Brigitte Weninger in der Buchhandlung ihres Sohnes
Kinderbuchautorin Brigitte Weninger

Die Geschichten-erzählerin

Die Tirolerin Brigitte Weninger hat schon über 60 Kinderbücher veröffentlicht. Die Geschichte um die Verbreitung des Weihnachtslieds „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ hat es ihr besonders angetan. Text: Julia Tapfer
Bild: Axel Springer

Eine kleine Glocke über der Tür ertönt, wenn man weningers fein.kost in Kufstein betritt. Kunden kommen aber nicht hierher, um kulinarische Spezialitäten zu kaufen. Hier geht’s um ganz andere Besonderheiten, nämlich um Schätze aus Papier. Die zwei kleinen, freundlich eingerichteten Räume wirken eher wie ein Wohnzimmer als eine Buchhandlung. Gemütliche Sessel laden zum Verweilen ein, heißes Wasser steht für Tee bereit, in den Regalen reiht sich schön säuberlich Buchrücken an Buchrücken. Tom Weninger führt die Buchhandlung, seine Mutter Brigitte hilft mit. Ohne Zweifel war sie es, die für die Bücherleidenschaft ihres Sohns verantwortlich ist. Brigitte Weninger ist nämlich bekennende Büchernärrin und eine der erfolgreichsten Autorinnen Österreichs. Über 60 Kinderbücher hat sie bereits veröffentlicht.

Brigitte Weninger in der Buchhandlung ihres Sohns.

„Die Kinderliteratur ist total meines. Ich habe das Gefühl, dass ich da irrsinnig viel bewirken kann“, schwärmt die Autorin Brigitte Weninger. 

Derzeit wird gerade Brigitte Weningers Geschichte zum Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ illustriert. Dass die Verbreitung eines so bekannten Lieds im Tiroler Zillertal ihren Anfang nahm, fasziniert die Autorin, die sich selbst als sehr heimatverbunden beschreibt. Wie durch ein Schneeballsystem wurde das heute bereits in hunderte Sprachen übersetzte Weihnachtslied im 19. Jahrhundert von Tiroler Sängerfamilien, wie den Familien Strasser und Rainer, in die Welt hinausgetragen.

Julie Wintz-Litty ist für die Illustration von Weningers Buch zuständig. Mit der Französin hat die Tiroler Autorin bereits vor 20 Jahren das Buch „Lumina“ herausgebracht. Für ihr neues Bilderbuch wollte Weninger wieder mit ihr zusammenarbeiten: „Julie lebt in den französischen Alpen und hat ein besonderes Händchen für bergige Winterlandschaftsstimmungen“, erzählt Weninger. Das Buch zu „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ erscheint passend zum 200-Jahr-Jubiläum des Weihnachtslieds im Herbst 2018 im Nord-Süd-Verlag. „Es gibt ein neues Format des Verlags mit historisch genauen Kinderbüchern, so vergrößert sich auch die Zielgruppe. Es wird ein Bilderbuch für Jugendliche und Erwachsene“, verrät die Autorin schon jetzt.

Pädagogin und Autorin

„Ich habe immer schon gern geschrieben – auch für verschiedene Zeitungen“, erzählt Brigitte Weninger. Bevor sie sich allerdings auch beruflich voll und ganz dem Schreiben widmete, hat sie 20 Jahre lang als Kindergartenpädagogin gearbeitet. Ein Beruf, der zu hundert Prozent zu ihr gepasst habe, wie sie sagt. Für ihre Kindergartenkinder hat sie oft Geschichten geschrieben. Dass diese je veröffentlicht würden, hätte sie nie gedacht. Und doch nahmen die Dinge in den 1990er Jahren ihren Lauf und ihr erstes Buch „Auf Wiedersehen Papa“ wurde 1995 gedruckt. „Das war eine Scheidungsgeschichte für Kinder. In diesem Buch habe ich für meinen Sohn die Dinge aufgeschlüsselt und erklärt, warum sie sind, wie sie sind“, beschreibt Weninger. Das Buch ist nach über 20 Jahren immer noch erhältlich, was die Autorin im Hinblick auf den schnelllebigen Buchmarkt sehr freut.

Der Sprung in die Selbstständigkeit

Fünf Jahre lang arbeitete Weninger noch in Vollzeit als Kindergärtnerin, während sie ihren Sohn allein aufzog und nachts ihre Bücher schrieb. „Dann habe ich gemerkt, dass ich das nicht mehr schaffe. Es war zu viel“, erinnert sie sich heute. Weninger hatte ein paar finanzielle Rücklagen und ging ein Jahr in unbezahlte Karenz, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Schon nach kurzer Zeit wusste sie: Genau das ist es! Der Sprung in die Selbstständigkeit war zwar eine Herausforderung für die alleinerziehende Mutter, aber sie fragte sich: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Mit dem großen Erfolg hat sie nicht gerechnet. Seit dem Jahr 2000 ist Brigitte Weninger nun freischaffende Autorin. Aber auch beim Schreiben von Kinderbüchern macht sich ihr früherer Beruf immer noch bemerkbar: „Auch heute noch empfinde ich mich als Kindergärtnerin. Eben mit ziemlich großer Gruppe“, schmunzelt Weninger. 

Brigitte Weningers Bücher werden in viele Sprachen übersetzt.

Brigitte Weningers Geschichten wurden schon in viele Sprachen übersetzt. Der Pauli ist ihre erfolgreichste Serie. Weltweit wurden schon über vier Millionen Bücher verkauft. Reich werde sie dadurch trotzdem nicht, lacht die Autorin. Nur zwei bis vier Cent blieben ihr von einem übersetzten Buch.

Der Pauli auf Chinesisch

In ihren Geschichten ist es der Autorin wichtig, zumindest den „Hauch eines pädagogischen Themas“ umzusetzen. Sie will einen Sinn in der Geschichte sehen, aber setzt den möglichst subtil und ohne erhobenen Zeigefinger um. „Ein Buch soll gut unterhalten, gut illustriert sein und damit auch die Augen vollmachen. Aber es muss für mich auch einen pädagogischen Wert haben“, macht Weninger ihre Sicht der Dinge deutlich. Es geht in ihren Büchern um Themen wie Eifersucht, Mitgefühl, Freundschaft, aber auch um Kinderängste bis hin zu Krankheit und Tod. In „Tante Fannys Stern“ erzählt Weninger etwa, wie eine Familie die Großtante daheim pflegt, bis sie stirbt. „Mit Kindern kann man über alles reden, aber auf der Basis der Hoffnung“, erklärt die Autorin.

Die Hauptfiguren in Weningers Büchern sind oft Tiere. Die hätten den Vorteil, dass man sie nicht beschreiben muss und sie sich großteils selbst charakterisierten: „Ein Bär ist groß und behäbig, eine Maus ist flink und schnell“, veranschaulicht Brigitte Weninger. Ein weiterer Vorteil von Tieren sei auch ihre Internationalität. Ein Buch mit einem blonden Kind verkaufe sich im asiatischen oder afrikanischem Raum schlichtweg nicht. Die Pauli-Bücher, Weningers erfolgreichste Reihe, wurde mittlerweile hingegen schon in über 40 Sprachen übersetzt. Die Erlebnisse des knuffigen Hasen begleiten auch chinesische Kinder ins Bett.

Ein Kind, dem nicht vorgelesen wird, schafft heute kaum noch den Sprung zum Buch. Das ist wie ein Lotto-Sechser

Brigitte Weninger

„Meine Stärke ist es, dass ich Kind spreche“, erklärt Brigitte Weninger und stellt gleich klar: „Aber nicht auf kindertümelndem Niveau! Ich bin einfach ganz nah dran, ich habe ja mein ganzes Leben mit Kindern verbracht.“ Die Literacy-Förderung ist ihr ein ganz großes Anliegen, für Pädagogen und Bibliothekare hält sie deshalb Seminare mit starkem Praxisbezug. „Ein Kind, dem nicht vorgelesen wird, schafft heute kaum noch den Sprung zum Buch. Das ist wie ein Lotto-Sechser“, bringt es Weninger auf den Punkt. Die digitalen Medien seien einfach zu stark. Gerade deshalb sei das Vorbild der Eltern für Kinder so wichtig. Das Lesen, Sprechen und Spielen zu Hause sei demnach nicht nur entscheidend für den Schulerfolg der Kinder, sondern auch für die spätere Lebenszufriedenheit oder gar die Verdienstquote. „Würden alle Eltern das berücksichtigen, könnte man regelrechte Sprünge machen“, weiß Weninger. 

Amazon  – ein mächtiger Konkurrent

weningers fein.kost sieht sich als Literacy-Zentrum. Tom Weninger und seine Mutter organisieren über hundert Veranstaltungen im Jahr – von Lesungen, über Filmabende, bis hin zu Kreativseminaren – und besuchen Kindergärten und Schulen. Im Workshop „Lesen ist scheiße“ wird mit Jugendlichen über den Sinn des Lesens diskutiert. Auch das Projekt „Kufstein liest“ entstand vor neun Jahren auf Initiative der Weningers. In Zeiten von Amazon & Co ist es nicht einfach, eine Buchhandlung zu führen. „Man spürt natürlich die Konkurrenz“, gibt Brigitte Weninger zu. Dadurch, dass sie und ihr Sohn aber „so nah an den Menschen“ sind, ist es für viele Kunden selbstverständlich, ihre Bücher im Laden zu kaufen. Brigitte und Tom kennen ihre Bücher – die Kunden schätzen die persönliche Beratung. „Wir haben sogar Leute, die vertrauen blind auf unsere Empfehlung. Sie schauen sich das Cover vor dem Kauf gar nicht richtig an“, schmunzelt die Kinderbuchautorin. 

Bücherregal in weningers feinkost
Es weihnachtet

In den Bücherregalen steht schon weihnachtlicher Lesestoff bereit. Natürlich sind auch einige Bücher aus Weningers Feder dabei.

Brigitte Weninger und ihr Sohn Tom
Die Weningers

Tom Weninger führt die Buchhandlung weningers fein.kost in Kufstein, seine Mutter hilft mit.

Brigitte Weninger bastelt gern und gut.
Literatur in Tirol

Den Literaturstandort Tirol findet Brigitte Weninger sehr gut. An Kufstein schätzt sie vor allem die Grenznähe, wodurch auch Kindergärten und Schulen in Deutschland für sie in Reichweite sind.

Wie ein Kinderbuch entsteht

Um eine Geschichte zu schreiben, braucht Brigitte Weninger Bilder im Kopf. Die Geschichte sieht sie dann wie einen Film und schreibt sie auf. Mit dem Manuskript tritt sie an verschiedene Verlage heran. Manches seien auch Auftragsarbeiten, etwa wenn der Verlag ein neues Buch aus einer Serie wünscht. „Es ist immer eine Mischung aus Handwerk und Kreativität“, fasst Weninger zusammen. Die Illustrationen ihrer Bücher macht Weninger nicht selbst. „Da mische ich mich auch nicht ein, das empfinde ich nicht als meine Kompetenz. Ich bin für die Texte zuständig und da bin ich i-tüpftlerisch“, sagt die Autorin und lächelt.

Natürlich gefällt mir der Tirolbezug. Ich würde mich wahrscheinlich nicht so reinhängen, wenn die Geschichte in Oberösterreich spielen würde.

Brigitte Weninger

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“

Den Text für ihr im Herbst 2018 erscheinendes Buch zum Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ hat Brigitte Weninger bereits fertig geschrieben – nun liegt es an der Illustratorin Julie Wintz-Litty, die Geschichte mit Bildern zum Leben zu erwecken. Das derzeit im Entstehen begriffene Buch ist aber nicht Weningers erste Verarbeitung der Tiroler Stille-Nacht-Geschichte. Schon 2015 sind die „Geschichten aus dem Weihnachtswald“ erschienen, in denen einer der 24 Texte die Verbreitung des Weihnachtslieds und die Rolle des Tiroler Zillertals dabei thematisiert. Was fasziniert die Autorin also an der Geschichte von Carl Mauracher und den Tiroler Sängerfamilien, dass sie sie nun zum zweiten Mal erzählt und ihr ein ganzes Buch widmet?

Stille Nacht, Heilige Nacht! Weningers Erzählung in "Geschichten aus dem Weihnachtswald".

2015 erschien Brigitte Weningers Buch „Geschichten aus dem Weihnachtswald“, in dem die Verbreitung von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ und die Rolle des Zillertales thematisiert wurden. 

„Natürlich gefällt mir der Tirolbezug. Ich würde mich wahrscheinlich nicht so reinhängen, wenn die Geschichte in Oberösterreich spielen würde“, lacht Weninger. Bei Lesungen ist es für Tiroler Kinder schon etwas sehr Besonderes zu hören, welch wichtige Rolle die Gegend, in der sie leben, bei der Verbreitung eines so bekannten Lieds innehatte. „Eine kleine Botschaft in der Geschichte ist zum Beispiel: Auch wenn ich klein bin, kann ich Gedanken in die ganze Welt hinaustragen“, erklärt Weninger. Ihr selbst gefällt an der Geschichte auch, wie Ideen immer wieder einen neuen Weg finden, um weitergetragen zu werden. Die Verbreitung des Lieds nach Übersee – in Liederbüchern für Kinder auf Auswandererschiffen – findet sie etwa sehr spannend.

Als kleinen Vorgeschmack auf das neue Buch liest Brigitte Weninger einen Ausschnitt ihrer Geschichte aus dem Jahr 2015. Dann klingelt auch schon wieder die kleine Glocke über der Tür der Buchhandlung und eine Kundin hofft auf einen guten Buchtipp.

Brigitte Weninger liest aus ihrem Buch "Geschichten aus dem Weihnachtswald".

Zur Person

Brigitte Weninger

Mit über 60 veröffentlichten Büchern und Übersetzungen in über 40 Sprachen zählt Brigitte Weninger aus Kufstein zu den erfolgreichsten Autorinnen Österreichs. Die 57-Jährige hält Lesungen und Workshops für Kinder und Erwachsene, engagiert sich für Lese- und Schreibförderung und ist Mit-Initiatorin des Frauen.Berge.Projekts Wilde Kaiserin. 

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