Kultur unter freiem Himmel

Die Party im Block

Miss Weirdy, Beatboxer Samuel und Breakdancer Filipe Joaoyala rocken am
15. Juni die Blockparty in Hall. Wie die Künstler zu ihren Hobbys, Berufen und Berufungen gekommen sind, erzählten sie kultur.tirol im Vorfeld der Party.
von Haris Kovacevic

Bild: Beatboxer Samuel

Blockpartys entstehen in den USA der 1970er Jahre. Dabei improvisieren Jugendliche an einem bestimmten Ort eine Party, zu der all ihre Nachbarn und Freunde eingeladen werden. Musik und Tanz sind dabei natürlich selbstverständlich ebenso wie die illegale Stromversorgung durch das Anzapfen von Nachbars Stromanschluss.

Im Laufe der Jahre haben sich die Feiern aber professionalisiert und profiliert. Blockpartys sind in den USA und in Europa heutzutage an Themen oder an Events gebunden und gelten als Ausdruck von Jugendkultur. Sie sind mittlerweile meist nicht mehr improvisiert, sondern gut organisiert. So findet auch am 15. Juni im Skatepark Hall und dem Jugendhaus Park In eine Blockparty statt. Die Organisatoren, das Kulturlabor Stromboli und das Jugendhaus Park In, laden Künstler aus ganz Tirol und Österreich ein, um für die Gäste der Blockparty ein einmaliges Event zu schaffen.

Kultur.tirol hat sich im Vorfeld mit drei eingeladenen Künstlern unterhalten und gefragt, wie sie sich künstlerisch ausdrücken, was ihnen ihre Kunst bedeutet, wie sie dazu gekommen sind und welche Erwartungen sie an die Haller Blockparty haben.

Rapperin Miss Weirdy: Die Freidenkerin

Nur wenige Menschen erleben wohl das, was Linda erleben durfte. Sie beschreibt es als eine Art Eingebung. Von einem Moment auf den anderen veränderte sie ihr Leben grundlegend, ohne dass ein besonderes Ereignis dazu geführt hätte. Sie ließ 2016 ein geordnetes Leben in Österreich hinter sich, startete ihre Musikkarriere und zog nach Barcelona. Doch wie kam es dazu?

Linda bei einem Festival in Deutschland

Fotocredit: Allgäus Finest Festival

Linda wurde 1993 in Bludenz geboren. Ihre Mutter ist gebürtige Vorarlbergerin, ihr Vater Jamaikaner. Schon früh entdeckte sie ihr Interesse an und ihr Talent für Musik und besuchte schließlich auch die Musikhauptschule. Die für viele Musiker typische Extrovertiertheit fehlte Linda aber gänzlich. Sie blieb lieber unbemerkt und in sich zurückgezogen. Bühnen mied sie grundsätzlich. „Musik war für mich eine ganz persönliche Sache, die ich nicht nach außen tragen wollte“, sagt sie.

Nach der Musikhauptschule besuchte sie daher die Fachschule für Elektronik und entschied sich, einen Beruf zu erlernen, mit dem sie sich einfach ein selbstständiges Leben ermöglichen konnte. Das gelang ihr auch: Sie heuerte bei den Bregenzer Festspielen an, wechselte zu einer Werbeagentur, um schlussendlich auch für eine Energietechnik-Firma zu arbeiten. Die Musik ließ sie aber nie wirklich los. Linda verpasste keine Gelegenheit, ihre Boxen anzuwerfen oder ihre Kopfhörer aufzusetzen. Unbewusst schien ihr damals irgendwie klar gewesen zu sein, dass kein Weg an der Musik vorbeiführen würde. Dann lernte sie auch noch Domingo kennen.

Ein neuer Abschnitt

Der ebenfalls aus Vorarlberg stammende Domingo war Musiker und Street Artist. Sein Musikgeschmack war aber dem von Linda diametral entgegengesetzt. Weder konnte sie etwas mit Hip-Hop, noch er was mit Pop und Indie Rock anfangen. Doch Domingo gelang es tatsächlich, die introvertierte Linda dafür zu gewinnen, sich mit Hip-Hop intensiver zu beschäftigen. Er erklärte ihr, dass man sich im Hip-Hop selbst präsentieren und aus sich herauskommen müsse. „Eigentlich lag mir nichts ferner als das“, erinnert sich die Vorarlbergerin heute.

Musik war für mich eine ganz persönliche Sache, die ich nicht nach außen  tragen wollte

Linda - Miss Weirdy

Schließlich drückte ihr Domingo ein Buch in die Hand, das ihr Leben verändern sollte. Nach der Lektüre von KRS-One’s Klassiker „The Gospel of Hip-Hop“ drehte sich in Lindas Leben so gut wie alles nur noch um Hip-Hop. „Es war viel mehr als nur ein Buch, in dem eine Musikrichtung beschrieben wird. KRS-One ist auch mehr als nur ein Rapper, er ist ein Teacher“, erklärt die Vorarlbergerin.

Was sie macht?

Als Hip-Hop in ihr Leben trat, fing Linda an, sich intensiver mit eindringlichen Lebensfragen zu beschäftigen: „Wer bin ich? Was will ich machen? Wofür stehe ich?“ Auf diese Fragen konnte sie aber noch keine guten Antworten geben.

Kaum zu glauben, dass sie einmal Bühnen mied

Foto: Ronja Fabien

Zum magischen Moment kam es, als Linda noch für die Elektronik-Firma arbeitete und im Urlaub war: „In einem bestimmten Augenblick war ich alleine im Zimmer und fragte mich, was ich eigentlich mit meinem Leben mache.“ Sie entschied sich, diese und viele andere Fragen in Reime zu verpacken und diese auf Bühnen und in Studios zum Besten zu geben.

Nach Vorarlberg zurückgekehrt, kündigte Miss Weirdy, wie sich Linda in der Zwischenzeit auch nannte, ihren Job, zog nach Barcelona und begann eine Musikkarriere. „Man sollte leben, solange man noch Gelegenheit dazu hat“, sagt die Künstlerin heute.

Seither ist sie auf Charity Events unterwegs, ist auf Partys anzutreffen, ebenso wie bei Festivals. „Ich habe auch schon die Straße als Bühne benutzt“, sagt die Rapperin lachend: „Kaum zu glauben, dass ich Bühnen früher mied, denn mittlerweile macht mir das am meisten Spaß.“ Auf die Blockparty in Hall am 15. Juni freut sie sich besonders. „Ich war bisher nur bei einer Blockparty, und zwar in Graz, und es war super“, sagt Miss Weirdy. Hier ein kleiner Vorgeschmack auf ihren Auftritt:

Diving Deep von Miss Weirdy

Foto: Weekender Innsbruck

Beatboxer Samuel: Das junge Talent

Samuel ist von seinem Wesen her eher ein direkter Typ. Wenn ihn etwas interessiert, beobachtet er, erforscht und probiert es schlussendlich selbst aus. So war es auch mit dem Beatboxen. Mit 13 hörte er zum ersten Mal einen Beatboxer, dessen ungewöhnlicher, aber ziemlich beeindruckender Sound den jungen Absamer fesselte. Er wollte das auch lernen und können.

So fing Samuel an, sich die ersten Schritte selbst beizubringen. Mit ein wenig Hilfe aus dem Internet gelang es ihm, einige Tricks zu erlernen und schon nach wenigen Tagen erzeugte er eigene Sounds. Doch Samuel reichte das nicht. Er wollte seine Fähigkeiten weiter verbessern, seine Technik perfektionieren.

Bis zur Meisterschaft

„Ich habe im Internet gesehen, dass es in Innsbruck einen Beatboxer namens Ayti gibt, und hab ihn gleich kontaktiert“, erzählt der 14-jährige Samuel. Ayti hob das Interesse von Samuel auf ein neues Level.

Die ersten Schritte brachte sich der junge Absamer selbst bei.

Foto: privat

Auf einem Beatbox-Event in Graz wurde Samuel schlussendlich vom Wiener Beatboxer Eon entdeckt und weiter in die Szene eingeführt. Samuel erfuhr von der österreichischen Beatbox-Meisterschaft und meldete sich in der Jugendkategorie an. Obwohl die Meisterschaft nur wenige Tage dauerte, blieb der Haller einen ganzen Monat in der Hauptstadt und traf sich regelmäßig mit anderen Beatboxern. „In dieser Zeit erfuhr ich viel über die Beatbox-Kultur und lernte dazu.“ Und auch bei der Meisterschaft selbst machte sich Samuel, mit dem vierten Platz in seiner Kategorie, einen Namen.

Auch ein gutes Auge

Mittlerweile, sagt der Schüler, beschäftige er sich hauptsächlich mit Beatbox. Dabei sei er aber, entgegen vieler Vorurteile, nicht dem Hip-Hop verpflichtet. „Beatbox ist so vielfältig, dass es zu kurz greift, es nur als Hip-Hop zu bezeichnen“, meint der Absamer. Seinen eigenen Stil würde er eher im Bereich Drum’n’Bass und Dubstep einordnen.

Beatbox ist so vielfältig, dass es zu kurz greift, es nur als Hip-Hop zu bezeichnen

Beatboxer Samuel

Das Einzige, was ihn mit Hip-Hop noch verbinde, sei seine Liebe zum Graffiti Writing. Das Sprayen mache ihm sehr viel Spaß und er habe auch ein gutes Auge. Für seinen Vater, seines Zeichens Musiker und Mitbegründer der Haller DJ-Veranstaltung „Soundkillaz“, durfte er schon Albumcovers entwerfen und möchte sich beruflich später auch in diese Richtung entwickeln und Grafikdesigner werden. Das Beatboxen aufgeben will er aber auf keinen Fall.

Hochgestochen oder nicht...

Jeden Tag arbeitet er an Stücken und Tracks und möchte immer bessere und interessantere erschaffen. Wie ernst er seine Kunst nimmt, beweist die Tatsache, dass man ihn noch nicht im Netz findet: „Ich möchte erst aufnehmen, wenn ich es richtig professionell machen kann. Zurzeit geht das einfach noch nicht“, erklärt der junge Beatboxer.

Samuel ist aber schon in der Bäckerei in Innsbruck aufgetreten ebenso wie im Haller Stromboli und rockte kürzlich sogar beim Open Mic im Zelt des italienischen CiRcO PaNiKo. Eines Tages möchte er als Beatboxer international auftreten und auf Bühnen weltweit präsent sein. „Ich weiß, dass das Ziel sehr hochgestochen ist“, meint Samuel lachend. Aber er sei ja auch noch jung, und vom Wesen her eher ein direkter Typ.

Breakdancer Filipe Joaoyala auf der Suche nach Freiheit

„Um eine richtig gute Show zu machen, reicht es heutzutage nicht, nur einen einzelnen Tanzstil zu beherrschen“, ist sich Filipe sicher. Viele bezeichnen ihn ganz einfach als Hip-Hopper, doch Filipe ist viel mehr als das. Er ist Tänzer durch und durch.

Schon als kleines Kind gab es kaum etwas, was ihm mehr Spaß gemacht hätte als Tanzen. „In unserem Dorf in Angola tanzten wir Kinder mit, wenn afrikanische Volkstänze aufgeführt wurden, und mir machte das viel Spaß“, erzählt der 34-Jährige seine frühesten Erinnerungen. Doch eines Tages war es endgültig um ihn geschehen. Sein Stiefvater kam von einer Reise nach Hause und hatte eine Kassette von Michael Jackson dabei. „Thriller“ stand auf der Tonbandschatulle geschrieben. Filipe hörte sich diese für ihn magische Musik rauf und runter an. Er konnte kaum genug davon bekommen.

2004 ging das Breakdancen für FIlipe los und hörte seither nie auf

Foto: privat

„Das war der Moment, in dem ich entschied, Tänzer werden zu wollen“, sagt Filipe. Seither tanzt er bei jeder Gelegenheit und sucht sich immer wieder neue Herausforderungen. Vom Tanzen ist er immer noch begeistert, als hätte er es erst kürzlich für sich entdeckt, und sucht immer wieder neue Herausforderungen und Wege, sich selbst zu verbessern.

Gefühl der Freiheit

Als er im Jahr 2004 durch die Innsbrucker Innenstadt spazierte, traf er auf der Maria-Theresien-Straße auf eine Gruppe Jugendlicher, die Breakdance machten. Neugierig stellte sich Filipe dazu und beobachtete die Jungs eine Weile, um sie schlussendlich anzusprechen und zu fragen, wo sie das gelernt hätten und ob er einmal mit ihnen mittanzen dürfe. Die Jugendlichen luden ihn ein, am darauffolgenden Wochenende ins z6 zu kommen, und so begann die Breakdance-Laufbahn von Filipe.

Um eine richtig gute Show zu machen, reicht es heutzutage nicht, nur einen einzelnen Tanzstil zu beherrschen

Breakdancer Filipe Joaoyala

Seither hat er viel über diese Musikrichtung gelernt: Er weiß, dass es gewichtige Unterschiede zwischen Hip-Hop und Breakdance gibt, dass Popping, B-Boying und Locking untergeordnete Tanzstile im Breakdance sind und was die einzelnen Arten ausmacht. Dennoch ist Filipe überzeugt: „Breakdancen macht mir Spaß, aber es ist viel leichter, als zur Musik von Michael Jackson zu tanzen.“ Was Schritte, Moves und Körperspannung anbelangt, sei der Tanzstil vom „King of Pop“ unübertroffen und für Filipe eine absolute Königsdisziplin. 

Hauptberuflich ist er Elektriker. In seiner Freizeit tanzt und singt er gerne. „Meinen Beruf mag ich, aber nur beim Tanzen fühle ich mich frei und komme zur Ruhe“, sagt er. Filipe hält auch Workshops ab und zwar in ganz Tirol: „Meinen Schülern erkläre ich immer wieder, dass sie nicht nur Breakdance machen dürfen, wenn sie gute Tänzer werden wollen. Sie müssen offen für alle Tanzstile sein“, weiß der Innsbrucker. Mit seinen Jungs aus dem Jugendzentrum Park In tanzt er sich am 15. Juni auch in die Blockparty in Hall.

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