Gerhard Sammer am Dirigentenpult
Tiroler Kammerorchester InnStrumenti

Wie klingt unsere zeit?

Vor 20 Jahren gründete Gerhard Sammer das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti. kultur.tirol hat es bei einer Probe besucht und mit dem Dirigenten über sein Faible für Neue Musik gesprochen. Text: Julia Tapfer
Bild: Axel Springer

Die Wände im Probelokal der Speckbacher Stadtmusik Hall sind an die Klänge einer Tiroler Blaskapelle gewöhnt. Trompeten, Posaunen, Klarinetten, Flöten – sie alle erzeugen vertraute Töne im Saal. Die Streicherklänge sind aber eine Ausnahme. Sie sind nur dann zu hören, wenn sich das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti für eine Probe hier in Hall einmietet. Die Geigen und Celli haben es aufgrund der trockenen, auf Blaskapellen ausgelegten Akustik auch etwas schwerer durchzudringen. Das macht den Musikern aber nichts aus, sie sind Profis, wissen, dass die Probenzeit knapp bemessen ist und sind deshalb konzentriert bei der Sache. „Und los geht’s!“, ruft Gerhard Sammer und stellt sich ans Dirigentenpult. Bernstein und Beethoven stehen heute auf dem Programm. 

Im Probelokal der Speckbacher Stadtmusik Hall

Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti ist eine fixe Größe. In den 20 Jahren seines Bestehens hat sich das Orchester in Tirol, aber auch darüber hinaus, einen Namen gemacht und mittlerweile eine eigene Abonnementreihe etabliert. Geplant war das 1997 natürlich noch nicht. Gerhard Sammer hatte damals kurz nach seinem Dirigierstudium Lust, etwas Neues zu verwirklichen, erzählt er beim Interview. Gemeinsam mit „einer Gruppe von Gleichgesinnten und Neugierigen“ hat es ihn in Richtung Neue Musik gedrängt. So startete InnStrumenti mit nur wenigen Projekten im Jahr, hat sich aber im Laufe der Zeit immer mehr gefestigt und lässt sich heute weder aus dem Alltag des Dirigenten noch aus dem Kulturbetrieb in Tirol wegdenken.

Gerhard Sammer

Gerhard Sammer ist Professor für Musikpädagogik und Studiendekan an der Hochschule für Musik in Würzburg. Er hat ein Lehramtsstudium für die Fächer Musik, Mathematik/Informatik, Instrumentalpädagogik (Klarinette und Klavier) sowie ein Dirigierstudium absolviert, mehrere Jahre war er als Lehrer an Gymnasien und Hauptschulen tätig. Als freischaffender Dirigent leitet er neben dem Tiroler Kammerorchester InnStrumenti auch andere Orchester und Chöre.

Allgemeine Information

Musik im Riesen
Musik im Riesen

„Musik im Riesen“ bringt Jahr für Jahr international bekannte Solisten und hochkarätige Ensembles aus dem Bereich klassischer Musik in den Swarovski Kristallwelten in Wattens zusammen. Dabei wird unter der künstlerischen Leitung von Thomas Larcher große musikalische Qualität und Vielfalt auf kleinem Raum geboten, Weltstars in intimer Atmosphäre und Begegnungen mit altbekannten und überraschend neuen Kompositionen.

zur veranstaltung

Beethoven ist freilich kein Vertreter von Neuer Musik. Hin und wieder gönnt sich das Kammerorchester auch ein „Gassenhauer“-Konzert, wie der Dirigent es schmunzelnd bezeichnet. Dann stehen klassische Meisterwerke auf dem Programm. Bei diesem Konzert Ende Mai in Landeck und Innsbruck sind das etwa Beethovens 5. Symphonie oder das „Divertimento for Orchestra" von Leonard Bernstein. Diese Werke probt Sammer gerade in Hall mit seinen Musikern. Um die knappe Zeit ideal zu nützen, wählt der Dirigent immer wieder einzelne Stellen aus, die gemeinsam rausgeprobt werden. Die Atmosphäre ist sehr locker, es wird viel gelacht, das konzentrierte Spiel ist dennoch nicht eingeschränkt. Auch während die Musiker spielen, ruft Sammer den einzelnen Stimmen oft Anweisungen zu, er lebt die Crescendi mit, rutscht immer wieder mit einem Bein von seinem Dirigentenstuhl. Er ist sichtlich in seinem Element. 

Das Spannende an meinem Job ist, dass ich mir auch als Dirigent vorstellen können muss, was der Komponist sich wünscht. Wenn ich mich einer Partitur nähere, habe ich in jeder Sekunde eine Idee, wie es klingen könnte und sollte. Bei der Probe kann und will ich das aber nicht von den Musikern erzwingen! Man muss sich auf sie einlassen, Freiraum geben und kann sich dann oft freuen, was von den Profis kommt. 

Gerhard Sammer
Gerhard Sammer am Dirigentenpult
Profis Beim Proben

Der Hinweis auf dem Plakat hinter dem Dirigenten ist wohl nicht an die Profimusiker gerichtet. Dass sie ihren Part bei den gemeinsamen Proben beherrschen, ist Voraussetzung. 

InnStrumenti im Probelokal
Eine musikalische Diskussion

„Ein bisschen ist die Probenarbeit wie eine musikalische Diskussion“, findet Gerhard Sammer.

Die Streicher bei der Probe
Keine Maschinen

Den Musiker auf ein Mittel zum Zweck zu reduzieren, der nur maschinell die aufgeschriebenen Noten wiedergibt, ist Gerhard Sammers Ideologie fremd. Die Musiker im Ensemble seien immer auch individuelle Künstler, die versuchen, etwas Persönliches von sich selbst einzubringen.

Die professionellen Musikerinnen und Musiker sind meist freischaffend, einige geben Instrumentalunterricht oder spielen in anderen Ensembles und Orchestern und werden für einzelne Projekte engagiert. Die Besetzung ist somit nicht ganz fix, sondern verändert sich auch abhängig von den verschiedenen Kompositionen.

Heidemarie Mravlag ist eine der Musikerinnen des Orchesters. Sie ist noch nicht lange dabei, bei fünf Projekten hat die Stubaierin bisher mitgewirkt, erzählt sie. Die Cellistin lebte während ihres Studiums in Wien, ist nun aber auch in ihrer Heimat wieder aktiv. Sie arbeitet als freischaffende Musikerin, spielt bei Orchestern und Theatern in ganz Österreich mit. Das Kammerorchester InnStrumenti kannte sie schon lange, ist es doch ein renommiertes Ensemble, bekräftigt Mravlag. Dass sie nach dem Vorspiel im vergangenen Jahr dieses bei verschiedenen Projekten am Cello unterstützen darf, freut sie sehr. Eigentlich in der klassischen Musik beheimatet, findet sie auch Gefallen an den zeitgenössischen Kompositionen: „Es ist sehr spannend, einfach etwas entstehen zu lassen, wo man vorher noch nicht genau weiß, wie es klingen wird.“

Die Cellistin aus dem Stubaital ist erst seit vergangenem Jahr Teil des Kammerorchesters InnStrumenti.

Die Cellistin aus dem Stubaital, Heidemarie Mravlag, ist seit Kurzem Teil des Tiroler Kammerorchesters InnStrumenti.

Indem InnStrumenti die Neue Musik besonders pflegt, hebt es sich von anderen Orchestern ab. „Wir wollen ein produzierendes Ensemble sein“, sagt Gerhard Sammer über sein Orchester. Dass das nicht nur ein Wunsch ist, zeigt sich klar an den Zahlen der von InnStrumenti bereits in Auftrag gegebenen Werke: Über 140 Kompositionen wurden in den vergangenen 20 Jahren für das Kammerorchester komponiert und von diesem uraufgeführt.

Gerhard Sammer findet diese Förderung von jungen Komponisten und vor allem Komponistinnen sehr wichtig: „Meist sind Komponisten ja auch nicht gut bezahlt. Da finde ich es wichtig, dass wir sie unterstützen und ihre Arbeit auch dementsprechend würdigen“, erklärt der Dirigent. Die meisten Komponisten hätten einen Tirolbezug – sind also entweder selbst Tiroler oder haben hier studiert. Sammer ist es wichtig, dass seine Kulturprojekte Menschen in der Region zugutekommen. „Wenn hier Musiker davon leben können, geben sie auch der Region etwas zurück“, ist er überzeugt. Als provinziell will er sein Orchester aber nicht gesehen wissen. Es vergleiche sich auch überregional und habe einen hohen künstlerischen Anspruch.

Philip Glass am Klavier
InnStrumenti spielt mit Maki Namekawa das Tirol Concerto.
Maki Namekawa am Klavier

Am 25. Mai hat das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti bei Musik im Riesen das „Tirol Concerto" von Philip Glass gespielt. Dirigent war dabei Dennis Russell Davies, am Soloklavier saß dessen Frau Maki Namekawa – und im Publikum lauschte kein Geringerer als der Komponist selbst. „Das hat natürlich Auswirkung auf unsere Musiker, wenn eine solche Größe anwesend ist. Da hat man einen gewissen Respekt“, weiß Gerhard Sammer.


Fotos: Swarovski Kristallwelten

Woran liegt aber überhaupt der Reiz von zeitgenössischen Kompositionen? Und schreckt Neue Musik nicht auch viele Menschen ab? In der Tat habe es Neue Musik beim Publikum oft nicht einfach, gesteht Gerhard Sammer. Viele glauben, sie sei anstrengend und man verstehe sie ohnehin nicht, beschreibt der Dirigent seine Erfahrungen. Dies spornt ihn aber noch weiter dazu an zu zeigen, dass Neue Musik auch ganz anders sein kann. InnStrumenti beschränkt sich bei zeitgenössischen Kompositionen nicht nur auf Avantgarde, sondern definiert Neue Musik ganz offen, stilistisch ist vieles möglich. „Neue Musik muss nicht atonal sein“, erklärt Sammer und meint weiter: „Ich finde es einfach spannend zu fragen: Wie klingt unsere Zeit? Es ist dieser Reiz, sich mit Leuten auseinanderzusetzen, die gute Ideen haben und sie mit unserer Besetzung umsetzen möchten.“ Sammer macht bei sich eine grundlegende Neugierde fest. Neue Kompositionen seien wie eine Art Forschung: „Man erforscht Klänge, aber nicht in einem wissenschaftlichen, sondern in einem ästhetischen Sinn.“

Die Jugendförderung ist dem Kammerorchester nicht nur bei Komponisten ein Anliegen, sondern auch Musiker werden schon früh gefördert. Schon seit 15 Jahren stehen bei der Konzertreihe „Junge Solisten am Podium“ herausragende Nachwuchsmusiker mit InnStrumenti auf der Bühne. Gespielt wird dann klassische Musik, aber auch eigens in Auftrag gegebene zeitgenössische Werke. Die Komponisten müssen sich dann auf die jungen Musiker einlassen. „Die sagen auch ihre Meinung, sie wollen zum Beispiel Spaß haben beim Spielen. Und ein Komponist muss sich dann mit der Frage auseinandersetzen: Was macht diesem Jugendlichen denn überhaupt Spaß zu spielen? Das kann sehr spannend sein“, so der Dirigent. 

Die Blechpläser beim Proben

Vor Kurzem hat das Kammerorchester InnStrumenti einen Partnerverein in Südtirol gegründet. Südtiroler Musiker waren schon immer Teil des Orchesters, nun wolle man auch verstärkt darauf setzen, auf der anderen Seite des Brenners Konzertformate zu entwickeln. „Gerade im Bereich der Musikvermittlung gibt es in Südtirol fruchtbaren Boden mit einem hervorragenden und aufgeschlossenen Musikschulwesen“, so Sammer.

Die ausgeprägte Nachwuchsförderung habe es aber auch mit sich gebracht, dass Sammer laufend DVDs von Eltern bekommt, die ihr Kind unbedingt mit InnStrumenti auf die Bühne bringen wollen. Eine bedenkliche Entwicklung? Nicht ausschließlich: „Das kann man niemandem vorwerfen. Ein großer Teil des Ganzen ist es ja, dass die Eltern das Musizieren fördern. Die Kinder wachsen schon recht früh in diesen Kulturbetrieb hinein“, gibt der Dirigent zu bedenken. Musikvermittlung ist ihm ein Herzensanliegen. Kultur und Bildung müsse man immer vernetzt sehen, Schülerkonzerte seien unumgänglich. „Da ist meine Kritik am etablierten Kulturbetrieb massiv“, ärgert sich Sammer. Noch viel mehr müsse in diesem Bereich getan werden, noch intensiver Kontaktstellen zwischen der Musik und (jungen) Menschen hergestellt werden.

CDs von InnStrumenti
CD-Aufnahmen

Um die Nachhaltigkeit zu erhöhen, nimmt InnStrumenti seine Auftragskompositionen auf.

Haus der Musik
Haus der Musik

Ab Oktober 2018 wird sich die teils schwierige Probensituation des Kammerorchesters höchstwahrscheinlich verbessern, können im neuen Haus der Musik doch auch Proberäume angemietet werden. Das freut auch die Musiker selbst, müssen sie bei den vielen verschiedenen Probeorten derzeit doch immer mehrmals vor der Abfahrt prüfen, ob sie schon ins richtige Probelokal unterwegs sind.

Foto: Graewe

Bei der Entwicklung von neuen Konzertkonzepten fragt sich Gerhard Sammer immer, wie diese möglichst breit zugänglich sein könnten. „Auch für solche Leute, die so etwas sonst nicht hören.“ Eine Möglichkeit sieht er in der Erweiterung des Kulturraumes der Stadt, InnStrumenti bespielt neue, auch ungewöhnliche Orte. So geht es am 30. Juni etwa zum Konzert auf den Patscherkofel auf 1.965 Metern Meereshöhe. Auch interdisziplinäre Ansätze, wie die Verschmelzung von Literatur und Musik bei der Reihe „klang_sprachen", gehören zu InnStrumenti. Im Maximilianjahr 2019 ist unter dem Titel „Wir sind Maximilian“ ein Programm zeitgenössischer Musik mit Bezug zu Kaiser Maximilian geplant. Ein buntes Programm also, wie man es von InnStrumenti gewohnt ist. „Es gäbe noch so viele Möglichkeiten, was man alles machen könnte. Die Ideen gehen uns sicher nicht aus“, schmunzelt der Dirigent.

Das Orchester beim Proben.

Tiroler Kammerorchester InnStrumenti

Konzerttermine im Juni 2018
Das Orchester

klang_sprachen: Der Riß durch den Tag.
Margarethe Herbert, Johannes Maria Staud, Durs Grünbein (Musik und Literatur)
17. Juni 2018, Innsbruck ORF Landesstudio Tirol, 20.15 Uhr 

Klassik am Berg
Open Air-Sommerkonzert auf dem Patscherkofel mit Highlights der Klassik! 
30. Juni 2018, Innsbruck, Patscherkofel,
19 Uhr 

Webseite
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