Weihnachten in Tirol

KREUZ UND QUER

Christkindlmärkte, Feste, Essen und Geschenke: Alle Tirolerinnen und Tiroler genießen auf ihre eigene Weise die Adventzeit. Doch nicht alle in Tirol lebenden Menschen sind katholisch. Wie feiern Menschen anderer Konfessionen Weihnachten? Feiern sie überhaupt? Wir waren zu Besuch bei... Text: Haris Kovacevic

...Thomas Lipschütz

Der jüdische Kalender, hebräisch ha-lu'ach ha-iwri, zählt gerade das Jahr 5778 und geht auf die biblische Schöpfungsgeschichte zurück. Er orientiert sich sowohl an der Sonne als auch am Mond und benötigt in regelmäßigen Abständen einen ganzen Schaltmonat. „Der Kalender spielt vor allem wegen der Feiertage eine wichtige Rolle“, erklärt Thomas Lipschütz, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit der Israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Juden feiern weder Ostern noch Weihnachten, sondern eigene Festtage, die bei genauem Hinschauen einige Ähnlichkeiten zu den christlichen aufweisen.

Chanukka beispielsweise wird während der dunklen und kalten Jahreszeit immer am 25. Kislew im hebräischen Kalender gefeiert, wobei der Vorabend immer dazuzählt. Es ist ein achttägiges Winterfest und beginnt heuer am 3. Dezember. Dabei wird viel Gebackenes gegessen und jeden Tag etwas Kleines verschenkt. All diese Ähnlichkeiten bewogen liberale deutsche Juden, die im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Amerika auswanderten, dazu, aus Weihnachten und Chanukka Weihnukka zu machen. Sogar ein Busch soll in einigen Haushalten geschmückt werden. In Europa sei dieses Phänomen aber nicht feststellbar, so der Innsbrucker.

LIBERALE DEUTSCHE JUDEN, DIE NACH AMERIKA AUSWANDERTEN, MACHTEN AUS CHANUKKA UND WEIHNACHTEN WEIHNUKKA

Thomas Lipschütz 

Kiachl und Glühwein lässt sich Thomas Lipschütz zu Weihnachten nicht entgehen. Es störe ihn aber, dass der Konsum überhandgenommen habe und die Weihnachtsmärkte Mitte November schon in voller Montur ihre Pforten öffnen. „Chanukka ist auch für Kommerzialisierung anfällig und in Israel kann man sich in der Vor-Chanukka-Zeit vor dem Kitsch kaum retten“, zieht Lipschütz eine weitere Parallele.

Zu Heiligabend ist er bei der Familie eines Freundes in Vorarlberg eingeladen. Mit Religion habe die Feier dort wenig zu tun, erklärt er. Lediglich der Vater seines Freundes gehe noch zur Messe – begleitet von Thomas Lipschütz, der sich, in der letzten Reihe der Kirche sitzend, seine eigenen Gedanken über Religionen und ihre Feiertage macht. Allen Christen wünscht er frohe und gesegnete Weihnachten, hofft aber, dass sie sich dabei auf das Besinnliche und nicht das Materielle konzentrieren.

Chanukka wird am 25. Kislew gefeiert, wobei der Vorabend schon zur Feier gehört.  Fotocredit: IKG Tirol und Vorarlberg

...Pfarrer Klaus Niederwimmer

In Tirol leben etwa 10.000 evangelische Christen. Am Martin-Luther-Platz im Innsbrucker Stadtteil Saggen steht die vor mehr als 100 Jahren erbaute Christuskirche, die das älteste evangelische Gotteshaus des Landes ist. „Mitglieder sind der Gemeinde sehr verbunden und unternehmen auch außerhalb der Gottesdienste viel: Kinder machen gemeinsam Musik in der Musikschule, Tanzabende werden veranstaltet oder man trifft sich zu Gespräch und Begegnung – einfach nur als Freunde“, meint Pfarrer Klaus Niederwimmer stolz.


Für die evangelischen Gemeinden arbeitet er als Klinik- und Gefängnisseelsorger und sagt: „Mir wird zu Weihnachten nicht langweilig, da es viele Menschen gibt, die Heiligabend leider dort verbringen müssen, wo sie eigentlich nicht sein wollen.“ Im Innsbrucker Gefängnis feiert Niederwimmer mit einem Kollegen aus der katholischen Kirche einen ökumenischen Gottesdienst, bei dem auch Geschenke an die Gefangenen verteilt werden. „In den Kliniken feiern Patienten im kleinen Kreis auf den Stationen und es ist schön, für die Menschen da zu sein“, erklärt der Pfarrer.

Die Christuskirche am Martin-Luther-Platz ist das älteste evangelische Gotteshaus Tirols.

Fotocredit: Axel Springer

„Grundsätzlich unterscheiden sich die Feierlichkeiten wenig von denen der katholischen Schwesterkirche“, erläutert der Innsbrucker Pfarrer. Vor der Mette am Heiligen Abend um 23 Uhr findet am späten Nachmittag die in der evangelischen Gemeinde wichtige Christvesper am späten Nachmittag statt, zu der „sehr viele Gemeindemitglieder kommen“, wie Niederwimmer unterstreicht: „In der Kirche findet am Nachmittag ein Krippenspiel statt, das Jung und Alt verbindet und für eine besinnliche Stimmung sorgt.“

Was Feiertage anbelangt, sind also viele Ähnlichkeiten zu katholischen Traditionen festzustellen, einige Unterschiede aber auch. Am 31. Oktober feiern Protestanten die Reformation. „Statt an Halloween erinnern wir also an Martin Luther“, scherzt Pfarrer Niederwimmer.“ Mitglieder der evangelischen Kirche in Tirol übernehmen zum Teil Gepflogenheiten ihrer katholischen Nachbarn. So werden zu Allerheiligen die Friedhöfe besucht, obwohl ihrer Tradition zufolge der Sonntag vor dem ersten Advent dafür vorgesehen wäre. Die Beeinflussung findet aber auch in die andere Richtung statt. Ein protestantischer Pfarrer namens Johann Hinrich Wichern aus Hamburg wollte Mitte des 19. Jahrhunderts Kindern die Wartezeit auf Weihnachten erleichtern. So erfand er den Adventkranz, der heute auch bei Katholiken eine zentrale Rolle spielt.

STATT AN HALLOWEEN ERINNERN WIR ALSO AN MARTIN LUTHER

Klaus Niederwimmer

Ostern wäre theologisch gesehen eigentlich der wichtigere Feiertag. Der Pfarrer erläutert: „Die Geschichte der Erlösung und der Vergebung der Sünden ist eine zentrale im Evangelium und in unserer Kirche.“ Trotzdem komme an Weihnachten nichts ran: „Die Tradition ist so stark und die Bedeutung für die Menschen so groß, dass Weihnachten als Familienfest einfach durch nichts zu ersetzen ist.“

...dem Imam Samir Redzepovic

Im Islam ist Weihnachten kein Feiertag, das ist bekannt. Dennoch gilt Jesus neben Mohamed als einer der wichtigsten Propheten. Im Koran behandeln viele Suren seine Geschichte und auch Maria (Maryem) ist eine von ihnen gewidmet (nämlich die 19.). „Die Geschichte von Yusuf ist eine der schönsten Geschichten im Koran, im Deutschen lautet der Name des Protagonisten Joseph“, erklärt Samir Redžepović von der bosniakisch-muslimischen Gemeinde in Innsbruck.


Viele Geschichten und Traditionen aus dem Alten und Neuen Testament finden sich im muslimischen Glauben wieder. Der wichtigste Feiertag der Muslime, das sogenannte Opferfest, erinnert an die Geschichte von Abraham, dem Gott einen Widder geschickt hat, damit er ihn statt seines Sohnes opfert. Muslime feiern dieses Ereignis jedes Jahr mit einem viertägigen Fest im zwölften Monat des muslimischen Kalenders.

JESUS IST EIN WICHTIGER PROPHET IM ISLAM

Samir Redzepovic

Muslime befolgen einen Mondkalender, der zehn Tage kürzer dauert als der gregorianische. Aus diesem Grund rutschen alle muslimischen Feiertage jährlich zehn Tage vor: „Zurzeit ist Ramadan noch im Sommer, doch wandert er mittlerweile Richtung Winter, was das Fasten natürlich angenehmer macht“, erklärt der Imam lachend. Auch nach dem Fastenmonat, in dem Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen und nicht trinken dürfen, gibt es ein dreitägiges Fest, bei dem viel Süßes gegessen wird, weshalb es auch Zuckerfest genannt wird. An den Geburtstag von Mohamed wird zwar erinnert, die Feier steht aber mit Weihnachten in keinem Verhältnis: „Im Gemeindezentrum organisieren wir ein kleines Fest mit einem Programm, mehr aber auch nicht“, erklärt Imam Redžepović.

Imam Redzepovic im Gebetsraum in Arzl

Fotocredit: Axel Springer

Auf die Weihnachtszeit freut sich der Imam nicht nur, weil viele seiner Freunde Christen sind und er sie beschenken darf, sondern auch weil er die freie Zeit nutzt, um Bekannte zu besuchen oder zu reisen. Vor einigen Jahren ist er im Dezember nach Mekka gefahren, um eine Wallfahrt namens Umra zu machen. Als er sich am 24. Dezember seiner Freunde in Tirol erinnerte, schrieb er eine Nachricht an sie: „Vom heiligsten Ort der Muslime am heiligsten Tag der Christen wünsche ich euch ein frohes und gesegnetes Fest.“

...Mario und Lydia, Mitglieder der koptisch-orthodoxen Kirche

Koptisch war einst Amtssprache in Ägypten. Heute bezeichnet der Begriff eine orthodoxe christliche Kirche, deren Mitglieder auf der ganzen Welt leben, so auch in Tirol. Kopten haben eigene Traditionen. Ihre Kirchen müssen in Form eines Kreuzes, einer Arche oder mit rundem Grundriss gebaut werden und nach Osten ausgerichtet sein. Im Inneren findet man viele Abbildungen von Heiligen, sogenannte Ikonen, die eine wichtige Rolle spielen und auch in einer festgelegten Ordnung im Raum verteilt sind.


„Bei uns zieht man vor der Kommunion immer die Schuhe aus“, erklärt Lydia Saleh, Mitglied der koptischen Gemeinde, freundlich. „Damit ehren wir den Leib und das Blut Christi.“ Etwa 70 Menschen besuchen die Sonntagsmesse, während an Feiertagen auch mehr als 100 kommen und die Kirche in der Adamgasse in Innsbruck sehr klein wirken kann. Mario, Lydias Ehemann, meint, diese Messen seien die schönsten.

Mario und Lydia sind in Österreich geboren und beide Mitglieder der koptischen Gemeinde.

Fotocredit: Axel Springer

Wann die Feiertage sind, sagt den Gläubigen ein eigener koptischer Kalender mit zwölf Monaten zu je 30 Tagen und fünf eingeschobenen Tagen am Jahresende, in Schaltjahren sechs. So wie bei den meisten orthodoxen Christen wird Weihnachten nicht am 24. Dezember gefeiert, sondern am 6. Jänner. „Für uns ist es also besonders geschickt, dass die Christkindlmärkte so lang offen haben“, bemerkt Mario lachend. Und Lydia fügt hinzu: „Da wir beide in Österreich geboren sind, feiern wir natürlich auch am 24. Dezember, beschenken uns und essen gut.“

KOPTEN UND VIELE ANDERE ORTHODOXE CHRISTEN FEIERN WEIHNACHTEN AM 6. JÄNNER

Kopten befolgen einen Fastenzyklus, bei dem sie sich etwa 200 Tage im Jahr vegan ernähren. „Lediglich zu besonderen Begebenheiten ist Fisch erlaubt“, sagt Mario und erklärt, dass es zwar dramatisch klingt, man sich aber umso mehr auf die Gelegenheiten freue, in denen man Fleisch isst und es schmeckt auch besser. Zum Beispiel auf die Weihnachtszeit, in der es bei der koptischen Familie sowohl einen Weihnachtsbaum als auch einen Adventkranz gibt. Auch Weihnachtslieder werden gesungen: „Arabische und koptische Lieder werden nun auch auf Deutsch übersetzt“, erläutert Lydia. Auf diese Weise bewahren Kopten eigene Traditionen und verbinden sie in bester Weise mit neuen: „Wir haben das Glück, zweimal Weihnachten zu feiern“, scherzen Mario und Lydia.

...Christoph Teufel - einen Buddhisten

„Buddha suchte vor 2.500 Jahren einen Weg, um das Leiden der Menschen zu lindern. Er kam zum Ergebnis, dass man dauerhaftes Glück nur erreichen kann, indem man lernt, bewusst zu erleben“ erklärt Christoph Teufel vom buddhistischen Diamantweg-Zentrum Innsbruck. Meditation biete die Möglichkeit, den eigenen Geist kennenzulernen, das eigene Leid zu überwinden und anderen Menschen Gutes zu tun. Buddha lehrte über Jahrzehnte und seine Lehre hat viele verschiedene Schulen hervorgebracht. Deshalb ist Buddhismus als Oberbegriff zu sehen.

Diamantweg-Buddhisten treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Meditieren.

Fotocredit: Diamantweg-Buddhismus Innsbruck

In allen Richtungen nimmt das Mitgefühl eine zentrale Rolle ein. „Das Leiden des anderen soll nur nicht zum eigenen werden, weil niemand Vorteile davon hätte. Empathie zu empfinden, ist aber ein Muss und Hilfe zu leisten auch“, führt der Innsbrucker Buddhist aus. Alle Handlungen hingegen, die anderen Menschen Freude bereiten, sind jederzeit willkommen.

So wie im Christentum wird auch im Buddhismus die Geburt des Religionsgründers gefeiert: Vesakh wird im Buddhismus die Feier genannt, bei der die Anhänger an die Geburt, den Tod und die Erleuchtung Buddhas erinnern und sie wird zu Vollmond im Mai gefeiert. Obwohl es der wichtigste Feiertag ist, hat er nicht den Stellenwert, den Weihnachten im Christentum hat: „Es gibt Prozessionen und Vorträge, doch versucht man als Buddhist, jeden Tag zu genießen und einen Feiertag daraus zu machen.“

MITGEFÜHL NIMMT IM BUDDHISMUS EINE ZENTRALE ROLLE EIN 

Christoph Teufel

Gemäß dem Credo, dass vermehrtes Leiden schlecht, Verbreitung von Glück hingegen gut ist, feiern die Innsbrucker Buddhisten auch Weihnachten: „Meine Frau und meine Kinder freuen sich sehr drauf und ein Weihnachtsbaum steht bei uns auch.“ Da es sich um ein Fest der Liebe handelt, sieht Christoph Teufel keinen Grund, warum er es als Buddhist ablehnen sollte, schließlich gehöre es zu seiner Kultur. Buddhisten in Westeuropa wird manchmal vorgeworfen, dass sie lächerlich „fernöstliche Völker“ spielen, doch genau das wollen die Diamantweg-Buddhisten nicht: „Buddha vergleicht seine Lehre mit einem Diamanten, der je nach Untergrund seine Farbe ändert, aber immer der gleiche wertvolle Stein bleibt.“

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