In der Schneiderei des Landestheaters

Perfekte Hüllen

Wenn die Oper „Carmen“ am 21. September 2018 in Innsbruck Open Air übertragen wird, kommen auch die aufwendig gemachten Kostüme zur Geltung. Text: Esther Pirchner
Bild: Severin Wegener

Opernauftakt zur Rad-WM

„Carmen für alle“ – so nennt sich das Public Viewing am Vorplatz des Tiroler Landestheaters in Innsbruck zur Premiere der Oper „Carmen“ von Georges Bizet. Für Tiroler ebenso wie für die Gäste der UCI Rad-WM, die am darauf folgenden Tag unter anderem mit der Eröffnungsfeier in Innsbruck und Veranstaltungen in ganz Tirol beginnt, bildet diese Aufführung den Auftakt zu einem aufregenden Sport-Event. Zu bestaunen gibt es aber nicht nur das Können der Sänger und Instrumentalisten, die Inszenierung beeindruckt auch mit prachtvoll gestalteten Kostümen. Diese müssen für die Bühne nicht nur schön aussehen, sondern den Darstellern – fast wie im Sport – auch genügend Bewegungsfreiheit bieten und selbst großen Belastungen standhalten. Wie das gemacht wird, erfuhren wir bei einem Besuch in der Kostümschneiderei des Tiroler Landestheaters.

Kostuemschneiderei

Stoffe, Haken, Ösen, Nähseiden und Nähmaschinen: Vieles ist nötig, bis ein Kostüm fertig ist.

Betriebsame Arbeitsstätte

In der großen Werkstatt im Landestheater arbeiten knapp zwanzig Schneiderinnen und Schneider, je die Hälfte in der Damen- und der Herrenabteilung. Dass es hier immer viel zu tun gibt, wird selbst im Hochsommer, in der Pause von Probenbetrieb und Aufführungen, schnell deutlich. Es wird genäht und gebügelt, sortiert und umgeräumt. Gleich am Eingang fallen die großen Rollwägen auf, auf denen – nach Produktion und Damen- bzw. Herrenkleidung geordnet – dicht an dicht die Kostüme hängen. Nähtische und Bügelstationen, Schneiderpuppen in allen möglichen Größen und Körperformen, Figurinen – Entwurfsskizzen der Kostümbildner – an den Wänden, dazwischen Übersichtsblätter mit Varianten von Tüchern und anderen Accessoires, Bücher zu historischen Gewändern und vieles mehr zeugen von den vielfältigen Aufgaben, die beim Machen von Bühnenkostümen zu erfüllen sind.

Bänder zur Verstärkung

Damit die „New Collection“ entstehen kann, kommen Schnitte, Lineale, Bänder und Gurte zum Einsatz.

Kostüme für 30 Produktionen

Rund dreißig Produktionen, Schauspiel, Musiktheater und Tanz, stattet die Kostümschneiderei pro Saison aus, erzählt Maximilian Pointner, der uns durch die Schneiderei führt. Pointner hat hier seine Lehre zum Herrenkleidermacher abgeschlossen und plant, nächstes Jahr die Meisterprüfung abzulegen. Die Schneiderei am Tiroler Landestheater hat sich dafür als ideale Werkstätte erwiesen, denn die Kostüme sind nicht nur von verschiedenen Stilepochen inspiriert, es gibt auch die Möglichkeit, klassische Kleidungsstücke – zum Beispiel für den Chor – vielfach zu üben und relativ früh in der Ausbildung alle Arbeiten an einem Werkstück zu erledigen.

An der Nähmaschine
An der Nähmaschine

An einer Uniform schließt Maximilian Pointner eine Schulternaht.

To-do-Liste
To-do-Liste

Jedes Kostüm erhält bei der Anprobe eine Liste mit Änderungen, die eine nach der anderen abgearbeitet werden.

Grün und Gold
Grün und Gold

Kaum weniger aufwendig als das Kostüm Escamillos sind jene der anderen Toreros. Die Goldborten wurden zuerst aufgeklebt, dann angenäht.

Kostümschneiderei
Nähtische, Bügelstationen

und vieles andere mehr macht die Kostümschneiderei am Tiroler Landestheater aus.

Bis zu 1.200 Stunden

Wie groß die Bandbreite ist, lässt sich allein schon an der Vielfalt der Produktionen ablesen. Sie reicht von Zweipersonenstücken bis hin zu großen Opernwerken mit Chor und mehreren Kostümen für jeden Darsteller. Zu letzteren zählt auch „Carmen“: Dafür braucht es Uniformen und Torero-Kostüme für die Männer, verschiedene Kleider für die Frauen, und alles selbstverständlich nicht nur für Haupt- und Nebenrollen, sondern auch für Statisten und Chorsänger. Bis dann alle auf der Bühne passend angezogen sind, sich gut in ihren Kostümen bewegen können und alles sitzt und hält, sind viele Mitarbeiter beteiligt und bis zu 1.200 Arbeitsstunden pro Abteilung nötig.

in Kostümen wie denen für die Toreros stecken jeweils bis zu 60 ArbeitsStunden.

Maximilian Pointner, Schneider am Tiroler Landestheater

Die Arbeit der Schneiderei beginnt, nachdem Stück, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner ausgewählt und die Inszenierung in groben Zügen besprochen ist. Zu diesem Zeitpunkt werden zuerst die Leiterin der Kostümwerkstätten, Tanja Menon, und die Abteilungsvorstände, Christa Obererlacher und Ines Federspiel, eingebunden und anhand der Figurinen wird festgelegt, welche Kostüme gemacht und wie sie ausgeführt werden sollen. Stoffe werden bestellt, die Maße der Schauspieler genommen, Kostüme zugeschnitten und von den Schneidern für die erste Anprobe genäht. Manche gängige Kleidungsstücke wie schwarze Hosen werden auch bestellt und angepasst.

Pointner mit Kostüm

Bunte, prächtige Kostüme sind bei den männlichen Darstellern seltener. Oft tragen sie schwarze, graue oder blaue Stücke wie die Uniformjacken.

Jedes Kostüm trägt einen Namen

Auf dem Rollwagen mit den Herrenkostümen für „Carmen“ fallen uns nicht nur die Namensschilder in jedem Kostüm, sondern auch die an die Ärmel gehefteten Zettel auf – Notizen, aus denen die Mitarbeiter der Kostümschneiderei ersehen können, was nach der ersten Anprobe an einem Stück zu ändern ist. Jeder Punkt wird nach und nach abgearbeitet und abgehakt, am Ende wird noch einmal kontrolliert, ob alles gut passt. Und schließlich müssen die Kostüme dem ersten Test bei den Proben standhalten: Dann geht es darum, wie das Gesamtbild wirkt, ob sich die Darsteller in den Kostümen wohlfühlen und ob die Stoffe und Nähte auch ausladende Bewegungen zulassen.

Stoffe

Vorhandene Stoffe werden entweder nach Material oder – wie hier – nach Farben sortiert.

Heiße Zeiten

Der Unterschied zwischen Bühnenkostüm und Alltagsgewand liegt eben nicht nur darin, dass manches für die Bühne auffälliger sein darf, sondern auch in der  Verarbeitung. Kleidung, die oft geändert wird – etwa solche für den Chor, die aus dem Fundus hervorgeholt und für die jeweiligen Produktion geändert wird –, ist im Inneren weniger aufwendig gemacht als ein Einzelstück für einen Hauptdarsteller. Kostüme für Tänzer müssen oft aus sehr elastischen Stoffen hergestellt sein, werden an bestimmten Stellen verstärkt oder durch das Einsetzen von Stoffkeilen noch flexibler gemacht. Auch die Materialien können sich von gewöhnlichen Kleiderstoffen unterscheiden, sogar Papier oder Möbelstoffe kommen zum Einsatz und müssen entsprechend verarbeitet werden. Dem Umstand, dass die Schauspieler, Sänger und Tänzer unter den heißen Bühnenscheinwerfern ins Schwitzen kommen, vor allem wenn sie einem bestimmten Inhalt entsprechend warm angezogen sind, begegnet man in der Schneiderei mit einigen Tricks. Unter einem Pelzmantel tragen Darsteller beispielsweise nur Ärmelstulpen und T-Shirt statt eines Pullovers, und wenn ein Kostüm zwischen den einzelnen Aufführungen nicht gewaschen werden kann, dann greifen Maximilian Pointner und seine Kollegen zum Wodka: Damit werden die Kostüme eingesprüht, um strenge Gerüche zu bannen. „Zimperlich darf man als Schauspieler trotzdem nicht sein“, meint Pointner.

Kostuem Torero

Stierkampfglanz im Werkstattambiente

Escamillo glänzt

Für die Produktion von „Carmen“ hat Michael D. Zimmermann unter anderem prächtige, reich mit Goldborten besetzte Torerojacken in Rot und Grün entworfen. „Wenn es die Inszenierung und das Stück erfordern, fallen seine Entwürfe gerne ein bisschen pompöser aus“, erzählt der Schneider über die Arbeit des Chefkostümbildners am Tiroler Landestheater. Bei den Torerojacken, deren Obermaterial sehr steif ist, bedeutete das viel Arbeitszeit, in der beispielweise die Goldborten erst aufgeklebt und dann aufgenäht wurden und das Futter von Hand eingenäht wurde. Die Mühe hat sich gelohnt: Selbst auf der Schneiderpuppe inmitten dieser betriebsamen Arbeitsstätte strahlt das Kostüm Escamillos den Glanz des Helden aus, der Carmen später auf der Bühne den Kopf verdreht. Wie diese Wirkung ausfällt, werden die Premierenzuseher im Großen Haus des Tiroler Landestheaters ebenso mitverfolgen können wie die Gäste des Public Viewing am Vorplatz – schließlich soll diese „Carmen“ eine „Carmen für alle“ sein.

An der Naehmaschine

Carmen für alle

21.9.2018, 19.30 Uhr

Vorplatz des Tiroler Landestheaters
Rennweg 2
6020 Innsbruck
Eintritt frei
Tel. 0512 52074
tiroler@landestheater.at
weitere Aufführungen am Tiroler Landestheater bis 29.12.2018

www.landestheater.at
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