Drama in den Bergen

Grenzenloses Theater

Beim Schauspiel „Friedl mit der leeren Tasche“ gibt es keine Bretter, die die Welt bedeuten. Schauplatz des als Wandertheater angelegten Stücks ist nämlich keine gewöhnliche Bühne, sondern die Weite der Ötztaler Berglandschaft, in der sich die Zuschauer buchstäblich auf die Spuren Herzog Friedrichs von Tirol begeben. Text: Simon Leitner
Bild: Ernst Lorenzi

Um Herzog Friedrich IV. von Tirol, hierzulande eher als „Friedl mit der leeren Tasche“ bekannt, ranken sich zahlreiche Legenden und Geschichten. Die weitaus geläufigste unter ihnen dürfte jene seiner Ächtung und der damit verbundenen Flucht von Konstanz nach Meran sein, die dem Herzog nicht nur seinen wenig schmeichelhaften Beinamen eingebracht hat, sondern auch reichlich Stoff für künstlerische Bearbeitungen unterschiedlichster Art bietet.

Das Künstlernetzwerk lawine torrèn hat die Geschichte in besonderer Weise aufbereitet, nämlich als sogenanntes Wandertheater, in dessen Rahmen sich das Publikum gewissermaßen auf gleich zwei Reisen begibt: zum einen auf eine metaphorische in die Vergangenheit, zum anderen aber auch auf eine buchstäbliche durch die Ötztaler Bergwelt, in deren weitgehend unberührter Landschaft das Stück aufgeführt wird. Dabei wandern die Zuschauer gemeinsam mit den Darstellern, die die umgebende Natur gewissermaßen als dynamische Bühne nutzen, von Vent bis zum Niederjochferner und legen insgesamt 20 Kilometer und 700 Höhenmeter zurück. Der Ton wird direkt via Funk in Kopfhörer übertragen, was der Theatergruppe gänzlich neue Möglichkeiten bei der Inszenierung eröffnet.

Das Wandertheater "Friedl mit der leeren Tasche" spielt in der grenzenlos anmutenden Weite der Ötztaler Bergwelt, ist in anderer Hinsicht aber auf das Wesentlichste reduziert: Nur drei Darsteller wirken in dem Stück mit.

Auf der Flucht

Im Jahr 1415 wird Herzog Friedrich beim Konzil von Konstanz unter Reichsacht gestellt und für vogelfrei erklärt. Aus Angst vor seinen Feinden, die ihm nunmehr unverhohlen nach dem Leben trachten können, flieht er aus Konstanz und nimmt die gefährliche Reise zu seiner Residenz in Meran auf sich. Der Überlieferung nach führt ihn dieser Weg unter anderem ins Ötztal, genauer gesagt nach Vent, wo er, als Knecht verkleidet, eine Zeitlang Schutz bei einer Bauernfamilie gesucht haben soll. Genau an dieser Stelle setzt „Friedl mit der leeren Tasche“ ein. „Wir zeichnen diesen dramatischen Teil der Flucht, überspitzt gesagt, originalgetreu aus der Zeit von 1416 nach“, erklärt Hubert Lepka, Gründer und Leiter von lawine torrèn sowie Regisseur des Stücks. „Und zwar ebendort, wo der Herzog damals unter Umständen tatsächlich Unterschlupf gefunden hat.“

Im Mittelpunkt steht dabei die Beziehung zwischen dem Herzog und einer Magd, die ihm bei seiner Flucht Richtung Südtirol behilflich ist. „Das Interessante an historischen Darstellungen und am Theater generell ist ja das, was sich zwischen Figuren abspielt“, meint Lepka. In diesem Fall seien Menschen durch äußere Umstände für eine gewisse Zeit schicksalhaft aneinandergebunden, und ebendiese aus der Not geborene Beziehung mache den Stoff so faszinierend. Nicht zuletzt, weil es für beide Seiten, vor allem aber für die Bauern, die dem Herzog ein Versteck geboten haben, keine ungefährliche Angelegenheit war. „Einen Flüchtigen in einer derartigen Situation aufzunehmen, dafür braucht es Zivilcourage“, so Lepka. „Wer auch immer Friedl damals wirklich geholfen hat, hat definitiv Mut bewiesen.“

Einen Flüchtigen in einer derartigen Situation aufzunehmen, dafür braucht es Zivilcourage. Wer auch immer Friedl damals wirklich geholfen hat, hat definitiv Mut bewiesen.

Hubert Lepka, Regisseur

Neben diesem zwischenmenschlichen Aspekt reizte Lepka an der Geschichte des plötzlich geächteten Herzogs aber noch ein weiterer Faktor. Ihm zufolge stellt der Friedl-Mythos nämlich Teil einer größeren Tirol-Sage dar, die entscheidend für das Selbstempfinden und das Selbstverständnis der Tiroler sei. „Ob ich mich etwa als Weltbürger, als Ötztaler oder als Venter sehe, hängt stark davon ab, wie diese und ähnliche Geschichten erzählt werden“, erklärt Lepka. „Diese in die Jetztzeit zu überführen, finde ich sehr spannend.“

Auf dem Weg

Seine Premiere feierte „Friedl mit der leeren Tasche“ 2013, die Vorbereitungen dafür gehen jedoch noch um einiges weiter zurück. Schwierig war vor allem die Umsetzung der für die Übertragung des Tons nötigen Technik, an der man lange Zeit tüfteln musste. Nach verschiedenen Versuchen – unter anderem mittels eines herkömmlichen Radiosenders, der auf FM-Frequenz sendet – habe man aber schließlich eine Lösung gefunden, die in einem kleinen, handlichen Rucksack Platz finde. „Anders wäre das Ganze ja auch nicht möglich“, sagt Lepka. „Wir sind schließlich ständig in Bewegung und legen eine weite Strecke zurück, da können wir kein schweres Equipment mitnehmen.“

Während es bei der Umsetzung der Technik anfangs also durchaus einige Herausforderungen zu bewältigen gab, konnten Lepka und sein Team im Hinblick auf den ungewöhnlichen Aufführungsort auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, denn die Produktionen von lawine torrèn fanden auch in der Vergangenheit hauptsächlich im Freien statt. Ein Beispiel dafür ist das aufwändig inszenierte Gletscherschauspiel „Hannibal“, das regelmäßig mit über 500 Beteiligten am Rettenbachferner in Sölden realisiert wird. Mit lediglich drei Darstellern sowie vier Betreuungspersonen – darunter Lepka selbst, der sich unter anderem um das Tonpult kümmert – steht „Friedl mit der leeren Tasche“ am anderen Ende dieses Spektrums, was den Aufwand betrifft.

Dass das Werk über den Tiroler Regenten sich deutlich reduzierter ausnimmt, zeigt sich nicht zuletzt an der Zuschauerzahl, die auf maximal 50 pro Vorstellung begrenzt ist. Dies ist zum einen der Technik geschuldet, zum anderen aber auch ausdrücklicher Wunsch von Lepka, der die gemeinsame Erfahrung des Stücks als essenziellen Teil desselben ansieht: „Die Wanderer sollen sich als Gruppe verstehen und die Darstellung zusammen erleben“, so der Regisseur. „Mit 50 Personen geht das noch, alles darüber wäre einfach zu viel.“

Auf der Spur

Bevor das Stück samt rund fünfstündiger Wanderung beginnt, werden die Zuschauer in einer kurzen Einführung über die Hintergründe zu Friedrichs Flucht informiert und in den Umgang mit den Empfängern eingewiesen. Danach machen sich die Teilnehmer, den Spuren des Herzogs folgend, auf in Richtung Niederjochferner, wobei an bestimmten Stellen und teilweise auch während des Gehens immer wieder Szenen dargeboten werden. Diese Dynamik bei der Szenenfolge, mit unterschiedlichen Perspektiven und Tempi, erinnert fast an einen Spielfilm – und das nicht von ungefähr, wie Lepka erläutert: „Wir wollten das Ganze eigentlich von Anfang an filmisch inszenieren. Nicht nur, aber insbesondere im Hinblick auf den Ton, den wir integrieren können wie im Film.“ Inklusive Dialogen aus dem Off und dem Einsatz von Musik.

Die verwendete Funktechnik schafft jedoch auch mehr Freiheiten für die Darsteller: Dadurch, dass sie nicht in unmittelbarer Hördistanz zum Publikum sein müssen, sind sie nämlich in ihren Bewegungen nicht eingeschränkt. Sie können die ganze Landschaft um sie herum wie eine grenzenlose Bühne nutzen und auch die natürlichen Gegebenheiten mit in ihr Spiel integrieren. Somit wird alles um sie herum – Fauna, Flora, Wetter – Teil der Kulisse.  Vor allem diese unplanbaren Elemente seien es, die „Friedl mit der leeren Tasche“ zu etwas Einzigartigem machten, so Lepka. „Ein Adler in der Luft, Bergschafe, die genau dann vorbeikommen, dass es den Eindruck erweckt, als sei es geplant, oder das Wetter, das eine wunderbare Stimmung zaubert – das sind alles unplanbare, improvisatorische Elemente, die uns zusätzlich anspornen. Sie sind das sprichwörtliche Sahnehäubchen. Oder, wie man korrekterweise auf Ötztalerisch sagen müsste, die Schlagsahne.“

Apropos: Die Dialoge im Stück spielen überwiegend im Ötztaler Dialekt, und das nicht nur, weil die Handlung ebenso wie die Aufführung im Ötztal angesiedelt ist. „Der Ötztaler Dialekt hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Mittelhochdeutschen. Daher verwenden wir ihn auch bewusst als Zeitzeugnis, das ins 15. Jahrhundert weist. Das war uns sehr wichtig“, berichtet Lepka. Für auswärtige Zuschauer sei dennoch immer alles klar verständlich, weil sich durch die erklärenden Kommentare auf Hochdeutsch alles aus dem Zusammenhang ergäbe.

Die Schauspieler selbst stammen im Übrigen nicht aus dem Ötztal – sie mussten den Dialekt also erst, wie eine Fremdsprache, erlernen. Geholfen haben dabei lokale Sprachtrainer, die Lepka zufolge mehr als gute Arbeit geleistet hätten: „Die Darsteller beherrschen den Ötztaler Dialekt mittlerweile so gut, dass selbst Einheimische sich oftmals nicht sicher sind: Sind das nun Südtiroler, oder sind sie vielleicht doch von hier?“

Friedl mit der leeren Tasche

Wandertheater im Ötztal

von Vent bis zum Niederjochferner
5.–15. September 2019, immer von Donnerstag bis Sonntag
Beginn: um 8.45 Uhr in Vent (1.900 m)
Ende: um 15 Uhr an der Martin-Busch-Hütte (2.600 m)
Rückweg ca. zwei Stunden

Informationen
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