Michael Schöch Springer
Michael Schöch

Doppeltes Spiel

Ein Gespräch mit dem jungen Tiroler Organisten und Pianisten Michael Schöch. Esther Pirchner

Der junge Tiroler Michael Schöch ist als Organist und Pianist gleichermaßen erfolgreich. Er tritt international als Konzertsolist und Kammermusiker auf, gibt regelmäßig Konzerte im Rahmen von musik+, Osterfestival und Orgelreihen der Galerie St. Barbara und leitet die Orgelklasse am Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck.

kultur.tirol: Herr Schöch, Sie sind Pianist und Organist. ist es nicht eher ungewöhnlich, zwei – so gewichtige – Instrumente als Konzertsolist zu spielen?

Michael Schöch: Heute schon, aber früher war es ganz normal: Mozart und Beethoven waren ausgebildete Organisten und vor allem die französischen Organisten des 19. Jahrhunderts waren auch Pianisten. In Frankreich ist es nach wie vor so, dass man neben dem Orgelstudium auch Klavier spielt. Ich bin vom Klavier gekommen und habe die Orgel irgendwann dazugenommen. Die beiden Instrumente ergänzen sich sehr gut: Jedes hat etwas, was es besser, und etwas, was es nicht so gut kann wie das andere. Ich muss zum Beispiel eine andere Technik anwenden, um eine gesangliche Linie zu erzeugen. So kann ich von jedem Instrument für das andere etwas lernen.

Die Orgel verbinden viele Menschen mit der Begleitung von Messen und weniger mit Konzerten …

Es wird oft übersehen, dass im Laufe der Geschichte für die Orgel ein großes Konzertrepertoire entstanden ist. Schon bei Johann Sebastian Bach kann man davon ausgehen, dass seine großen Orgelwerke nicht für den liturgischen Gebrauch komponiert sind, weil sie ganz einfach zu lang sind. Es ist wichtig zu sehen, dass die Orgel – genauso wie es Klavier- und Violinabende gibt –, als vollwertiges Konzertinstrument gewürdigt wird.

Michael Schöch Delang

Michael Schöch an der Orgel
Foto: Daniel Delang

Impulse für die Zukunft

Sie haben sowohl als Pianist als auch als Organist ein großes und vielfältiges Repertoire. Welche Schwerpunkte setzen Sie?

Selbstverständlich sind Beethoven am Klavier und Bach auf der Orgel Schwerpunkte, auf der Orgel auch Olivier Messiaen und Max Reger, am Klavier Liszt und Schumann. Mich interessiert auch immer, Stücke zu spielen, die nicht so häufig aufgeführt werden, und ich treffe oft auch die Auswahl von einem Instrument aufs andere. Zurzeit plane ich ein Projekt mit der Musik des französischen Komponisten Louis Viernes, der sechs große Orgelsymphonien komponiert hat, aber auch Werke für Klavier solo. Damit möchte ich mich in nächster Zeit beschäftigen: Wie hat der Komponist, der eigentlich als Organist bekannt ist, fürs Klavier komponiert?

Umgekehrt merkt man zum Beispiel bei den großen Orgelwerken von Franz Liszt, dass er Pianist war: Das Pedal ist anders eingesetzt und viele pianistische Effekte sind auf die Orgel übertragen worden. Das gibt in der weiteren Geschichte wiederum Impulse dafür, wie man die Orgel auch spielen kann.

Wenn man merkt, wie ein Komponist Selbst seine Musik sieht und hört, dann fängt diese Musik plötzlich zu leben an.

Michael Schöch, Pianist und Organist

Sie setzen sich aber nicht nur mit der historischen Entwicklung auseinander, sondern führen auch zeitgenössische Werke auf. Verdienen neue Werke mehr Aufmerksamkeit von Musikern, Publikum und Medien?

Es ist mir wichtig, nicht bei einem Museumsrepertoire stehenzubleiben, sondern zu schauen, was gerade jetzt gemacht wird. Von Igor Strawinsky gibt es ein Zitat, in dem er ungefähr sagt: Bei Beethoven braucht es keine guten Interpreten, weil jeder weiß, dass die Musik gut ist. Aber bei ihm selbst braucht es sie, weil die Musik die Leute, wenn sie sie zum ersten Mal hören, beeindrucken muss.

Oft braucht es auch eine zweite oder dritte Aufführung, weil man die Qualität eines Werks vielleicht erst erkennt, wenn man sich genauer damit beschäftigt.

Das Werk eines lebenden Komponisten zu spielen, hat auch den Vorteil, dass man von ihm noch etwas darüber erfahren kann.

Ja, wenn man nur den Notentext hat, denkt man vielleicht, da steckt nicht viel dahinter. Aber wenn man vom Komponisten die Impulse bekommt und weiß, was er sich dabei gedacht hat, erschließt es sich auch.

Anfang März habe ich in Dresden an einem Porträtkonzert von Arvo Pärt mitgewirkt, der intensiv mit uns Musikern gearbeitet hat. Wenn man bei solchen Proben merkt, wie ein Komponist seine Musik sieht und hört, dann fängt diese Musik plötzlich zu leben an.

Michael Schöch 03 Springer
CD Max Reger
CD Julius Reubke

Michael Schöch vor einem Notenblatt von Max Reger, dessen Werke für Klarinette und Klavier er mit Robert Oberaigner eingespielt hat. Das Gesamtwerk von Julius Reubke – wie Schöch Pianist und Organist – erschien bei Oehms Classics.
Fotos: Target Group, Axel Springer/mdg/Ohms Classics

Fortlaufende Zusammenarbeit

In Dresden sind Sie als Kammermusiker auch in Zukunft mehrmals zu Gast, eine andere enge Verbindung besteht mit der Galerie St. Barbara in Hall, die unter anderem das Osterfestival und das ganze Jahr über Konzerte in der Reihe musik+ ausrichtet. Den Veranstaltern, der Familie Crepaz, ist es ein Anliegen, mit Interpreten über längere Zeit zusammenzuarbeiten und so deren Entwicklung sichtbar zu machen. Wie sind Sie mit ihnen zusammengekommen?

Gerhard Crepaz ist 2007 nach einem Konzert zu mir gekommen und hat – wie er das ja oft tut – gesagt: Wir müssen zusammen etwas machen. Im Jahr darauf hatte ich schon meinen ersten Klavierabend bei der Galerie St. Barbara mit Messiaen und der h-Moll-Sonate von Liszt, und seitdem habe ich regelmäßig dort spielen können. Was ich an den Veranstaltern sehr schätze, ist, dass auch von ihnen Programmideen kommen. 2016 haben wir ein Programm mit Musik von György Ligeti gemacht, 2015 eines mit Musik von Pierre Boulez. Wenn man als Interpret nicht explizit dazu eingeladen wird, solche Werke zu spielen, studiert man sie oft nicht ein aus Angst, dass Veranstalter solche Programme nicht buchen und man seine Zeit damit vergeudet. Aber wenn es den Anlass dazu gibt, freut man sich sehr, dass man sich diese Werke erarbeiten kann.

Im Gegensatz dazu studiert die 32 Beethoven-Klaviersonaten, die Sie innerhalb von vier Konzertsaisonen bei musik+ aufgeführt haben, praktisch jeder Pianist im Laufe seiner Karriere ein. Wie haben Sie die Beschäftigung mit diesen zentralen Werken der Klavierliteratur erlebt?

Es war zunächst einmal ganz klar, dass es ein Arbeitsschritt ist und ich die Sonaten so spiele, wie ich momentan glaube, dass ich sie spielen kann. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht vielleicht in fünf Jahren draufkomme, dass ich etwas anders machen würde.

Als ich dann alle Sonaten gespielt habe, habe ich mir gedacht: Man kann eigentlich Studenten gar nicht zumuten, nur eine Sonate zu spielen, wenn sie alle anderen nicht kennen. Aber es geht natürlich nicht anders – irgendwo muss man ja anfangen (lacht).

Nach dem Beethoven-Schwerpunkt sind Sie mit Ihrem aktuellen Klavierprojekt nun im „Universum Schumann“ angelangt. Wer kreist in diesem Universum um diesen zentralen Komponisten?

Auf Robert Schumann sind wir gekommen, weil er der Generation nach Beethoven angehört und wir sehen wollten: Wie hat er selbst komponiert? Wie haben seine Zeitgenossen und seine Freunde komponiert? In jedem unserer Konzerte gibt es einen thematischen Faden. Im ersten ging es um den Fasching, im Zentrum des zweiten am 29. Mai 2018 stehen Clara Schumann, Brahms und Mendelssohn. Nächstes Jahr planen wir ein Konzert rund um E. T. A. Hoffmann, an den Schumann mit den „Kreisleriana“ anknüpfte, und eines, in dem es um die Geisteskrankheit geht.

man spielt Stücke selbst bewusster, wenn man sie auch unterrichtet.

Michael Schöch, Pianist und Organist

Wissen weitergeben

Im „Universum Schumann“ spielen Sie mit zwei sehr jungen Pianisten, Elisabeth Hubmann und Elias Praxmarer. Das führt mich zum Thema Unterricht und zur Orgelklasse am Tiroler Landeskonservatorium, die Sie seit 2015 leiten. War es immer schon ein Berufswunsch, Ihr Wissen an Jüngere weiterzugeben?

Ursprünglich war zu unterrichten eigentlich kein Thema. Aber wenn ich mit meinen Geschwistern zusammengespielt habe, haben wir einander natürlich schon immer Tipps gegeben. Vielleicht habe ich deshalb einen recht unverkrampften Zugang dazu.

Als in Innsbruck die Stelle frei geworden ist, habe ich mich beworben, und mittlerweile muss ich sagen, dass es mir sehr viel Freude macht zu sehen, wie die Studenten weiterkommen. Man lernt selbst sehr viel, weil man die Stücke – vieles habe ich ja selbst gespielt – wieder von außen betrachtet. Ich glaube, man spielt Stücke selbst etwas bewusster, wenn man sie auch unterrichtet.

Ein Ziel des Unterrichts ist, den Studenten die Möglichkeit zu geben, aufzutreten und mit anderen zusammenzuspielen. Wir haben mehrmals im Monat Auftritte in Innsbruck.

Ebert-Orgel Haiden

In der Hofkirche steht eine der berühmtesten Orgeln Innsbrucks, die Ebert-Orgel
Foto: Tiroler Landesmuseen, Alexander Haiden

„Das Tollste ist die Orgel"

Sie selbst und mehrere Organisten aus Hall und Umgebung sind auch am Format Orgelspiel der Galerie St. Barbara beteiligt, das sozusagen die Zeiten zwischen dem alle zwei Jahre stattfindenden Orgelfest überbrückt. Was ist das Besondere daran?

Die Konzerte in Hall dauern circa eine halbe Stunde und finden jeweils am Samstag Vormittag statt. Für viele Leute sind sie eine willkommene Auszeit, bis zu 200 Zuhörer finden den Weg in die Kirche. Begonnen haben wir mit diesen kurzen Auftritten im Sommer 2012, inzwischen sind sie so erfolgreich, dass wir das Format auch auf den Advent und die Fastenzeit ausgedehnt haben.

Innsbruck verfügt über mehrere sehr schöne und berühmte Kircheninstrumente und präsentiert sich als internationale Orgelstadt. Nach dem Abriss des Stadtsaales gibt es aber nur mehr eine Konzertorgel im Congress. Bedauern Sie es, dass im Konzertsaal des neu gebauten Hauses der Musik keine Orgel mehr stehen wird?

Ich finde es schon ein bisschen traurig, weil man sich zum Beispiel der Möglichkeit beraubt, die großen Orchesterwerke vom Ende des 19. Jahrhunderts aufzuführen – von Gustav Mahler oder Richard Strauss –, die eine große Konzertorgel verlangen. Zugleich gibt es in Innsbruck eine große Tradition mit der Hofkirche, ihren international bedeutsamen Orgeln und dem alle drei Jahre stattfindenden Orgelwettbewerb um den Paul-Hofhaimer-Preis. Im September 2018 wird erstmals auch eine Orgelakademie ausgerichtet, die ab jetzt jährlich stattfinden soll.

Trotzdem würde ich mir natürlich wünschen, dass man sich in Innsbruck noch stärker bewusst wird, welch hohes Niveau die Orgeln haben. Vor zwei Jahren habe ich in Riga gespielt und auch eine Stadtführung mitgemacht, da hat der Guide am Domplatz gesagt: „Da ist der Dom, der ist fantastisch, aber das Tollste ist die Orgel.“ In Innsbruck könnte man das durchaus auch machen.

Michael Schöch

Pianist, Organist
Michael Schöch Springer

Foto: Target Group, Axel Springer

Michael Schöch, geboren 1985 in Innsbruck, konzertiert international als Pianist und Organist gleichermaßen. Neben anderen Preisen gewann er 2011 den 1. Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD im Fach Orgel. Bisherige Aufnahmen umfassen Werke von Max Reger, Julius Reubke, Robert Schumann u. a. Seit 2015 leitet er die Orgelklasse am Tiroler Landeskonservatorium. 

www.michael-schoech.com
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