Thomas Clamor
Juli 2019: Innsbrucker Promenadenkonzerte

Klangvoll, stilbildend

Dirigent Thomas Clamor und die Sächsische Bläserphilharmonie gastieren bereits zum zehnten Mal bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten. Ein Gespräch. Text: Esther Pirchner

Thomas Clamor ist seit 2011 Chefdirigent der Sächsischen Bläserphilharmonie, des „einzigen deutschen Berufsblasorchesters in ziviler Trägerschaft“. Vor allem aber ist das einstige Rundfunk-Blasorchester Leipzig einer der außergewöhnlichsten Klangkörper in der aktuellen Musiklandschaft. Mit der Ausrichtung auf symphonische Musik in Blasorchesterbesetzung ist die Sächsische Bläserphilharmonie gern gesehener Gast auf den internationalen Konzertbühnen, auch in Innsbruck konnte sie seit ihrem ersten Auftreten eine große Fangemeinde um sich sammeln. Vor ihrem zehnten Konzert in der Innsbrucker Hofburg am 5. Juli 2019 und einem weiteren Auftritt von Thomas Clamor mit dem European Brass Ensemble am 11. Juli 2019 lud kultur.tirol den Dirigenten zum Interview.

Die Sächsische Bläserphilharmonie ist laut Eigendefinition „das einzige zivile Kulturorchester Deutschlands in ausschließlich sinfonischer Bläserbesetzung“. Agiert sie sozusagen außer Konkurrenz?

Thomas Clamor: Es gibt selbstverständlich auch andere Klangkörper in dieser Besetzung in Deutschland wie die Bundeswehrochester und die Polizeiorchester, diese haben aber oftmals ganz andere Arbeitsinhalte. Wir arbeiten wie ein Symphonieorchester, veranstalten Abonnementkonzerte, laden Gastdirigenten und Solisten ein, machen Konzertreisen und haben einen Spielplan.

Die Mitglieder der Sächsischen Bläserphilharmonie sind darüber hinaus Dozenten der Deutschen Bläserphilharmonie, die ganz regelmäßig pädagogische Projekte anbietet, zum Beispiel Workshops für Instrumentalsatz, Kammermusik-, Orchester- oder Dirigentenworkshops.

Sie waren selbst viele Jahre Trompeter bei den Berliner Philharmonikern, ehe Sie ans Dirigentenpult gewechselt sind. Was hat Sie am Dirigieren gereizt?

Ich habe mein erstes kleines Ensemble mit 15 Jahren gegründet und das Dirigieren hat mich seit damals nie verlassen – auch nicht während meiner Zeit bei den Berliner Philharmonikern. Nach 25 Jahren dachte ich: Warum nicht einmal versuchen, das Dirigieren zum Beruf zu machen? Zur Sächsischen Bläserphilharmonie wollte ich zuerst nur als Gastdirigent kommen, aber die Zusammenarbeit hat mir so unglaublichen Spaß gemacht, dass ich zugesagt habe, Chefdirigent zu werden.

Sächsische Bläserphilharmonie

Die Zusammenarbeit mit der Sächsischen Bläserphilharmonie war für Thomas Clamor so überzeugend, dass aus dem Gast- ein Chefdirigent wurde.

Was zeichnet gerade dieses Orchester für Sie aus?

Als Bläser hat man selbstverständlich eine Affinität zu Blasinstrumenten und weiß auch, dass man damit unglaublich vielseitige und interessante Musik spielen kann. Die Sächsische Bläserphilharmonie hat ein ausgesprochen großes Repertoire, sie ist stilsicher und sattelfest in der Interpretation ganz unterschiedlicher musikalischer Genres.

In Übereinstimmung mit dem Orchester habe ich mir auch zur Aufgabe gemacht, sehr stark im klassischen Bereich zu arbeiten und damit auch dem Klischee zu begegnen, dass Blasmusik nur aus Walzer, Polka und Marsch besteht. Mittlerweile ist es auch bei vielen Menschen angekommen, dass solche Formationen ganz andere Musik machen können, und das auch auf einer wirklich atemberaubenden Ebene.

Die Sächsische Bläserphilharmonie wurde als Rundfunk-Blasorchester Leipzig 1950 gegründet und erwarb sich in der DDR als Radioorchester und nach der Wende als eigenständiges Orchester große Bekanntheit. Welche Schritte haben Sie gesetzt, als Sie die Leitung des Orchesters übernommen haben?

Ich habe anfangs für mich einen Zehn-Punkte-Plan gemacht, unter anderem habe ich gesagt: Ich komme gerne, aber ich bringe einen neuen Namen mit, nämlich Sächsische Bläserphilharmonie. Ich fand es sehr wichtig, diesen Namen schnell publik zu machen und das Orchester in bestimmten Bereichen anders zu positionieren und zu strukturieren. Ein ganz wichtiger Faktor war die mediale Präsenz, zum Beispiel indem wir auf CD ganz unterschiedliches Repertoire eingespielt haben. Wir haben einige Fernseh- und Radioproduktionen mit dem MDR gemacht mit fabelhaften Einschaltquoten – darauf sind wir ganz stolz.

Wir feilen an Klang, Dynamik, Balance – Diese Dinge passieren nicht einfach so, wie man gerade gelaunt ist, sondern werden akribisch erarbeitet. 

Thomas Clamor, Chefdirigent der Sächsischen Bläserphilharmonie

Welche Punkte waren und sind Ihnen in künstlerischer Hinsicht wichtig?

Wir haben sehr viel am Klang des Orchesters gearbeitet – meine Vorstellung ist ein wirklich symphonischer, dunkler, warmer, breiter Klang. In 25 Jahren bei den Berliner Philharmonikern sind mir viele Dinge eingeimpft. Was ich etwa in den letzten drei Jahren unter der Stabführung von Herbert von Karajan über den Orchesterklang lernen durfte, hat mich bis heute nicht losgelassen. In der Ära von Claudia Abbado konnte ich erleben, dass ein Orchester wirklich transparent klingen kann. Fragen der Interpretation und des Stils spielen eine wichtige Rolle, wir feilen an Dynamik und Balance. Diese Dinge passieren nicht einfach so, wie man gerade gelaunt ist, sondern werden akribisch erarbeitet. Darauf achte ich sehr.

Wir tun das auch in der Verantwortung, dass wir eine gewisse Trendsetterposition haben. In der Bundesrepublik spielen 1,2 Millionen Menschen in Blasorchestern und wir sehen es als unseren Kulturauftrag, ihnen immer wieder neue Impulse zu geben.

Das Orchester verfügt über ein sehr großes Repertoire und das entsprechende Notenarchiv, unter anderem wurden viele Orchesterwerke für Bläserbesetzung arrangiert. Wenn Sie neue Werke erarbeiten, greifen Sie dann vor allem auf Werke in Originalbesetzung zurück oder lassen Sie lieber symphonische Werke arrangieren?

Ich bin überhaupt kein Purist. Ich habe nichts dagegen, gute Musik, die sich anbietet, für Bläserorchester arrangieren zu lassen. Dafür haben wir wirkliche Spezialisten. Ich würde sogar – mit einem Schmunzeln – sagen: Wenn die namhaften klassischen Komponisten die Sächsische Bläserphilharmonie gehört hätten, hätten sie vielleicht auch für sie komponiert.

Wir vergeben auch Auftragskompositionen und versuchen so, innovativ zu sein und uns weiterzuentwickeln. Insofern haben wir von der Renaissancemusik bis zur Jetztzeit Werke im Repertoire. 

Mit vollem Einsatz
Mit vollem Einsatz

Thomas Clamor bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten

Sächsische Bläserphilharmonie
Reicher Klang

Dirigent und Musiker verstehen sich auf Transparenz und einen warmen, symphonischen Klang. 

Musikalische Heimat
Musikalische Heimat

Clamor mitten unter „seinen“ Musikern von der Sächsischen Bläserphilharmonie.

Foto: Christian

Bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten feiern Sie ein kleines Jubiläum, Sie sind mit dem Orchester bereits zum zehnten Mal zu Gast …

Wir freuen uns immer riesig auf dieses Konzert, weil sich mit den Jahren eine richtige Fangemeinde gebildet hat. Das Konzert ist gut besucht, es gibt ein tolles Publikum und die wunderbare Atmosphäre der Kaiserlichen Hofburg. Darüber hinaus ist es unser Sommerabschluss, danach geht es in den Urlaub.

Einige Tage später dirigieren Sie in Innsbruck das European Brass Ensemble, ein Projektensemble aus Blechbläsern und Perkussionisten. Wie unterscheidet sich die Arbeit damit von der kontinuierlichen Probenarbeit mit der Sächsischen Bläserphilharmonie?

Das European Brass Ensemble setzt sich aus Studierenden aus circa 15 europäischen Nationen zusammen. Zum Teil wechseln die Mitglieder, es kommen neue hinzu, andere gehen weg. Mit dem Ensemble haben wir die Möglichkeit, sehr anspruchsvolle Kompositionen in großen Blechbläser- und Perkussionsbesetzung spielen zu können – Originalkompositionen von Richard Strauß oder Renaissancemusik.

Wenn wir mit dem European Brass Ensemble ein neues Konzertprogramm erarbeiten, können wir nicht so aufbauend arbeiten wie mit der Bläserphilharmonie, sondern studieren neue Programme an drei bis vier Probentagen von morgens bis in die Nacht hinein ein. Das sind richtig harte Arbeitstage, aber es macht sich wirklich bezahlt. Es ist sensationell, mit welchem Enthusiasmus die jungen Leute dabei sind.

Dann freuen wir uns auf zwei herausragende Konzerte in Innsbruck. Vielen Dank für das Gespräch.

Sächsische Bläserphilharmonie

Die Sächsische Bläserphilharmonie spielt in Melk „Tannhäuser“

Thomas Clamor bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten 2019

5. und 11.7.2019

Thomas Clamor, Dirigent der Sächsischen Bläserphilharmonie

5.7.2019, 19 Uhr 
Goldenes Dachl
Sächsisches Blechbläserquintett
19.30 Uhr
Innenhof der Hofburg, Innsbruck
Sächsische Bläserphilharmonie
Thomas Clamor, Dirigent
„Ein Fest der Ouvertüren“

Werke von Johann Sebastian Bach, Michael Iwanowitsch Glinka, Gioacchino Rossini u. a.

11.7.2019, 19 Uhr
Goldenes Dachl
Werke von Joseph Haydn, Johannes Brahms, George Gershwin
19.30 Uhr
Innenhof der Hofburg, Innsbruck
European Brass Ensemble
Thomas Clamor, Dirigent
„Bläserpracht mit Thomas Clamor“
Werke von Giovanni Gabrieli, William Byrd, Georg Friedrich Händel, Richard Wagner u. a.

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