BEVOR SIE DEN CHRISTBAUM SCHMÜCKT

In der Rattenberger Altstadt wird Glas noch auf traditionelle Weise hergestellt und mittlerweile in die ganze Welt verkauft. Ob Trinkgläser, Vasen oder Christbaumkugeln: Hier wird alles noch per Hand gemacht und veredelt. Text: Haris Kovacevic
Bilder: Axel Springer

Die Familie Kisslinger beschäftigt sich bereits in dritter Generation mit Glas und nützt die urigen Räume, die früher als Braukeller dienten. „Der Beruf des Glasbläsers stirbt langsam aus, da auch wir mit industrieller Massenproduktion zu kämpfen haben“, unterstreicht der Geschäftsführer der Glasbläserei, Hannes Kisslinger, in Rattenberg. „Wir erzeugen hier nicht nur Glas, wir veredeln und verkaufen es auch.“

Seit etlichen Jahren

Die Eingangstür zur Glasbläserei führt in den Felsen, der über der Stadt ragt. In einem Hinterzimmer beschleichen einen warme Luft und Feuerknistern, die in Verbindung mit dem lavaartigen flüssigen Glas eine fast infernale Stimmung erzeugen. Oliver und Nikolai, die zwei Glasbläser, hantieren am Ofen geschickt mit ihren Geräten. Am meisten arbeiten sie mit sogenannten Glasmacherpfeifen, also dünnen Rohren aus Stahl. Alles beginnt damit, dass der Glasgrundstoff in den Ofen kommt. Bei 1.200 Grad Celsius schmilzt dieser, und das Glas erhält nach einiger Zeit eine Konsistenz, die an jene von Honig erinnert.

Das flüssige Glas auf der Glasmacherpfeife

Oliver holt mit der Pfeife etwas Masse aus dem Ofen und bringt sie mit geübter Vorsicht zu einer Stahlplatte. Die Glasmacherpfeife drehend und wendend, stabilisiert er das Knäuel am anderen Ende des Geräts, bis es sicher befestigt ist. Kisslinger erläutert, dass in seiner Glasbläserei die sogenannte hüttentechnische Methode angewendet wird. Dieses Verfahren sei seit Jahrhunderten gleichgeblieben.

Der richtige Handgriff zum richtigen Zeitpunkt

Oliver haucht der Kugel nun Leben ein. „Kölbl“ nennt sich das erste Bläschen im noch flüssigen Glas und ist für die spätere Kugel äußerst wichtig. Die Schwerkraft und die Zeit arbeiten jetzt gegen den Glasbläser: Indem er den Stock dreht und bewegt, muss er verhindern, dass die zähe Masse Überhand gewinnt, auf den Boden tropft oder sich verformt. Verfestigt sich das Glas aber, kann es nicht weiterverarbeitet werden. „Die Herausforderung ist, die richtigen Handgriffe zum richtigen Zeitpunkt zu machen“, erklärt Kisslinger: „Und das alles unter Zeitdruck.“ Um die runde Form beizubehalten können Nikolai und Oliver mit einem angefeuchteten Holzstück, dem sogenannten Vulgaholz, die Form etwas korrigieren. Das sei aber nur selten nötig, meinen die erfahrenen Glasbläser.

Seinen Atem muss der Glasbläser vorsichtig aushauchen, der Druck soll sich gleichmäßig im Glas verteilen, damit die Glaswand später keine Verdünnung aufweist. Eine perfekte Form sei mundgeblasen kaum möglich und auch nicht wirklich erstrebenswert. „Jede Kugel hat ihre eigene DNA, keine ist identisch mit einer anderen“, erläutert der Geschäftsführer: „Der Kunde kauft in jedem Fall ein Unikat.“

Jede Kugel ist ein Unikat.

Die Arbeit ist für die Lunge recht belastend. Bei größeren Gegenständen, wie Vasen oder Pokalen, kann daher auch zu Pressluft gegriffen werden. Sollen Glasgegenstände möglichst gleich aussehen, greifen Oliver und Nikolai zu Negativformen aus Hartholz. In der Kisslingerschen Glasbläserei werden nämlich auch Pokale für bedeutende Wintersportereignisse hergestellt, aber auch Trinkgläser, Wasserflaschen, Dekantierflaschen oder einfache Karaffen.


Industriell hergestellte Kugeln bekommt man natürlich zu einem wesentlich günstigeren Preis. „Wenn man aber eine handgeblasene Kugel aus Tirol haben möchte, bei der vom Anfang bis zum Ende alles in Handarbeit gemacht wurde, muss man dafür auch etwas mehr bezahlen“, meint Kisslinger. Zurzeit finde ein Umdenken statt: Kunden seien bereit, für traditionell gefertigte Ware mehr zu bezahlen. „Wir bekommen Bestellungen aus aller Welt, und das freut uns natürlich sehr“, gibt der Glaswarenhersteller stolz zu.

WIR BEKOMMEN BESTELLUNGEN AUS ALLER WELT

Hannes Kisslinger

Vorsichtig und schnell

Wenn die Kugel die gewünschte Größe und Form hat, entfernt sie der Glasbläser mit einer Schere von der Pfeife. Sein Atem schwindet nun durch die zurückgelassene runde Öffnung. Ein weiteres Mal greift Oliver in den heißen Ofen und holt ein wenig flüssiges Glas hervor. Er schließt die Öffnung und trennt seine Pfeife von der Kugel: Die „Geburt“ ist nun vollbracht. Eine kurze, geschickte Kreisdrehung mit der Zange schneidet noch die „Nabelschnur“ ab und formt die Aufhängung.


Bei dem enorm hohen Temperaturunterschied, den die Kugel durchmacht, kann sie leicht kaputtgehen. Sie muss daher schnell in den sogenannten Kühlofen kommen, der bei 600 Grad Celsius eine entspannte Abkühlung ermöglicht und sie für weitere Schritte resistent macht. Nun geht es nämlich zur Veredelung: Die Kugeln können koloriert, mit Siebdruck bearbeitet oder auch graviert werden.

Die "Nabelschnur" wird abgeschnitten. 

Veredeln

Dafür ist unter anderem Andrea Salchner zuständig, die im Verkaufsraum am Fenster sitzt und hin und wieder einen Blick in die Gasse wirft. Touristen bleiben beim Stadtbummel manchmal vor dem Geschäft stehen, um der Graveurin zuzusehen. Das, was hier passiert, sieht man nämlich nicht überall: Die Ellbogen auf zwei Stützkissen abgelegt, graviert die geschickte Handwerkerin hier tagtäglich das zarte Glas, das, langsam abgekühlt, zur Veredelung auf ihrem Tisch landet.

Andrea Salchner an ihrem Arbeitsplatz.

Mit Bedacht nähert sie die Kugel der Maschine. Sobald Schleiflaute zu hören sind, fängt sie an, die Kugel zu drehen, und die mit einem Stift vorgezeichneten Linien machen langsam der Gravur Platz. In ganz Tirol beherrscht nur noch eine Handvoll Menschen die Kunst des Glasgravierens. Kunden dürfen im Haus Kisslinger nicht nur Gravurwünsche äußern, sondern auch beim Gravieren zusehen. Viel Geschick und Geduld ist bei der Arbeit nötig, auch viel Fingerspitzengefühl. Für die Feinheiten verwendet Salchner Natursandstein, während der Diamantstein für Schriftzüge oder kleinere Flächen nützlich ist.

Selten und speziell

Immer wieder muss Andrea Salchner mit einem Tuch über die Kugel wischen, da sich tränengroße Tropfen ihren Weg über die Gravur bahnen und Schrift und Zeichen verzerren. Ein kleiner Schlauch lässt durchwegs Wasser auf den drehenden Stein fließen. „Es kühlt und verhindert, dass das Glas splittert“, erklärt die Graveurin fachkundig.

Vom flüssigen Glas bis zum Christbaumschmuck

Am anderen Innufer bildet die Glasfachschule in Kramsach etwa 420 Schüler aus. „Nur wenige davon in der Sparte Gravur“, erklärt Hannes Kisslinger: „Es ist kein besonders verbreiteter Beruf, die Art der Veredelung ist aber sehr gefragt“, sagt er mit einem Lächeln. Vor allem da in diesem Jahr an „Stille Nacht“ erinnert werde, sei die Nachfrage nach Gegenständen mit entsprechenden Motiven enorm gewesen. Glaskugeln mit der Notenschrift und den Versen seien sehr beliebt, erklärt Kisslinger.

Altes und Neues

Das Radio, das zu dieser Jahreszeit hauptsächlich Weihnachtslieder spielt, und die alte Gravurmaschine der Marke Spatzier begleiten Andrea Salchner durch ihren Arbeitstag. „Das Gerät ist etwa 60 Jahre alt“, erklärt sie lächelnd: „Es funktioniert aber immer noch einwandfrei.“ Neben Christbaumkugeln graviert Salchner Trink- und Weingläser, Vasen und andere Gegenstände aus Glas. Ihre Gravurschrift ist wohl spätestens seit dem Stille-Nacht-Jubiläum um die Welt gegangen, da durch den Onlineshop Bestellungen von überallher kommen: „Eigentlich wollen wir unseren Kunden in dieser spektakulären Kulisse ein Kauferlebnis ermöglichen. Nicht jeder schafft es aber bis Rattenberg“, sagt Hannes Kisslinger einsichtig. Dennoch sei er froh, dass immer mehr Menschen Qualität und traditionelle Herstellungsmethoden zu schätzen wüssten. Wenn das so bleibe, werde in Rattenberg auch in Zukunft Glas geblasen, die Gravurmaschine weiterhin in Betrieb bleiben.

Geschäftsführer Hannes Kisslinger mit den zwei Glasbläsern Nikolai und Oliver.

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