Thomas Larcher
15., 17. und 18.8.2018, Oper von Thomas Larcher

Das Jagdgewehr

Thomas Larchers Oper „Das Jagdgewehr“ nach Yasushi Inoue wird bei den Bregenzer Festspielen 2018 uraufgeführt. Regie führt Karl Markovics. Text: Esther Pirchner
Fotos: Reinhard Fichtinger

kultur.tirol traf den Komponisten Thomas Larcher im Juni 2018 zu einem Gespräch über seine erste Oper, die am 15. August 2018 auf der Werkstattbühne in Bregenz uraufgeführt wird. Das Libretto verfasste Friederike Gösweiner nach einer Briefnovelle des japanischen Autors Yasushi Inoue von 1949: Eingebettet in eine Rahmenerzählung erzählen drei Frauen in Briefen die Geschichte einer heimlichen Liebe.

Herr Larcher, in Ihrer Werkliste finden sich zahlreiche Stücke für Gesangsstimme und Instrumente – von Kammermusik bis zu Orchesterwerken mit Solist. Ist die Frage, wie Stimme und Instrumente zusammenwirken, für Sie von besonderer Bedeutung? Und ist eine Oper zu schreiben, ein weiterer Schritt auf diesem Weg?

Thomas Larcher: Vielleicht weniger Stimme und Instrumente als vielmehr Text und Musik. Text richtet die Musik stark aus und verortet sie inhaltlich. Eine Musik, die ohne Text vielfältiger deutbar wäre, wird dadurch sehr eindeutig. Dass man nach etlichen Vokalwerken auch ein sogenanntes musikdramatisches Werk schreibt, ist nur logisch. Allerdings ist „Das Jagdgewehr“ relativ streng strukturiert und dadurch weniger dramatisch, sondern eher stationenhaft.

Thomas Larcher beim Komponieren

Thomas Larcher beim Komponieren. Video: Reinhard Fichtinger

Kann man bei Ihren Vokalwerken auch von einer Entwicklung sprechen: von kleinen Besetzungen über Ensemble- und Orchesterwerke bis hin zur Oper?

Thomas Larcher: Es  gibt eine kontinuierliche Erweiterung der Dinge, allerdings betrifft das nicht die instrumentale Besetzung – das Ensemble Modern spielt im „Jagdgewehr“ mit 17 Instrumentalisten  –, sondern die Erweiterung um eine andere Facette: Es gibt einen Chor, der vor allem eine Verstärkung der Solisten und eine klangliche Verbindung zwischen diesen und dem Ensemble ist.

Eine besondere Herausforderung ist auch der Text: Obwohl das Libretto sehr kurz ist, ist es trotzdem sehr viel mehr und ein anderer Text als in vergangenen Stücken. Bisher habe ich Gedichte oder sogar nur Fragmente vertont. Der Operntext ist demgegenüber nicht in jeder Silbe so aufgeladen. Es ging eher darum, aus alltäglichen Sätzen die Botschaft oder Stimmung herauszudestillieren, die es braucht, um den Inhalt zu durchleuchten und plastisch zu machen. Das war nicht immer ganz einfach. 

Die Oper kommt direkt zur Sache – wie der Tod, … eine Kunst, die einem offensichtlicher als jede andere das Herz brechen will.

Julian Barnes, Lebensstufen

War diese emotionale Ebene auch ein Grund, dass Sie als Komponist die Novelle von Yasushi Inoue für eine Vertonung ausgewählt haben? Unterscheidet sich dieser Text auch von den anderen, die Sie bisher vertont haben?

Thomas Larcher: Bei Gedichten oder Fragmenten früherer Werke hat mich der Text vorrangig auf der Wortebene angesprochen, beim „Jagdgewehr“ war es einfach die Geschichte, die sehr vielschichtig ist. Es geht sehr viel um Einsamkeit, sehr viel um Sprachlosigkeit, aber auch um die Macht des Schreibens. Der Text berührt viele Themen, die jeder von uns kennt: die Verschiebung der Realitäten, dieses Beziehungsgeflecht, das Verlassen und Verlassenwerden und die potemkinschen Fassaden. Das ist etwas, was in diesem Text exemplarisch abgehandelt ist. Trotz der strengen Form der Novelle – sie besteht aus drei Briefen, Prolog und Epilog – trägt sie auch eine hohe Explosivität in sich.

Es ist Aufgabe der Musik, sich die Zeit zu nehmen, mikroskopisch hinzuleuchten und all das auszugraben und an die Oberfläche zu bringen. Die Komposition folgt daher ganz streng dem Duktus des Textes und dem jeweiligen Ausdrucksgehalt. Er wird nur an wenigen Stellen ausgedehnt oder von den Instrumenten überlagert. Oft ist es so, dass die Musik im Nachhinein kommentiert, was im Text gesagt wird. Dadurch wird der Inhalt verständlicher. Es gibt insofern auch den Anspruch, dass man die gesungenen Texte versteht.

Konzentriertes Team
Konzentriertes Team

Oft arbeitet Thomas Larcher (links) mit dem britischen Tenor Mark Padmore zusammen.

Text, Musik, Stimme
Text, Musik, Stimme

Text verortet Musik, sagt Larcher. Padmore bringt seine Stimme in dieses System mit eigenen Ideen ein.

Ohne Scheu …
Ohne Scheu …

… auch vor dem, was nicht dem Schönklang entspricht, gestaltet Mark Padmore seine Rollen.

Karl Markovics
Karl Markovics

Den Regisseur hat Thomas Larcher wegen seines Films „Atmen“ dazugeholt.

Foto: Bregenzer Festspiele

Im Libretto bleibt die Rahmenerzählung erhalten, die drei Briefe werden ineinander verwoben. Eine wichtige Rolle nimmt die Figur des Dichters ein, des Protagonisten der Rahmenerzählung.

Thomas Larcher: Ursprünglich hätte diese Figur noch präsenter sein sollen, indem sie über den gesamten Ablauf hinweg Teile der Geschichte erzählt, aber im Laufe der Arbeit hat es sich anders entwickelt. Auch wenn er jetzt nur am Anfang und am Ende in Erscheinung tritt, so ist der Dichter doch der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Handlung: Durch sein Gedicht, das er und der Chor am Anfang gemeinsam vortragen, wird die Geschichte ausgelöst und er erfährt als einziger die ganze Geschichte, saugt sie auf und bringt sie wieder in transformierter Weise ans Licht. Er ist quasi das Brennglas, der Fokus des Ganzen.

Es gibt eine Stelle, die eine zusätzliche Schilderung braucht, es geht dabei um die Bombennächte in Tokio. Diese Schilderung übernimmt der Chor. Abgesehen davon fungiert der Chor als musikalische Verstärkung der Solisten.

Haben Sie auch die anderen Sänger ausgewählt?

Ja, es war insofern nicht so einfach, als es doch sehr kurzfristig war. Aber jetzt haben wir einige hervorragende Sängerinnen und Sänger gefunden. Mit Sarah Aristidou, die die Shoko singt, habe ich schon gearbeitet. Auch die anderen Sängerinnen sind ausgezeichnet. André Schuen, der die Rolle des Josuke Misugi übernimmt, kenne ich gut und ich finde es toll, dass er das macht. Er ist ein großer kommender Star und singt viel Neues.

Ensemble Modern

17 Instrumentalisten des Ensemble Modern, spezialisiert auf zeitgenössische Musik, wirken an der Uraufführung von Thomas Larchers Oper mit.
Foto: Vincent Stefan 

Karl Marcovics führt Regie, das erste Mal bei einer Oper. Warum haben Sie ihn dazugeholt?

Wegen seines Films „Atmen“, den ich vom Timing her sehr gut finde und von der Art, wie die Dialoge geführt sind.

Seine Idee für „Das Jagdgewehr“ ist, Menschen in einer großen Landschaft zu zeigen, wozu der Raum auch sehr einlädt. Die Werkstattbühne hat eine sehr große Breite und Tiefe, sie hat praktisch die gleiche Fläche wie die Seebühne. Die Tiefenstaffelung unterstützt die Vereinzelung der Menschen in der Geschichte, aber der große Raum ist auch problematisch und macht eine Verstärkung notwendig. Bei den Proben in den kommenden Wochen wird sich weisen, wie sich das am besten umsetzen lässt.

Die Natur ist in den meisten Regionen der Welt im Grunde sehr ähnlich – genauso wie die Menschen. Ich sehe die Dinge universeller, sie lassen sich nicht auf eine Region festlegen, in der ich zufällig geboren wurde.

Thomas Larcher, Komponist

Über Ihre Affinität zur Natur haben Sie in einem Interview gesagt: „Die Natur ist in den meisten Regionen der Welt im Grunde sehr ähnlich – genauso wie die Menschen einander sehr ähnlich sind. Ich sehe die Dinge universeller, sie lassen sich nicht auf eine Region festlegen, in der ich zufällig geboren wurde.“ Sehen Sie auch „Das Jagdgewehr“ als universellen Text oder ist er – und damit Ihre Oper – doch sehr in Japan verortet?

Nein, die Aufführung wird nicht sehr  japanisch. Ich finde auch, dass die Geschichte nicht sehr japanisch ist. Sie ist allgemeingültig und beschäftigt sich mit Themen, die uns alle angehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Thomas Larcher

Thomas Larcher komponiert mit Papier, Bleistift und Radiergummi. Hunderte Seiten Musik entstehen für ein großes Werk wie die Oper „Das Jagdgewehr“. 

Biografisches

Thomas Larcher (*1963 in Tirol) komponiert  für Solisten, Kammerensembles und große Orchester und erschloss sich damit rasch ein internationales Publikum. Seine Stücke – darunter Auftragswerke für die Wiener Philharmoniker, das Leipziger Gewandhausorchester oder das San Francisco Symphony Orchestra – werden u. a. im angloamerikanischen Raum und Nordeuropa viel gespielt.
Eine wesentliche Rolle spielen Werke, in denen Text und Musik zusammentreffen, etwa „A Padmore Cycle“ für Tenor und Orchester für den britischen Tenor Mark Padmore (2014) oder „My Illness Is the Medicine I Need“ für Sopran und Ensemble (2002/2013). Im Sommer 2018 wird Larchers erste Oper, „Das Jagdgewehr“ nach einem Libretto von Friederike Gösweiner, bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt und später im britischen Aldeburgh und voraussichtlich in anderen europäischen Städten gespielt.

www.thomaslarcher.com

Das Jagdgewehr

Oper von Thomas Larcher (UA)
15., 17. und 18.8.2018
Das Jagdgewehr

Buchcover „Das Jagdgewehr“, Foto: Suhrkamp

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