Magdalena Hoffmann und Anna Klie luden mit Harfe und Flöte zur Klassik Lounge. kultur.tirol hat die jungen Profimusikerinnen getroffen.
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck

Klassik für Alle

Magdalena Hoffmann und Anna Klie luden mit Harfe und Flöte zur Klassik Lounge. kultur.tirol hat die jungen Profimusikerinnen getroffen. Text: Julia Tapfer
Bild: Franz Oss

Die Kulturbackstube Bäckerei in der Innsbrucker Dreiheiligenstraße ist schon um 20 Uhr gut gefüllt. Eine ältere Dame hat sich gerade ein Glas Wein an der Bar geholt und setzt sich auf einen Stuhl in der ersten Reihe. Hinter ihr sitzt bereits ein junger Mann Anfang 20 und unterhält sich mit seiner Begleitung, während er immer wieder einen Schluck aus seiner Bierflasche nimmt. Stünde im Zentrum der improvisierten Bühne vor den Stuhlreihen nicht bereits die goldene Konzertharfe, würde nichts darauf hindeuten, dass dem bunt gemischten Publikum in einer halben Stunde ein Abend voller klassischer Musik bevorsteht. Bei der Klassik Lounge präsentieren Musiker des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck nämlich Kammermusik in Wohnzimmeratmosphäre. Heute laden Harfenistin Magdalena Hoffmann und Flötistin Anna Klie zum selbstkonzipierten Theaterkonzert. Die beiden verwandeln sich in die Operndiven Anna Jatrebko und Maria Krallas, die sich wegen Bauarbeiten eine Garderobe im Theater teilen müssen – Konflikte sind dabei vorprogrammiert.

Anna Klie und Magdalena Hoffmann beim Interview im Treibhaus.

Anna Klie (l.) und Magdalena Hoffmann beim Interview im Treibhaus. Magdalena hat sich diesen Treffpunkt ausgesucht, weil sie die Location einzigartig findet: „So etwas habe ich noch nie in einer anderen Stadt gesehen."

Einige Stunden vorher beim Interview im Treibhaus. Von den Operndiven, die sie am Abend verkörpern werden, ist noch nichts zu erkennen. Magdalena Hoffmann trägt einen legeren, braunen Pullover und einen weiten Rock, Anna Klie eine dünne Bluse zu Jeans. Die beiden aus Deutschland stammenden jungen Frauen haben 2014 gleichzeitig als Musikerinnen beim Tiroler Symphonieorchester Innsbruck angefangen – heute spielen sie ihre erste gemeinsame Klassik Lounge, für die sich Magdalena etwas ganz Besonderes hat einfallen lassen. Die Düsseldorfer Harfenistin hat neben der Musik nämlich noch eine zweite Leidenschaft: das Schauspiel. Schon vor einigen Jahren hat sie die „Odyssee für 47 Saiten“ erarbeitet und dabei Originaltextstellen aus der Odyssee mit Harfenmusik bekannter und weniger bekannter Komponisten kombiniert. „Es ist für mich total wichtig, dass das Gefühl der Musik mit dem zusammenpasst, was gerade erzählt wird. Es soll sich verweben“, beschreibt Magdalena.

Für Anna ist es heute das erste Mal, dass sie bei der Klassik Lounge spielt. Das Wechselspiel zwischen Musik und Theater ist für sie etwas Neues. „Es ist eine tolle Erfahrung, aber ich habe schon Lampenfieber“, sagt sie und lacht. Weil es so viele Opernfantasien für Harfe und Flöte gibt, ist die Flötistin aus München an ihre Kollegin Magdalena mit der Idee herangetreten, ein gemeinsames Konzert zu spielen. Daran, dass Magdalena ihr dabei auch schauspielerisches Können abverlangen würde, dachte sie anfangs nicht. Aber schon die ersten Proben machten den beiden sehr viel Spaß – und das merkt man auch, wenn sie erzählen. 

Magdalena Hoffmann und Aleksey Igudesman spielen drei Stücke zu Texten von Magdalena Hoffmann: Das Duo, der Gepard, Zuhören live bei Klassik Underground in der Milla München.

Magdalena Hoffmann ist der Meinung, dass mit Musik auch humorvoll umgegangen werden kann, ohne dass diese etwas verliert. Einen Eindruck, wie das klingen kann, gibt das Video aus dem Jahr 2017, in dem sie mit Aleksey Igudesman drei humorvolle Stücke zu eigenen Texten spielt.

Video: BR-Klassik  

Niederschwellige Musikangebote wie die Klassik Lounge finden die Musikerinnen sehr wichtig. „Wir brauchen ja auch ein Konzertpublikum. Wenn man sich die Konzertsäle in Europa anschaut, ist der Großteil des Publikums schon älter“, gibt Anna zu bedenken. Es sei deshalb wichtig, auch den jungen Leuten klassische Musik schmackhaft zu machen. Dass das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck darauf großen Wert legt, zeigt das vielfältige Programm für alle Altersgruppen. Sogar bei einem Windelkonzert für Babys habe Anna bereits mitgespielt, erzählt sie und lacht. Die beiden Profimusikerinnen schätzen Kinder als Publikum. Auch wenn es ab und zu etwas lauter beim Konzert zugehe, so sei die ehrliche und unmittelbare Reaktion der Kleinen doch unbezahlbar.

Beim Erzählen lachen die beiden Musikerinnen viel, sie scheinen ein eingespieltes Team zu sein. Magdalena spricht schnell und strotzt förmlich vor Energie. Obwohl Anna ebenfalls eine sehr offene und wache Frau ist, wirkt sie neben ihrer Kollegin oft ruhig und bedacht. Die zwei ergänzen sich gut. Magdalena leitet neben ihrer Tätigkeit im Orchester die Konzertharfenklasse am Tiroler Landeskonservatorium. Sie mag es, ihren Schülern etwas weiterzugeben und das Beste aus ihnen rauszukitzeln. „Als Musiker sollte man mutig sein, sich nicht verstecken und nur brav den Regeln folgen. Regelbruch ist nicht generell etwas Schlechtes“, meint die quirlige Harfenistin und fügt lachend hinzu: „Natürlich im richtigen Maß.“ Als Musiker müsse man sich irgendwie abheben, es reiche nicht, wenn man nur brav übt und den vorgezeichneten Weg geht, ist Magdalena überzeugt. Anna stimmt ihr teilweise zu, präzisiert aber, dass es vor allem um musikalischen Charakter gehe: „Es braucht Kreativität im Spiel und man muss charakterlich besonders im Spiel auffallen.“

Anna Klie und Magdalena Hoffmann beim Interview.

Anna und Magdalena erzählen von den gemeinsamen Proben.

Sowohl Anna als auch Magdalena stammen nicht aus Musikerfamilien. Magdalena sah mit viereinhalb Jahren ihre erste Harfe – es war Liebe auf den Blick. Noch bevor sie das Instrument gehört hat, wusste sie, dass sie es spielen lernen wollte. „Das Instrument hat mich beeindruckt, aber nicht aus dem Grund, weil es oft als prinzessinnenhaftes Instrument gesehen wird. Ich habe es gesehen und gedacht: Das schaut cool aus, das ist speziell, das muss ich machen!“, lacht Magdalena. Eineinhalb Jahre hat sie ihre Eltern bearbeitet, bis sie mit sechs Jahren schließlich ihre erste Harfe bekam.

Heute würde sie noch gerne Trompete lernen, am liebsten nur nach Gehör: „An der Harfe habe ich beim Improvisieren ein bisschen eine Blockade, wie sie vielleicht jeder Klassiker kennt. Ich würde mit einem Instrument einmal gerne so umgehen, wie man als Kind mit Gesang umgeht. Also einfach losspielen." Die Faszination für die Harfe ist aber bis heute ungebrochen.

Magdalena Hoffmann an der Harfe

Magdalena Hoffmann an der Harfe

so ganz bin ich von der Musik  nie losgekommen

Anna Klie

Ein etwas ambivalenteres Verhältnis zu ihrem Instrument hat hingegen Anna. Schon im zarten Alter von zwei Jahren begann sie damit, Blockflöte zu spielen. Ihr Bruder war fünf und bekam Musikunterricht, Anna ließ nicht locker, bis sie auch spielen durfte. In kurzer Zeit wurde sie sehr gut und gab bereits mit sechs Jahren ein Vivaldi-Konzert zum Besten. Schon damals war dem jungen Mädchen klar, dass es Berufsmusikerin werden wollte. Ihre Liebe galt aber der Geige. „Meine Eltern haben damals gedacht, dass sie mir das Geigenstudium niemals ermöglichen könnten. Sie wussten nichts von Leihgeigen und Stipendien“, erzählt Anna heute. Sie habe deshalb damals begonnen, Querflötenunterricht bei einer renommierten Münchner Lehrerin zu nehmen. Es machte ihr zwar sehr viel Spaß und sie wurde schnell richtig gut – ihre Liebe zur Geige hält aber bis heute an.

Als junge Erwachsene entfernte sich Anna eine Zeit lang von der Musik. Sie war auf der Suche, schnupperte in mehrere Studien, arbeitete im Rettungsdienst. „So ganz bin ich von der Musik aber nie losgekommen“, lächelt sie. Wettbewerbe zu spielen, gefiel ihr immer schon sehr. 2014 bereitete sie sich deshalb wieder intensiv auf einen solchen vor. Im selben Jahr fuhr sie nach Innsbruck, um am Probespiel für die Stelle der Soloflöte teilzunehmen. Anna war beide Male erfolgreich. Obwohl sie kaum Orchestererfahrung hatte, darf sie den Part der prestigeträchtigen Soloflöte im Tiroler Symphonieorchester Innsbruck übernehmen. Nun ist sie sich sicher: Die Musik ist der richtige Weg für sie. „Eigentlich wollte ich nie ins Orchester, ich wollte keinen Chef haben", lacht Anna. In Innsbruck habe sie dann aber die Liebe zum Spiel im Orchester entdeckt.


Anna Klie an der Flöte

Anna Klies Flötenspiel ist brillant, technisch anspruchsvolle Stellen meistert sie mit Leichtigkeit, ihre Töne sind klar. Dennoch fehlt ihr an der Querflöte manchmal die Vielseitigkeit. Einen Ausgleich findet sie am Klavier. „Das Klavierspielen ist für mich etwas für die Seele", sagt sie. An der Musikschule unterrichtet sie auch einige Klavierschüler.

Das Orchesterspiel

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck schätzen beide Musikerinnen sehr – „sowohl persönlich als auch musikalisch“. In der Saison 2017/18 hat das Orchester mit vielen verschiedenen Dirigenten gespielt – es ist nämlich auf der Suche nach einem neuen Chefdirigenten. Einerseits empfinden das die beiden Musikerinnen als Bereicherung, da man sehr viele verschiedene, gute Leute kennenlerne. Andererseits ist der Wunsch nach Beständigkeit natürlich auch da. Nach jedem Projekt dürfen alle Orchestermitglieder über den Dirigenten oder die Dirigentin abstimmen. Die Suche nach einem neuen Chef am Pult gestaltet sich nämlich demokratisch. „Das ist toll, dass wir hier alle Stimmrecht haben, das ist nicht in jedem Orchester so“, erklärt Magdalena.

Derzeit proben die Orchestermusiker für das 6. Symphoniekonzert. Mussorgski, Chopin und Dvořák stehen auf dem Programm. „Ich muss bei diesem Konzert viele Pausen zählen“, schmunzelt Magdalena, als Harfenistin sei sie das aber gewohnt. Für die Soloflöte ist hingegen besonders Dvořáks Symphonie „Aus der neuen Welt“ spannend. Das 6. Symphoniekonzert wird am 12. und 13. April wie üblich im Innsbrucker Congress aufgeführt. Eine Besonderheit ist diesmal aber, dass das Orchester am 14. April mit Dirigent Ainars Rubikis für ein Gastspiel in den Wiener Musikverein fährt. „Unser Orchester ist sehr standhaft hier in Innsbruck. Über die Grenzen Tirols reisen wir nur selten. Wir freuen uns deshalb alle sehr darauf“, so Magdalena.


Die Musikerinnen und Musiker des TSOI.

Die Musikerinnen und Musiker des TSOI mit Anna Klie an der Soloflöte und Magdalena Hoffmann an der Soloharfe.

Foto: CDS Schrott

Seit vier Jahren leben Magdalena und Anna nun schon in Innsbruck, sie fühlen sich hier wohl. Für Anna kommt immer noch hin und wieder Urlaubsfeeling auf, denn Tirol kannte sie schon aus der Kindheit: „Es war immer die erste Ausfahrt, wenn wir in den Urlaub gefahren sind“, schmunzelt sie. An Innsbruck schätzt sie vor allem die Natur und die lebendige Stadt. Magdalena schaut sie skeptisch an und fängt an zu lachen. Für sie könnte Innsbruck ruhig lauter und aufgeweckter sein. Die Schönheit erinnere sie aber auch oft an Urlaub, räumt Magdalena ein. „Vor allem wenn der Föhn so schön weht wie heute“, sagt sie und Anna nickt zustimmend. Da ist kein Funken Ironie in ihrer Stimme. Die beiden Musikerinnen sind wirklich Föhnliebhaberinnen!

Anna Klie und Magdalena Hoffmann als Operndiven.
Ein eingespieltes Team

Anna Klie und Magdalena Hoffmann als Operndiven

Magdalena liebt das Schauspielen.
Einmal Diva sein ...

Magdalena liebt das Schauspielern.

Die Bäckerei ist bis auf den letzten Platz belegt.
Großes Interesse

Die Bäckerei ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum ist bunt gemischt.

Als die beiden Musikerinnen am Abend die Bühne der Bäckerei betreten, sind sie völlig verwandelt. Magdalena trägt ein blau schimmerndes Kleid mit langem Schlitz und einen Turban auf dem Kopf, Anna hat sich in eine Operndiva in Weinrot verwandelt, die mit Glitzer und Perlen nicht geizt. Ihre nachmittags angesprochene Nervosität? Wie weggeblasen. Anna Jatrebko und Maria Krallas erfüllen das Diva-Klischee perfekt und kriegen sich in ihrer Garderobe richtig schön in die Haare.

Das Publikum ist sowohl vom satirischen Schauspiel als auch von den musikalischen Leistungen der Musikerinnen begeistert. Die Ohrringe der Diva an der Harfe wippen im Rhythmus, während ihre Finger über die Saiten huschen, bei den klaren Tönen der Soloflöte kriegt wohl so mancher Zuhörer Gänsehaut. Drohten Jatrebko und Krallas noch vor wenigen Minuten, sich gegenseitig umzubringen, legen sie beim Schlussapplaus die Arme umeinander. Jetzt ist klar: Es sind wieder Anna Klie und Magdalena Hoffmann, die beiden Freundinnen, die sich vor ihrem Publikum verbeugen.

Louis Spohr, Sonate D-Dur op. 114, II. Potpourri über Themen aus Mozarts Zauberflöte

Anna Klie und Magdalena Hoffmann bei der Klassik Lounge: Louis Spohr, Sonate D-Dur op. 114, II. Potpourri über Themen aus Mozarts Zauberflöte

Tiroler Symphonieorchester Innsbruck

Die nächsten Termine:

6. Symphoniekonzert
12.und 13. April 2018 im Congress Innsbruck
14. April 2018 im Wiener Musikverein

Der Konsul (Oper)
25. April, 1. und 7. Juni 2018

7. Symphoniekonzert
24. und 25. Mai 2018 im Congress Innsbruck

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