Der Bär symbolisiert beim Fisser Blochziehen das Bändigen der Naturgewalten, aber auch Fruchtbarkeit.
Fisser Blochziehen

„Echte Tiroler Fasnacht“

Am 28. Jänner 2018 findet wieder das traditionelle Fisser Blochziehen statt. Für kultur.tirol legte die heurige Leitfigur die Maske ab. Text: Julia Tapfer

Wenn er die Pratzen nach oben reißt, misst er fast zweieinhalb Meter. Das Maul ist weit aufgerissen und die Augen leuchten strahlend rot. Dieser Bär ist respekteinflößend und bewundernswert zugleich. Sein Fell glänzt hier im Schnee in den verschiedensten Brauntönen. Es ist aus Hirschfell gefertigt und wie die mit Fell überzogene Holzmaske nagelneu. Beim Blochziehen am 28. Jänner in Fiss soll er nämlich glänzen. Schließlich ist der Bär dieses Jahr als Leitfigur des traditionellen Fasnachtsbrauchs ausgewählt worden und beim Umzug werden um die 10.000 Augenpaare auf ihn gerichtet sein.

Markus Schmid verkörpert beim Fisser Blochziehen den Bären.

Im „normalen“ Leben ist Markus Schmid in einem Sportfachgeschäft tätig. Am 28. Jänner verwandelt er sich in den Bären.

Foto: Axel Springer

„Es ist eine große Ehre, der Bär zu sein“, sagt Markus Schmid, als er sich die Maske vom Kopf nimmt. Das Gesicht mit dem verschmitzten Lächeln des 28-jährigen Fissers kommt darunter zum Vorschein. Mit einer Körpergröße von über zwei Metern ist er prädestiniert für diese Figur. Er darf deshalb bereits zum dritten Mal in die Rolle des Bären schlüpfen. Ein Privileg, wie er weiß. Beim alle vier Jahre stattfindenden Blochziehen in Fiss entscheiden die Teilnehmer nämlich nicht selbst, welche Rolle sie verkörpern. Das Blochbaumkomitee sucht für jede Figur den geeigneten Mann aus dem Dorf aus. „Das ist nicht immer eine leichte Entscheidung“, weiß Christian Kofler, Obmann des Blochziehvereins. Trotzdem komme es so gut wie nie vor, dass jemand die ihm zugeteilte Rolle nicht annehmen möchte.

Der Obmann des Blochziehvereins Christian Kofler.

Foto: Axel Springer

„Bei uns wird nichts verkitscht“, stellt Christian Kofler klar. Das Bewahren der alten Tradition ist für die Fisser ein zentrales Anliegen.

Das auf 1.436 Metern gelegene Fiss lebt vom Tourismus. Ende Jänner ist Hochsaison, die Gästebetten sind gefüllt und alle haben alle Hände voll zu tun. Alle vier Jahre befindet sich das kleine Dorf aber gerade in dieser Zeit im Ausnahmezustand. Auch 2018 ist wieder ein solches Jahr, das Fisser Blochziehen steht an. 400 Männer ab 16 Jahren sind beim traditionellen Fasnachtsumzug aktiv dabei – bei nur 1.000 Einwohnern ist das so gut wie jeder Mann, freut sich Christian Kofler. Mitten in der Hochsaison so eine große Veranstaltung umzusetzen, sei eine bemerkenswerte Leistung.  „Das ganze Dorf hält zusammen, das macht uns stolz. Feindschaften, die es unterm Jahr vielleicht gibt, werden beim Blochziehen einfach ausgeblendet“, schwärmt der Obmann des Blochziehvereins. Der Zusammenhalt des ganzen Dorfes wird auch im „Blochbaummarsch" thematisiert, den der ehemalige Kapellmeister Michael Rietzler komponiert und Barbara Kofler getextet hat.

Miar Fiss’r halfa zåmm und ziacha an uam Strong, gemeinsåm treiba miar da Bloch vorån. Mir Fiss’r halfa zåmm, ob Kind ob Frau ob Månn, weil miar sei Stolz auf ins’r Tradition.

Fisser Blochbaummarsch

Das Blochziehen ist eine alte Tiroler Tradition, die auf heidnische Bräuche zurückgeht. In Fiss belegen Fotos aus den 1920er Jahren, dass bereits vor hundert Jahren ein Holzstamm – der Bloch –, begleitet von Dorfbewohnern mit Holzmasken, durch das Dorf gezogen wurde. Auch heute noch wird der Tradition entsprochen und als Bloch ein Zirbenstamm gewählt. Bis zu 35 Meter ist dieser lang und kann bis zu sechs Tonnen auf die Waage bringen. Gar kein so leichtes Unterfangen also, den Bloch auf Schlitten durch die schmalen Gassen im Dorf zu ziehen. Wie alle Fasnachtsbräuche will auch das Blochziehen den Winter vertreiben und den Frühling einläuten. Der Baumstamm symbolisiert einen Pflug, der den Boden aufbricht und für die Aussaat bereitmacht. 

Das Fisser Blochziehen folgt einem fixen Ablauf, der jedes Mal genau eingehalten wird. Um 12.30 Uhr sind es die Schallner, Mohrelen und der Bajatzl, die durch das Dorf laufen und den Beginn des Zugs ankündigen. Symbolisch werden mit dem lauten Treiben und Schellengeläute Dämonen und böse Geister vertrieben. Wenn diese ersten Figuren wieder beim Kulturhaus ankommen, sammeln sich alle Fasnachter um den Bloch. Der Fuhrmann gibt das Kommando zum Start und der Zug setzt sich in Bewegung. Während Braxer, Bärentreiber, Mohrelen und die anderen Figuren den Bloch gemeinsam durch die Gassen ziehen, treibt der Schwoaftuifl am hinteren Ende des Baums sein Unwesen und versucht mithilfe der Hexen immer wieder den Bloch zum Stoppen zu bringen.

Die Hexen ziehen durchs Dorf.
Die Hexen

Sie vertreiben nicht nur dunkle Mächte und Dämonen, sondern haben beim Umzug auch die wichtige Aufgabe, den Weg für den Bloch freizumachen.

Foto: Fisser Blochziehen - Manuel Pale

Bär und Miasmann vor dem Bloch.
Bär und Miasmann

Bär und Miasmann werden vor den Bloch gespannt und helfen gemeinsam, diesen durch die Straßen zu ziehen. In ihrer Hütte vorne am Bloch sitzt die Oberhexe.

Foto: Fisser Blochziehen - Manuel Pale

Die Schallner beim Fisser Blochziehen.
Die Schallner

Damit die Schallner es schaffen, mit den schweren Schellen zu springen, beginnen sie schon Monate vor dem Umzug zu trainieren.

Foto: Fisser Blochziehen - Albin Hammerle

Der Bajatzl als Spaßmacher auf den Dächern.
Der Bajatzl

Der Baijatzl springt in seinem Narrenkostüm von Dach zu Dach, bewirft die Zuschauer mit Schnee und sorgt auch für die ein oder eine akrobatische Einlage.

Foto: Fisser Blochziehen - Andreas Kirschner

Der Giggeler beim Fisser Blochziehen.
Der Giggeler

Der Giggeler bespringt so manche Hexe oder Zuschauerin.

Foto: Fisser Blochziehen - Georg Trenker

Bauersleute, Handwerker und Karrner sind beim Blochziehen auch dabei.
Weitere Figuren

Auch Bauersleute, Handwerker, Karrner und Vogelhändler sind beim Fisser Blochziehen dabei. 

Foto: Fisser Blochziehen - Manuel Pale

Beim ersten Hauptplatz, am Platzbrunnen, kommt der Zug erstmals zum Stehen. „Die Leute kommen zum Entschluss, dass sie die folgende steile Gasse nicht ohne Hilfe schaffen. Deshalb gehen Bärentreiber und Jäger Richtung Wald und fangen den Bären ein“, erklärt Markus seine Rolle. Der Bär wird vor den Bloch gespannt und zieht ihn bis zum Toalstock hinauf. Dort braucht auch der Bär eine Pause und der Miasmann, eine unheimliche Gestalt mit einem Kostüm aus Baumflechten, wird eingefangen. „Zuerst raufen Bär und Miasmann miteinander, aber dann ziehen sie den Bloch mit vereinten Kräften zum Dorfzentrum. Das symbolisiert das Bändigen der Naturgewalt“, beschreibt Markus den weiteren Verlauf des Zugs. Am Fonnesplatz wird der Bloch an den Meistbietenden versteigert. Dem Bürgermeister Markus Pale fällt diese wichtige Aufgabe zu. 15.400 Euro brachte der Bloch das letzte Mal ein. „Heuer gilt es natürlich dieses Ergebnis noch zu toppen“, so der Bürgermeister.

Die Tradition besagt, dass zum Betläuten um 18 Uhr keine Maske mehr zu sehen sein darf. Das beherzigen die Fisser Fasnachter auch heute noch, stellt Christian Kofler klar. „Danach wird aber ausgiebig ohne Masken gefeiert“, fügt er noch hinzu.

Thomas Wachter, Obmannstellvertreter des Fisser Blochziehvereins.

Foto: Axel Springer

Die Vorbereitungen fürs Blochziehen beginnen schon viele Monate vor dem eigentlichen Termin, erklärt Thomas Wachter. Als Obmannstellvertreter ist er mit vielen organisatorischen Aufgaben betraut. Der bürokratische Aufwand bei so einer großen Veranstaltung darf nicht unterschätzt werden. Zudem müssen Kostüme und Masken kontrolliert werden. „Die ältesten unserer Masken sind vermutlich um die 100 Jahre alt“, führt Thomas Wachter aus. Wenn eine Loarva, wie die Maske im Dialekt genannt wird, kaputtgeht, wird eine neue nach ihrem Vorbild geschnitzt. Dafür haben die Fasnachter mit dem Fisser Künstler Siegfried Krismer den richtigen Mann gefunden. Fast die Hälfte aller Fisser Fasnachtsmasken hat er geschaffen.

Im Oktober wird der Bloch aus dem Wald geholt. Dabei gilt es, vorsichtig vorzugehen, denn die Äste sollen so gut wie möglich erhalten bleiben. Zwei Tage vor dem Blochziehen wird der Baum auf drei Schlitten aufgelegt und geschmückt. Sobald der Bloch beim Kulturhaus vorbereitet wurde, wird er Tag und Nacht streng bewacht. Bei der sogenannten Blochbaumwache soll verhindert werden, dass Nachbargemeinden den Bloch böswillig beschädigen.

In den Tagen vor dem Umzug muss auch die Straße dafür präpariert werden. „Den ganzen Winter über karren wir den Schnee aus dem Dorf, an diesem einen Wochenende holen wir ihn zurück auf die Straßen“, schmunzelt Christian Kofler. Damit der Bloch mit Schlitten durch das Dorf gezogen werden kann, müssen die Gassen gut mit Schnee präpariert werden. Da der normale Tourismusbetrieb in Fiss ja auch an diesem Wochenende weiterläuft, ist das kein leichtes Unterfangen. 

Der Bloch ist ausgewählt.
Die Männer beim Blochholen
Der Bloch ist gefällt

60 Männer holten im Oktober die Zirbe für das Blochziehen 2018 aus dem Wald.

Fotos: Fisser Blochziehen - Andreas Kirschner 

In der Vorbereitungszeit kommt auch den Fisser Frauen eine wichtige Rolle zu. Sie bereiten die Kostüme für die verschiedenen Figuren vor. Aktiv als Fasnachter mitmachen dürfen die Frauen aber nicht, das ist traditionell den Männern vorbehalten. Selbst die Marketenderinnen der Musikkapelle werden an diesem einen Tag durch Männer ersetzt. Thomas Wachter wird heuer zum ersten Mal in diese Rolle schlüpfen. Sein langer Bart sorge im Blochbaumkomitee noch für Diskussionsstoff, schmunzelt er.

Die Frauen Nähen das Kostüm für den Giggeler.
Der Giggeler

In akribischer Handarbeit schmücken die Frauen das Kostüm für den Giggeler mit Federn.

Foto: Fisser Blochziehen - Andreas Kirschner

Das Kostüm für den Miasmann wird mit Baumbart geschmückt.
Der Miasmann

Für das Kostüm vom Miasmann verwenden die Frauen Baumbart.

Foto: Fisser Blochziehen - Andreas Kirschner

Die Musikkapelle Fiss ohne ihre weiblichen Mitglieder beim Fisser Blochziehen.
Musikkapelle Fiss

Um der Tradition zu entsprechen, dass beim Fisser Blochziehen nur Männer mitgehen dürfen, werden für diesen einen Tag auch die Marketenderinnen der Musikkapelle ausgetauscht.

Foto: Fisser Blochziehen - Andreas Kirschner

UNESCO-Kulturerbe – ein Garant für die Fortführung der Tradition

Die Fisser Fasnachter distanzieren sich ganz klar vom Fasching. Beim Blochziehen handle es sich um echte Tiroler Fasnacht, klären die Männer auf. Dafür, dass sie die Tradition des uralten Brauchs so gewissenhaft weiterführen, wurden sie 2011 von der UNESCO mit der Auszeichnung zum immateriellen Kulturerbe in Österreich belohnt. „Das erfüllt uns alle mit großem Stolz“, erklärt Christian Kofler. Gleichzeitig sei es aber auch eine große Herausforderung, fügt er hinzu. Schließlich habe man sich verpflichtet, den Brauch auch in Zukunft genau so weiterzuführen wie bisher und keine Änderungen vorzunehmen. Daran, dass die Tradition in Fiss weitergelebt wird, besteht derzeit aber kein Zweifel. Jeweils zwei Jahre nach dem Erwachsenenblochziehen findet das Kinderblochziehen statt, bei dem alle Rollen von Kindern bis 15 Jahren verkörpert werden. Der Elan der Kinder ist ungebrochen, die Tradition wird so auch schon an die Kleinen weitergegeben.

In den Wochen vor dem Umzug werden in Fiss die letzten Vorbereitungen für das Blochziehen abgeschlossen. Markus Schmid wird wie in den vergangenen Monaten auch in den kommenden Tagen noch öfters zum Trainieren ins Fitnessstudio gehen. Seine Rolle fordert viel Kraft. „Der Bär muss ja immer die Arme nach oben halten. Und das Blochziehen dauert mehrere Stunden“, gibt er zu bedenken. Die Vorfreude auf den besonderen Tag ist ihm und seinen Fasnachtskollegen aber schon jetzt anzusehen. Da nimmt es jeder in Kauf, dass die Arbeit am Montag danach vielleicht nicht ganz so einfach wie sonst von der Hand geht. 

Bär und Miasmann werden vor den Bloch gespannt.
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