achensee.literatour 2019

Geschichten, die erzählt werden müssen

David Fuchs gelingt mit seinem Debütroman „Bevor wir verschwinden“ ein weiter Wurf. Mit einfacher und einprägsamer Sprache umreißt der Oberösterreicher spielend die grundlegendsten Themen der Literatur: Tod und Liebe. Im Rahmen der achensee.literatour ist er bald auch in Tirol zu sehen. Text: Haris Kovacevic
Bilder: Haymon Verlag/Fotowerk Aichner

Tatsächlich stellt man sich zuerst einmal die Frage, wieso David Fuchs überhaupt schreibt. Schließlich ist er Oberarzt an einer Linzer Klinik für Onkologie, hat also einen Full-Time-Job, der nichts mit Schreiben zu tun hat. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. „Es sind verschiedene Rollen, die ich spiele“, erklärt der Autor und Arzt seine etwas unterschiedlichen Interessen.

Von Lyrik und Prosa

Geschrieben habe er schon sein Leben lang, sagt er: „Angefangen habe ich mit Lyrik“. Die Gattung interessierte ihn mehr. „Das Schreiben ist für mich in der Lyrik, anders, weniger strukturiert als in der Prosa.“ Man beschreibe die Welt auf eine ganz andere Weise.

Es sind verschiedene Rollen, die ich spiele.

David Fuchs

Bei Prosa schlage bei David Fuchs der Schreibprozess einen anderen Weg ein. Generell sei er ein Mensch, der so viel wie möglich plant. Bevor er sich an den Computer setze und die ersten konkreten Sätze aufschreibe, müsse neben ihm der Entwurf des gesamten Werks liegen. Also skizziert Fuchs minutiös seinen Roman oder seine Kurzgeschichte. Irgendwann weiß er, wie es enden soll, überlegt sich einen spannenden Weg dorthin und lässt alles mit einem fesselnden Bild anfangen, das in seiner Brutalität fast lustig erschient.

Der Autor in ihm

„Wir defibrillieren Schweine in Planschbecken“, heißt es im ersten Satz seines Debütromans „Bevor wir verschwinden“. Dabei erzählt Fuchs die Geschichte von Benjamin, einem Medizinstudenten, der ein Praktikum an der Onkologie beginnt und auf seine Jugendliebe Ambros trifft. Dieser ist Patient. Als sie sich vor Jahren trennten, geschah das keineswegs im Guten. Nun finden sie sich in einer ganz neuen Welt wieder. Als Grundlage für den Roman diente seine Erzählung „Fingerfallen“, mit der er die Geschichte der zwei Klassenkameraden Ben und Ambros erzählte und 2016 für einiges an Aufsehen sorgte. Ambros schoss danach weiterhin Fotos, Ben studierte Medizin. Ihre Wege treffen im Roman aufeinander.

 

Obwohl auch David Fuchs als Onkologe arbeitet, ihm das Setting also alles andere als unbekannt ist, ist die erzählte Geschichte erfunden. Während Doktorand Ben beispielsweise „Schweine defibrilliert“, schrieb Fuchs seine Dissertation über „Rückenschmerzen in der Spätschwangerschaft“. Die Krankheiten im Roman seien echt, die Figuren aber erfunden, sagt er: „Ich schreibe nicht einfach Ereignisse aus der Klinik auf“, sagt David Fuchs: „sondern interpretiere eine reale Grundlage erzählerisch.“

Seine Kurzgeschichte „Fingerfallen“ führte zum Roman „Bevor wir verschwinden“. David Fuchs ist im Mai bei der achensee.literatour in Tirol zu sehen.

„Es wird im Wirklichkeit auch nicht so viel gestorben, wie im Buch“, sagt David Fuchs. Der Roman habe diese Übertreibung gebraucht, ebenso wie die intensive Auseinandersetzung mit dem Tod. Dies beschäftigt sowohl den Arzt, als auch den Autor. „Ich habe ein entspanntes Verhältnis zum Tod“, meint David Fuchs: „Schließlich ist er ein Bestandteil des Lebens.“ Als Arzt erfahre er Schicksale von Menschen, die in einer entscheidenden Phase sind. Das berühre den Arzt und inspiriere den Autor in ihm. Daher seien seine unterschiedlichen Interessen auch keineswegs ungewöhnlich.

Strikte Regeln und Freiheit

Im Sommer stellt David Fuchs sein im Haymon Verlag erschienenes Buch bei der Literatour in Tirol vor. Das bisherige Feedback lässt dabei auf eine spannende Lesung hoffen: Die Kurzgeschichte „Fingerfallen“, die als Grundlage für den Roman diente, gewann 2016 den FM4-Wortlaut, sein Roman landete außerdem auf der Shortlist für Debütromane des Österreichischen Buchpreises 2018 und sorgte in nahezu allen Kulturredaktionen Österreichs für Aufsehen. 

In recht einfacher, fast grotesker Sprache, erzählt der Autor eine Liebesgeschichte, skizziert verschiedene Beziehungen zum Tod und stellt die fruchtbare Wirkung seines Rollenkonflikts unter Beweis: Der Schriftsteller David Fuchs darf beim Schreiben machen, was er will, während der Arzt sich an Regeln halten muss. Beides habe seine Gründe und beides sei gut so, meint David Fuchs.

„Ich schreibe nicht einfach Ereignisse aus der Klinik auf“, sagt David Fuchs. „Ich bekomme sie einfach mit.“

Das Leben zwischen den Buchdeckeln

Die Planung sei für ihn, wie schon zuvor erwähnt, enorm wichtig. Was schlussendlich aber daraus wird, wisse er selber nicht. Mit der ursprünglichen Planung habe sein Roman nämlich wenig zu tun. „Beim Schreiben kommen mir die interessantesten Einfälle und die besten Wendungen, die es dann erfordern, die Planung wieder neu zu konstruieren“, sagt der Autor. Schreiben sei oft unvorhersehbar, wie das Leben selbst: Man kann alles planen, doch schlussendlich kommt oft alles anders. 

Menschen mag David Fuchs ganz gerne, sei aber auch sehr gern allein mit sich selbst. Wenn er beispielsweise aus einer Nachtschicht nachhause kommt, weiß er, dass niemand etwas von ihm will, dass er frei hat und in Ruhe gelassen wird. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und schreibt die Geschichten auf, die, inspiriert von seiner Umwelt, in ihm gewachsen sind und es sich verdient haben, zwischen zwei Buchdeckeln zum Leben zu erwecken. Damit beantwortet sich die auch die Frage, wieso der Linzer Oberarzt überhaupt schreibt: Weil er Geschichten erzählen kann und Geschichten erzählt werden müssen.

David Fuchs

bei der achensee.literatour

9.5.2019
achensee.literatour
um 19.30 im Alten Widum, Achenkirch

10.5.2019
achensee.literatour
um 15.30, Posthotel Achenkirch, Hotellobby
Lesung aus dem Manuskript seines zweiten Romans

zur achensee.literatour
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