Burgruine Thaur
Burgruine Thaur und „rundum thaur“

Eine Burg im Licht des Tages

Jahrhundertelang war die Burgruine Thaur unter Dickicht und Wald verborgen. Der Verein Chronos Thaur legte sie frei und entdeckte wertvolle Spuren. Text: Esther Pirchner
Fotos: Target Group, Axel Springer

Verborgen unter wucherndem Grün

Jeder, der schon einmal durchs Inntal gefahren ist und den Blick auf die Hänge der Nordkette in der Nähe von Innsbruck gerichtet hat, kennt den markanten Bogen der Burgruine Thaur und – in gemessenem Abstand daneben – das Romediuskirchl. Dazwischen war jahrhundertelang nicht mehr zu sehen als wucherndes Grün, und kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, dass der große Bogen ein relativ junger Überrest der einst mächtigen Burg sein könnte. Erst der Verein Chronos Thaur, der 2003 damit begann, zwischen Gestrüpp und alten Absperrungen den Kern der Thaurer Burg freizulegen, spürte der viel umfangreicheren Geschichte des Ortes nach. Seither sind auch die Überreste des Palas und andere Teile der Burg, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert errichtet und ausgebaut wurde, weithin sichtbar.

Blick von Südosten
Blick von Südosten …

… von der Vorburg aus

Osttor
Mauer und Osttor

Einer der Zugänge zur Burg, die Joe Bertsch und Franz Brunner unter dem Dickicht hervorholten.

Abschnitt für Abschnitt
Abschnitt für Abschnitt …

… legten Franz Brunner und Joe Bertsch zwölf Jahre lang die Burgruine frei.

Steine des Torbogens
Der Torbogen …

… wurde nicht rekonstruiert, die gefundenen Steine aber neben dem Osttor hingelegt.

Blick nach Westen

Blick nach Westen …

… Richtung Torturm.

Mit der Natur verwachsen
Mit der Natur verwachsen

Manche Mauern werden von den Bäumen zusammengehalten, die aus ihnen wachsen.

Joe Bertsch
Vereinsobmann Joe Bertsch

Zusammen mit dem Künstler Franz Brunner und etlichen Helfern richtete Joe Bertsch in zwölf Jahren die Burg her.

Zwölf Sommer lang graben und forschen

Zwölf Sommer lang bearbeitete die Gruppe rund um den Vereinsobmann und Thaurer Gemeinderat Joe Bertsch und den Künstler Franz Brunner jeweils einen Abschnitt, der bis zum Herbst zu bewältigen war, und förderte bis 2015, als das Projekt abgeschlossen war, Funde seit vorgeschichtlicher Zeit zutage. Vieles davon kann man im 2018 fertiggestellten Ausstellungsraum „rundum thaur“ im Romediwirt bestaunen, anderes muss man sich von einem der Akteure erzählen lassen.

Torturm

Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts genügte der Torturm als Schutz gegen Feinde. Mit dem Aufkommen von Mörsern musste als Schutzbau die Barbakane errichtet werden.

Wie man eine Burg findet

Mit Joe Bertsch einen Rundgang durch die Burg zu unternehmen, ist eine höchst spannende Angelegenheit. In der großen Anlage mit ihrer Vorburg, dem Palas und dem Torturm weiß er zu jedem Stein etwas zu erzählen. Seine eigene Geschichte der Ausgrabungen und Restaurierung begann mit einem hoch im Wald aufragenden Mauerzahn, der einzustürzen drohte und der auf Betreiben von Chronos Thaur und dem Bundesdenkmalamt von einem geschulten Handwerker für historisches Mauerwerk hergerichtet wurde. Ab der darauf folgenden Saison legten Franz Brunner und Joe Bertsch – immer in Absprache mit Landeskonservator Walter Hauser – mit etlichen Helfern selbst Hand an, befreiten Mauern von Gestrüpp und Erde, erstellten Profile, stabilisierten Vorhandenes und ergänzten es zurückhaltend. „Andere verstehen Pferde, Franz Brunner versteht Steine“, sagt Bertsch und zeigt beim Rundgang durch die Burg, wie Brunner Verschwundenes sichtbar gemacht hat. Wo Mauern erhöht wurden, kennzeichnen eine Linie aus Dachziegeln oder ein Rücksprung um 5 cm den Übergang von Alt zu Neu. An anderen Stellen war eine Seite eines Türstocks vorhanden, die andere bildete Brunner aus einem Betongemisch so exakt nach, dass kaum Unterschiede wahrzunehmen sind.

Halbrondell
Mauersprung
Mauer mit Bewuchs

Um Altes von Neuem zu unterscheiden, wurden feine Linien aus Ziegeln eingefügt oder die Mauern um 5 cm zurückversetzt. Wachsen neue Bäume aus den Mauern, müssen sie, um erneute Schäden zu vermeiden, entfernt werden.

Materialtest, Steinsuche, Aufbau

Es gibt Bögen, die nicht wieder aufgebaut und deren Steine danebengelegt wurden. Andere waren in den 1980er-Jahren zwar restauriert worden – allerdings mit ungeeigneten Materialien, sodass das originale Mauerwerk darüber Schaden nahm. Hier testeten Bertsch und Brunner beispielsweise, welche Ziegel Frost besonders gut aushalten, oder entfernten Zementschichten, durch die das Regenwasser nicht abfließen konnte. Eine besondere Herausforderung war die Beschaffung passender Steine, denn wie so viele alte, verfallene Bauten diente auch die Thaurer Burg den Bewohnern der Umgebung als „Steinbruch“ für ihre Neubauten.

Barbakane

Die Barbakane stammt aus einer Zeit, als Mauern verputzt wurden und daher weniger schön gemauert wurden als in früheren Jahrhunderten.

Funde über Funde

Selbstverständlich fanden sich auf dem Burghügel und in der Umgebung auch zahlreiche Reste der verschwundenen Gesellschaften, die hier einst lebten. Tonscherben und Metallfunde, Schmuck und Pfeilspitzen aus vorhistorischer Zeit gehören dazu, Funde aus der Römerzeit und der Zeit der Völkerwanderung. Eine besondere Überraschung war die Entdeckung einer spätantiken Höhensiedlung, die anhand von Mauerwerk, einer Goldmünze sowie Skeletten und dem dazugehörigen Friedhof in das 4. bis 8. Jahrhundert datiert werden konnte. So fügte sich Teilchen um Teilchen zu einem runden Bild dieses über die Epochen hinweg immer wieder besiedelten Ortes.

Pause
Arbeitspause

Das Grabungsteam mit Franz Brunner (li.) und Joe Bertsch (re.)

Torturm
Am Torturm …

… wurde 2007 gearbeitet.

Vermessungen
Vermessungen …

… gaben Auskunft über die Ausmaße der Burg.

Was mag das sein?
Was mag das sein?

Oft setzte angesichts des Gefundenen das große Rätselraten ein.

Geborstene Steine …
Geborstene Steine …

… galt es zu verarzten

Ein Museum muss her!

Der Reichtum an Fundstücken, die bedeutende Geschichte des Ortes verlangte geradezu danach, dass vor Ort ein Museum eingerichtet wurde. Entstanden ist es 2018, als an der Stelle eines abgebrannten Bauernhofs der Romediwirt gebaut wurde und im oberen Stock Räume für eine kulturelle Nutzung geschaffen wurden. Im „rundum thaur“ und in der Burgruine selbst kann man nun tief in die Geschichte eintauchen und anhand der Exponate eine Vorstellung davon gewinnen, wie die Menschen in früheren Jahrhunderten gelebt haben. Nicht nur deshalb haben sich Romediwirt, rundum thaur und die Burg selbst zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt. Kinder berichten ihren Eltern, was sie bei Führungen gelernt haben, durstige Wanderer lassen sich im Gastgarten nieder und finden anschließend Zeit, die Ausstellungsräume zu besichtigen, und manche suchen sich ihren persönlichen Platz auf der Burg, um auszuruhen oder den Blick ins Tal schweifen zu lassen. 

Gehobene Schätze
Gehobene Schätze

Im rundum thaur werden die Ausgrabungen präsentiert.

Keramik
Keramik und Metall

Scherben, Schlüssel und Schloss sind nur einige Fundstücke aus Burg und Umgebung

Eulen …
Eulen …

… repräsentieren den Naturpark Karwendel im rundum thaur

Bauphasen
Bauphasen

Die ältesten Bauabschnitte stammen aus dem 12. Jahrhundert.

Blick in die Geschichte
Blick in die Geschichte

Historische Abbildung der Burg Thaur

Wie es weitergeht …

Auch Joe Bertsch und Franz Brunner kommen immer wieder hier herauf an den Ort, an dem sie zwölf Sommer lang gegraben, geforscht und gebaut haben. Trotzdem ist die Zeit nicht nur eine Erinnerung, sondern war auch der Ausgangspunkt für etwas Neues: Joe Bertsch fasst sein Wissen um die Burg in wissenschaftliche Artikel, Franz Brunner ist als Spezialist für die Rekonstruktion von Steinen regelmäßig an Ausgrabungsstätten wie Aguntum und dem Magdalensberg beschäftigt. So bringen sie auch heute noch Geschichte ans Licht.

Burgruine Thaur und rundum thaur

ganzjährig geöffnet
Joe Bertsch

Joe Bertsch vom Verein Chronos Thaur mit „seiner“ Burg.

oberhalb von Thaur
6065 Thaur
rundum thaur, tägl. 9–17 Uhr
Eintritt frei

www.runiethaur.at
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rundum thaur

rundum thaur

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