Schlagwerker
Jubiläum Innsbrucker Musikverein

Die Musik-macher

Das Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck ist Ausbildungsstätte für musikalische Berufe und eine Institution der Musikpflege in vielerlei Hinsicht. Hervorgegangen ist es aus dem vor 200 Jahren gegründeten Innsbrucker Musikverein. Text: Esther Pirchner
Fotos: Axel Springer, Target Group

Der richtige Ton

Wie gelingt ein tiefer Ton auf der Querflöte besonders schön und klangvoll? Flötist Michael Cede zeigt seiner Schülerin Ramona (17), welche Haltung sie am besten einnimmt und wie sie richtig Atem schöpft. Der Ton soll eine ruhige Wellenbewegung beschreiben wie ganz sanft auf- und absteigende Meereswogen. Cede arbeitet oft mit Bildern, es wird viel gelacht in dieser Stunde und zugleich konsequent am Klangbild und der richtigen Technik gefeilt. Am Ende klingt die kurze Phrase so, wie sie soll: mit nicht zu viel Vibrato, aber auch nicht zu gerade und glatt.

Michael Cede

Michael Cede (im Hintergrund) zeigt im Unterricht unter anderem die richtige Atemtechnik vor.

In gewisser Weise sind die Übungen, die Cede der jungen Flötistin zeigt, sportliches Training. Selbstverständlich geht es dabei immer um das Musikalische, aber zugleich zeigt sich in der Unterrichtsstunde auch, wie sehr Musikmachen mit Körpergefühl, Technik, Atmung und konsequentem Training wiederholter Abläufe zu tun hat. Einige Zimmer weiter übt die Leiterin des Fachbereichs Gesang Gabriele Erhard mit dem Musikgymnasiasten Tizian Schneider (16), der im zweiten Jahr seiner Ausbildung steht. Sie achtet auf jedes Detail im Ausdruck, auf die Atmung und nicht zuletzt auf die Aussprache. Klassisch ausgebildete Sänger müssen mehrere Sprachen so sprechen bzw. singen können, dass sie gut verständlich sind und kein Akzent hörbar ist. Wie man ein italienisches „fedele“ weich und lang gezogen ausspricht, singt und spricht sie Tizian so lange vor, bis er die Sprachmelodie ebenso im Ohr hat wie die Gesangslinie.

Grundsätzlich gibt es zwei Berufsstudien, IGP und Konzertfach, dazu den Unterricht für Musikgymnasiasten und Wiltener Sängerknaben.

Nikolaus Duregger, Direktor des Tiroler Landeskonservatoriums

600 angehende Musiker

Dass sie am Innsbrucker Konservatorium sowohl Hauptfachstudenten unterrichten kann als auch Schüler, schätzt Gabriele Erhard als eine besondere Qualität ihrer Arbeit. Denn Musikgymnasiasten sind nur eine von mehreren Gruppen, die hier Gesang studieren oder ein Instrument lernen. Direktor Nikolaus Duregger freut sich über diese jungen Musiker, die „noch gut formbar und geistig elastisch sind“. Trotzdem liegt das Hauptaugenmerk mit jeweils rund hundert Studierenden auf den Studienrichtungen IGP, also der Ausbildung zum Musikschullehrer, und Konzertfach, der Ausbildung zu Konzertsolisten und Orchestermusikern. Darüber hinaus erhalten rund 120 Wiltener Sängerknaben eine stimmtechnische Ausbildung, auch musiktheoretische Kurse, musikalische Früherziehung und Meisterklassen für Absolventen bietet das Haus in der Paul-Hofhaimer-Gasse an.

Vier Lehrgänge für Blasorchesterleitung, Elementare Musikpädagogik, Alpenländische Volksmusik sowie Jazz und improvisierte Musik ergänzen das Programm – viele verschiedene Facetten des Kosmos Musik also, die an die nächsten Generationen weitergegeben werden.

Gesangsklasse Gabriele Erhard
Gesangsunterricht

Gabriele Erhard unterrichtet Studenten und Musikgymnasiasten wie Tizian Schneider.

Motivierend …
Motivierend

Freude an der Musik, Gesang und Sprechen vermitteln die Lehrer im Unterricht.

Schlagwerker
Schlagwerker

Norbert Rabanser unterrichtet die große Vielfalt an Schlaginstrumenten, vom Marimbaphon bis zu den Pauken.

Marimbaphon
Melodie und Rhythmus

Eines von vielen Schlaginstrumenten: das Marimbaphon.

Tamburin
Vorbereitungsspiel

Bei der Vorbereitung auf Vorspielen bei Orchestern sind auch „Exoten“ wie das Tamburin gefragt.

Klassen und Meisterklassen

Doch ganz gleich, welches Instrument ein Musiker spielt, welchen Stil oder welches Genre er bevorzugt: Letztlich geht es darum, seine eigene Stimme zu finden, neben den technischen Fähigkeiten auch die der Interpretation zu schulen. Das beginnt bei den Jüngsten und setzt sich bei den jugendlichen Musikschülern fort, wie in einer Klavierstunde bei Sebastian Euler zu hören ist. Er lässt seinen 13-jährigen Schüler Peter Hochschwarzer zunächst eine Weile spielen, hört ruhig zu und zeigt ihm dann, wie er an einer Stelle die Stimmung verändern oder an einer anderen Spannung und Energie aufbauen bzw. halten kann.

Dass die Auseinandersetzung mit diesen Feinheiten, die Suche nach dem richtigen Ausdruck etwas ist, was Musiker ihr ganzes Leben lang beschäftigt, zeigt sich weit über das Studium hinaus. Meisterklassen für Absolventen oder Masterclasses mit berühmten Solisten gehören ganz selbstverständlich zum Angebot der Ausbildungsinstitution dazu. Wenn etwa der Pianist Igor Levit anlässlich eines Konzerts in Innsbruck auch eine Meisterklasse am Tiroler Landeskonservatorium leitet oder der Komponist, Pianist und künstlerische Leiter des Festivals „Musik im Riesen“, Thomas Larcher, internationale Stars wie Patricia Kopatschinskaja, Viktoria Mullova und Matthew Barley nach Innsbruck bringt, wo sie mit den Schülern und Studenten des Konservatoriums arbeiten, dann sind das außergewöhnliche Gelegenheiten für talentierte Nachwuchsmusiker, sich auf ihren musikalischen Beruf vorzubereiten.

Masterclass Currie

2016 traten die Schlagwerker des Tiroler Konservatoriums beim Festival „Musik im Riesen“ mit Steve Reichs „Drumming“ auf. Einstudiert hatten sie das Werk mit dem britischen Percussion-Virtuosen Colin Currie. Foto: Swarovski Kristallwelten 

Rhythmus aus dem Untergrund

Besonders eindrucksvoll geriet eine solche Masterclass, als die Schlagwerker des Konservatoriums im Rahmen von „Musik im Riesen“ 2016 mit dem britischen Percussionisten Colin Currie Steve Reichs „Drumming“ einstudierten und im ORF Studio Tirol aufführten. Vielleicht liegt die hohe Qualität des (Zusammen-)Spiels der Schlagwerker aber auch an der besonderen Situation, in der sie üben und proben. Anders als bei allen anderen Instrumentengruppen muss hier eine Vielzahl an Rhythmus- und Melodieinstrumenten bewältigt werden, und große, teure Instrumente wie Marimbaphon oder Pauken haben nur die wenigsten zu Hause. So verbringen sie viel Zeit in den Proberäumen im Untergeschoss des Konservatoriums und lernen auch noch die entlegensten „Planeten“ des Schlagwerkuniversums zu spielen. Der Unterricht reicht hier bis ins Berufsleben, wenn etwa Schlagwerklehrer Norbert Rabanser Studenten auf Vorspielen bei den wichtigen Orchestern in Österreich und Deutschland vorbereitet. Das Tamburin muss ein solcher angehender Orchestermusiker wie Andreas Höllrigl dabei ebenso beherrschen wie alle Arten von Trommeln, Marimba- und Vibraphon, Glockenspiel, Triangel oder Claves.

Klavierunterricht
Trommel
Schlagzeug

Sebastian Euler zeigt Schüler Peter Hochschwarzer in den Noten, wo er die Stimmung verändern kann. Im Untergeschoss warten Trommeln und Schlagzeuge darauf, gespielt zu werden. 

Spielen und vorspielen

Und noch etwas anderes zeigen die Vorbereitungen aufs Berufsleben: Wer am Konservatorium studiert, der lernt nicht nur, sein Instrument gut zu spielen, sondern auch vor Publikum aufzutreten. „Es gehört alles zusammen“, meint Nikolaus Duregger dazu. „Die Ausbildung sollte unbedingt auch sehr praktisch angelegt sein. Jeder, der ein Konzertfachstudium bestreitet, sollte unbedingt auch in einem Orchester spielen. Das war von vornherein vom Akademischem Musikverein so ausgerichtet. Sie haben sich als Ausbildungsinstitution und als Beförderungsmittel des Vergnügens, also als Veranstalter von Konzerten, verstanden.“ Aus dem 1818 gegründeten Musikverein, den Duregger anspricht, gingen vor Jahrzehnten Tiroler Landeskonservatorium und Musikschule hervor. Doch schon in seinen Anfängen zielte der Verein auf die Ausbildung und die Veranstaltung von Konzerten ab, um das Musikleben in Tirol nachhaltig zu stärken – ein Ziel, das in mehrfacher Hinsicht erreicht wurde.

Nikolaus Duregger

„Die Konzerttätigkeit ist Teil der Ausbildung, aber es schwingt auch die Lust am Musizieren mit und daran, diese Freude mit anderen zu teilen. Das war von vornherein vom Akademischem Musikverein so ausgerichtet. Sie haben sich als Ausbildungsinstitution und als Beförderungsmittel des Vergnügens, also als Veranstalter von Konzerten, verstanden.“

Nikolas Duregger, Direktor des Tiroler Landeskonservatoriums

Monumentales Klangwerk

Über alle Hindernisse, historischen Entwicklungen und die Tatsache, dass der Verein längst aufgelöst ist, hinweg, geht es beim Tiroler Landeskonservatorium darum, Musiker und Musiklehrer gut auszubilden und ihnen zugleich Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Kein Wunder, dass auch die Feierlichkeiten zum 200. Jubiläum der Vereinsgründung in Innsbruck am 2. Juni 2018 mit einem musikalischen Großprojekt begangen werden: Felix Mendelssohn Bartholdys monumentales Oratorium „Elias“ wird mit Hunderten Mitgliedern des konsOrchesters und -Chores sowie den Wiltener Sängerknaben umgesetzt. Als Solisten agieren die Gesangslehrerinnen Maria Erlacher und Gabriele Erhard sowie zwei ehemalige Wiltener Sängerknaben, Konservatoriumsabsolventen und inzwischen international gefragte Sänger: Daniel Schmutzhard und Paul Schweinester. Monate vorher wurde schon eifrig geprobt, die große Menge an Mitwirkenden musste sogar im Zuschauerraum des Konzertsaals im Konservatorium Platz nehmen, damit Dirigent Dorian Keilhack die Proben überhaupt leiten konnte.

Dorian Keilhack
Wiltener Sängerknaben
Chor des Konservatoriums

Hunderte Chorsänger und Wiltener Sängerknaben proben unter der Leitung von Dorian Keinhack (l.) das Oratorium „Elias“  – und finden dabei nur in den Zuschauerreihen des Konzertsaals Platz.

Von Bach bis heute

Die Dimensionen von „Elias“ waren neben der Tatsache, dass das Oratorium selten gespielt wird, auch ein Grund für die Auswahl. Denn so können von den rund 600 Studenten und Schülern des Konservatoriums viele aktiv mitmachen und zeigen, was sie können. Den anderen bleibt, auch wenn sie bei „Elias“ nicht mitmachen sollten, der Gang auf die Bühne trotzdem nicht verwehrt. Mit verschiedenen eigenen Ensembles wie konsBarock, konsTellation, der JIMI-Bigband, die oft auch auf bestimmte Epochen oder Genres spezialisiert sind und von Spezialisten unterrichtet werden, bietet das Tiroler Landeskonservatorium die ganze Bandbreite an Auftrittsmöglichkeiten an – bis hin zur neuesten Musik, wie sie etwa Studenten der Kompositionsklasse unlängst für ein Foto-und-Musik-Projekt in Kooperation mit der Universität Leipzig und dem BTV Stadtforum/Galerie FO.KU.S durchgeführt haben. Nikolaus Duregger bringt die Notwendigkeit solcher Aktivitäten auf den Punkt: „Für uns ist es wichtig, die Stränge aufzuzeigen – von Bach bis zu den heutigen Komponisten. Denn wenn man den Kontakt zur Jetztzeit nicht hält, ist man verloren.“ Angesichts der großen Menge an ambitionierten jungen Musikern, die aus dem Tiroler Landeskonservatorium hervorgehen, besteht an der Aktualität und der Verbundenheit mit dem heutigen Musikgeschehen nicht der geringste Zweifel.

Unterricht am Tiroler Landeskonservatorium

Unterricht am Tiroler Landeskonservatorium

Tiroler Landeskonservatorium

200 Jahre Innsbrucker Musikverein
Tiroler Landeskonservatorium

Paul-Hofhaimer-Gasse 6
6020 Innsbruck
Tel. +43 512 508-6852
konservatorium@tirol.gv.at

2018 feiert das Tiroler Landeskonservatorium die Gründung des Innsbrucker Musikvereins 1818. Zum 200-Jahr-Jubiläum sind zahlreiche Veranstaltungen geplant, im Mai 2018 erscheint zudem eine Festschrift über die Geschichte des Musikvereins.

www.konstirol.at

Festkonzert
anlässlich der Gründung des Innsbrucker Musikvereins vor 200 Jahren
Felix Mendelssohn Bartholdy „Elias“
2. Juni 2018, 19 Uhr
Congress Innsbruck, Saal Tirol

Maria Erlacher-Forster, Sopran
Gabriele Erhard, Alt
Paul Schweinester, Tenor
Daniel Schmutzhard, Bass
Wiltener Sängerknaben
Chor des Musikgymnasiums Innsbruck
Chor des Tiroler Landeskonservatoriums Orchester des Tiroler Landeskonservatoriums
Gesamtleitung: Dorian Keilhack

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