200 Jahre "Stille Nacht"

Welthit aus den Alpen

„Stille Nacht“ wurde bereits im 19. Jahrhundert zum Welthit – dabei gab es bis 1888 nicht einmal eine Möglichkeit, Musik aufzunehmen und elektronisch wiederzugeben. Wie sich der Musikvertrieb seit damals verändert hat und warum gerade „Stille Nacht“ dieses Kunststück schaffte. Text: Lisa Schwarzenauer
Header-Bild: Shutterstock

Mit nur einem Klick steht heute mehr oder weniger die ganze weite Musikwelt zur Verfügung, ganz egal zu welcher Zeit, an welchem Ort und woher die Musik kommt. Ähnlich einfach ist es, eigene Musik in alle Welt zu bringen. Umso beeindruckender ist es deshalb, dass „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ schon im 19. Jahrhundert ganz ohne die Möglichkeiten des modernen Musikvertriebs weltweit die Massen erobert hat.

Musikverlage

Damals erfolgte die Verbreitung von Musik mündlich oder durch Drucke, die von Musikverlagen herausgegeben wurden. „Anfänge des Musikverlagswesens finden sich schon im Italien des 15. Jahrhunderts, aber wirklich Fuß gefasst haben die Verlage erst im 17. Jahrhundert, und hier besonders dort, wo eine starke Mittelschicht vorhanden war, die an hausmusikalischen Aktivitäten interessiert war und Bedarf an Noten hatte“, erklärt Musikwissenschaftler Dr. Thomas Nußbaumer.

Musikverleger spielten damals nicht nur im Vertrieb eine wichtige Rolle: Ähnlich wie Plattenlabels heute beeinflussten sie auch, welche Werke komponiert wurden – die Verleger wussten, was gerade gut am Markt funktionierte, und viele Komponisten orientierten sich daran. Manche Verleger haben auch einfach selber in die Werke eingegriffen, die damals noch nicht urheberrechtlich geschützt waren.

Während das Musikverlagswesen beispielsweise in England und Italien schnell fußfassen konnte, dauerte es in Österreich bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Erste Drucke von „Stille Nacht“ gab es in Europa bereits in den 1830ern, in den 1840ern dann auch in Amerika (Deutsch und Englisch), wo das Musikverlagswesen – getrieben von der starken Bürgerschicht – zum ersten Mal industrielle Dimensionen annahm.

Eine Veröffentlichung von "Stille Nacht" aus dem Jahr 1832

© Tiroler Landesmuseumbibliothek

Mündliche Verbreitung

Diese Drucke wären wahrscheinlich nicht entstanden, wenn das Lied nicht schon durch mündliche Überlieferung zuerst regional und dann über die Grenzen des Alpenraumes hinaus populär gemacht worden wäre. Da es noch keine Tonträger gab, mussten Lieder damals durch Reisen aktiv in die Welt getragen oder von Besuchern mit in deren Heimat genommen werden. Bei „Stille Nacht“ haben das die Zillertaler Sängerfamilien Strasser und Rainer übernommen, die das Lied zuerst im deutschsprachigen Raum und dann u.a. auch in England, Amerika und Russland verbreitet haben.

Alpenbegeisterung

Der internationale Erfolg dieser Sängergruppen lag nicht zuletzt daran, dass die sogenannte Alpenbegeisterung damals schon weltweit – vor allem in den Städten – um sich gegriffen hat: Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Natur plötzlich nicht mehr als unwirtlich und bedrohlich wahrgenommen, sondern als eine Art Paradies gesehen. „Aus dieser Alpenbegeisterung, die sich bis heute fortsetzt, resultiert dann eigentlich auch die Faszination, die alpine Musik auf Menschen anderer Herkunft ausübt. Das hat immer noch sehr viel mit Urtümlichkeit und den scheinbar paradiesischen Zuständen in den Bergen zu tun.“, so Nußbaumer. Das nutzten auch die Tiroler Sängergruppen, die ihr Programm an den Publikumsgeschmack anpassten und die Alpen-Sehnsucht mit Tracht und Tanz noch unterstützten.

Das alleine erklärt jedoch nicht, wieso ausgerechnet „Stille Nacht“ eine solche internationale Wirkung entfaltet hat – es wurden schließlich auch andere Lieder aus dem Alpenraum abgedruckt und von den Sängergruppen in die Welt getragen. Ein Grund liegt laut Nußbaumer in der musikalischen Form des Liedes: „„Stille Nacht“ ist eine sogenannte Siciliana, geprägt vom 6/8-Takt, und dieser Rhythmus war den Menschen damals bekannt. Man verbindet diesen Rhythmus mit der Hirten-von-Betlehem-Idylle, und das ist mit ein Grund, warum dieses Lied auch international so erfolgreich geworden ist – dieses Muster war durch die Kunstmusik des 16. und 17. Jahrhunderts ja sozusagen schon internationalisiert.“ Da das Lied trotzdem volkstümlich ist, konnte es sowohl die Kunstmusik-affine Oberschicht als auch die breite Bevölkerung ansprechen. Zu einem großen Teil hat diese einzigartige Verbreitungsgeschichte aber wohl schlicht und einfach damit zu tun, dass „Stille Nacht“ als funktionales Lied an ein beliebtes wiederkehrendes Ereignis – Weihnachten – geknüpft ist, so der Experte.

Die Zillertaler Sängerfamilie Rainer spielte eine maßgebliche Rolle bei der Verbreitung von "Stille Nacht". Die erste Generation kam bis nach England und sang auf Schloss Windsor und im Buckingham Palace.

© Privatarchiv Martin Reiter

Musikvertrieb heute

Obwohl Musikverlage vor allem für Musizierende immer noch eine große Rolle spielen, hat sich der Musikvertrieb mit dem Aufkommen von Tonträgern grundlegend verändert. Dank der Erfindung des Phonographen durch Thomas Edison und des Grammophons plus Schallplatte durch Emil Berliner konnten Ende des 19. Jahrhunderts erstmals Musik und Stimmen elektronisch wiedergegeben werden – im 20. Jahrhundert musste man sich nicht mehr selber mit einem Notenblatt an ein Instrument setzen, um spontan zuhause seine Lieblingslieder zu hören. Wenn man sich 2018 eine der zahlreichen Versionen von „Stille Nacht“ anhören will, braucht man dank YouTube und Streaming-Diensten wie Spotify nicht einmal mehr Tonträger dafür. 

Was ist ein Hit?

Lieder und ihre Popularität

Heute ist es vermeintlich einfach festzustellen, ob ein Lied ein Hit ist oder nicht: Man muss theoretisch nur einen Blick auf die Charts werfen. Hat es ein Song in einem Land mindestens eine Woche lang in die Top 40 geschafft, gilt er dort gemeinhin als Hit – laut manchen Definitionen reicht sogar schon eine Platzierung in den Top 100. Da aufgrund des veränderten Musikkonsumverhaltens (weniger Tonträger-Verkäufe, mehr Streaming und Downloads) mittlerweile schon recht niedrige Verkaufszahlen für eine gute Chart-Position ausreichen können, sagt die Platzierung allerdings nicht zwingend viel über die wirkliche Popularität des Songs aus. Diese wird eher in Airplay- und Streaming-Charts widergespiegelt, welche aufgrund der Schnelllebigkeit der Musikindustrie allerdings ebenfalls nicht zu 100% zuverlässig sind.

Vor dem Zeitalter der Tonträger wurde die Popularität eines Liedes an den Verkaufszahlen von Notenblättern gemessen, aber es gab keine globalen Vergleichszahlen, weshalb es noch schwerer zu beurteilen war, ob es sich um einen Hit handelt oder nicht. Im Fall von „Stille Nacht“ war aufgrund der rasanten Verbreitung und der medienwirksamen internationalen Reaktionen trotzdem damals schon klar, dass es sich um einen Welthit handelte.

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