaltenen Weidenruten werden in akribischer Handarbeit um die Holzstäbe des Palmesele-Gerüsts gewickelt. Dazwischen windet Konrad kleine Büschel von Zedern, Wintergrün und Buchs ein, sodass sich das Palmesele schon nach kurzer Zeit in eine Art kleinen, geschmückten Pavillon verwandelt. „Das ist nicht ganz einfach und es kann passieren, dass die Weide sich wieder abwickelt“, weiß Konrad aus Erfahrung. Geknüpft, genagelt oder geklebt wird diese nämlich nicht. Heute hat er aber Glück, die Weidenäste sind noch frisch und saftig und lassen sich leicht biegen. Das Palmesele nimmt seine Form an.

Konrad Giner bindet das Palmesele.
Beim Palmesele-Binden

Geschickt windet Konrad die Weide um das Holzgerüst.

Damit sich die Weidenruten gut biegen lassen, stehen die frisch geschnittenen Äste im Wasser.
Die Weidenruten

Damit sich die Weidenruten gut biegen lassen, stehen die frisch geschnittenen Äste im Wasser.

Die Weidenruten werden mithilfe eines Messers angeschnitten und dann gespalten..
Weidenruten Spalten

Die Weidenruten werden mithilfe eines Messers angeschnitten und dann gespalten.

Kleine Büschel von Zedern, Wintergrün und Buchs werden eingewunden.
Immergrün

Kleine Büschel von Zedern, Wintergrün und Buchs werden eingewunden.

Früher war es nur den Burschen vorbehalten, bei der Prozession Palmeselen mitzutragen. Mittlerweile machen das auch die Mädchen. Das freut auch Konrad, kann er so vielleicht doch schon bald seiner eigenen Enkelin ein Palmesele binden. Bevor es am Palmsonntag aber zur Prozession geht, trifft sich die Kirchengemeinde bereits in der Früh zur heiligen Messe und zur Palmweihe. Kleine Palmbuschelen werden dort etwa vom Jugendclub für einen guten Zweck verkauft. Die Familien nehmen diese dann mit ins eigene Heim, wo sie das Haus und seine Bewohner beschützen sollen. „Bei uns zu Hause kommt der Palm auf den Dachboden, um vor Blitzschlag zu schützen“, erklärt Konrad Giner seinen eigenen Familienbrauch. Mancherorts kommt er auch aufs Feld, um für eine gute und sichere Ernte zu sorgen. Erst einige Tage vor dem Palmsonntag des nächsten Jahres wird das Palmesele wieder geholt und für den nahenden Feiertag neu geschmückt.

Das Palmesele ist geschmückt.
Das Palmesele

Romed Unsinn legt noch die bunten Bänder am Palmesele zurecht, dann ist es bereit für seinen Einsatz.

Die Jesusfigur hat Romed selbst als Sechsjähriger von seiner Oma geschenkt bekommen. Nun steht sie auch im Palmesele seines Sohnes.
Jesus auf dem Palmesel

Die Jesusfigur hat Romed selbst als Sechsjähriger von seiner Oma geschenkt bekommen. Nun ist sie Teil des Palmeseles seines Sohnes. 

Die Schlosskirche, die im Hintergrund zu sehen ist, ist die erste Station der Prozession am Palmsonntag.
Das Romedikirchl

Die Schlosskirche, die im Hintergrund zu sehen ist, ist die erste Station der Prozession am Palmsonntag.

Mittlerweile schaut das Palmesele für den Nachbarssohn schon sehr festlich aus. An die Spitze bindet Konrad nun ein Büschel aus Ölzweigen und Palmkätzchen. Erstere stammen von seinem eigenen Baum, den er erst vor Kurzem geschnitten hat. „Die Palmkätzchen muss man zur richtigen Zeit sammeln. Das hängt immer von der Witterung ab“, gibt der Thaurer zu bedenken. Wenn Ostern sehr spät fällt und Bäume und Sträucher sehr früh austreiben, muss man entweder schattige Plätzchen aufsuchen, um noch Palmkätzchen zu finden, oder diese früher sammeln und im dunklen Keller lagern. 

Ist das Palmesele fertig gebunden, fehlt nur noch der Schmuck. Bunte Bänder sollen die Freude an diesem Festtag zum Ausdruck bringen. Zudem werden Äpfel und Orangen festgebunden. Und auch die Palmbrezen. Nach der Prozession bekommt so jedes Familienmitglied eine geweihte Speise – eine schöne Tradition, die in Thaur bis heute gepflegt wird.

Die Jesusfigur wird auf einem Wagen mitgezogen.
Die Prozession am Palmsonntag erfreut sich immer größerer Beliebtheit.
Die Prozession zieht bis zur Romedikirche.

Bei der Prozession am Palmsonntag wird die 250 Jahre alte Jesusfigur auf einem Wagen mitgezogen. In den vergangenen Jahren erfreute sich die Prozession immer größerer Beliebtheit. Heute gehen um die hundert Kinder mit.

Fotos: Joe Bertsch

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