Radausstellung im Zeughaus
Ausstellung im Zeughaus

Faszination Fahrrad

Im Zeughaus dreht sich derzeit alles ums Rad. Wie der geliebte Drahtesel zu dem wurde, was wir heute kennen. Text: Julia Tapfer
Bild: Axel Springer

Die Straßenrad-Weltmeisterschaften im September stellen das Rad in ganz Tirol ins Zentrum des Geschehens, im Innsbrucker Zeughaus ist das Radfieber allerdings schon seit Mai ausgebrochen. Die Ausstellung „Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“ spürt auf charmante und unterhaltsame Art und Weise der Geschichte des Drahtesels nach. Im Fokus steht dabei weniger die technische Entwicklung, sondern vor allem der sozialgeschichtliche Aspekt des Radfahrens mit Schwerpunkt auf Tirol: Wann rollten die ersten Fahrräder über Tirols Straßen? Wer saß darauf und was hat bitte ein Vulkanausbruch in Indonesien mit der Entwicklung des Fahrrads in Europa zu tun? All das (und noch viel mehr) erfährt man bei einem Besuch im Zeughaus.

Das Zeughaus
Willkommen im Zeughaus

Bis Jänner 2019 kann man die Ausstellung „Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“ noch im Zeughaus besuchen.

Die Ausstellungsarchitektur
Die Ausstellung

Die Ausstellungsarchitektin Petra Obernosterer hat für die Präsentation der Ausstellungsobjekte große Laufräder entworfen. 

Heute erlebt das Fahrrad dank E-Bikes erneut einen Boom, schon in den 1980ern ließ sich ein solcher ausmachen – damals waren es die Mountainbikes, die die Herzen von Radfreunden höherschlagen ließen. Ihr allererstes Hoch erlebten Fahrräder aber schon um 1900, erklärt Claudia Sporer-Heis, der es als Kuratorin der Ausstellung wichtig war, immer wieder Links zur Gegenwart herzustellen. So ist auch gleich am Anfang der Ausstellung eine österreichische Draisine von 1820 einem Kinderlaufrad der Gegenwart gegenübergestellt. Die Vorläufer unserer heutigen Fahrräder hatten nämlich noch keine Pedale. „Das größte Problem der Leute damals war, beide Füße gleichzeitig vom Boden abzuheben und dabei die Balance zu halten“, erklärt Sporer-Heis. Karl Freiherr Drais von Sauerbronn entwickelte deshalb das Laufrad. Ohne einen indonesischen Vulkan wäre es aber vielleicht nie so weit gekommen.

Fahrrad
Hochrad
Radfahrer in Innsbruck

Von Indonesien nach Tirol

Die Forschung ist sich mittlerweile einig, dass der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im Jahr 1815 eine Klimaanomalie verursachte und damit maßgeblich zur Entwicklung des Fahrrads beitrug. Vor allem in West- und Südeuropa war der Sommer 1816 sehr kalt, Ernten fielen aus und Hungersnöte brachen aus. Da man Tiere schlachten musste, fielen Pferde als Transportmittel kurzfristig weg, was eine starke Einschränkung der Mobilität mit sich brachte. Deshalb beschäftigte sich der badische Erfinder Drais mit der Entwicklung der Draisine, die er 1817 vorstellte. Mit der Zeit wurde das Laufrad weiterentwickelt und der Franzose Pierre Michaux brachte 1861 Tretkurbeln am Vorderrad an: das Veloziped war erfunden. Dieses sah man schon kurz darauf in Tirol, denn Johann Knittel, „Loisamandle“ genannt und Bruder der „Geierwalli“, baute in Elbigenalp das erste hölzerne Veloziped Tirols. Etwas später wurden auch die Hochräder erfunden, die jedoch nicht ganz das hielten, was sie versprachen: Zwar konnte man nun mit einer Kurbelumdrehung eine viel weitere Distanz zurücklegen, doch stieg das Gefahrenpotenzial um einiges an. Die Sturzgefahr von dem eineinhalb Meter hohen Rad war erheblich. So verwundert es nicht, dass die Hochräder schließlich den Sicherheitsniederrädern weichen mussten, die mit dem Kettengetriebe am hinteren Rad schon nach demselben Prinzip liefen wie unsere heutigen Fahrräder auch.

Ausstellungskuratorin Claudia Sporer-Heis

Die Historikerin Claudia Sporer-Heis ist Kuratorin der Ausstellung, Kustodin der Historischen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen und Leiterin des Zeughauses. Die stolze Wiltenerin, wie sie sich selbst bezeichnet, arbeitet schon seit 30 Jahren hier im Museum.

Vorsicht! Fahrrad!

„Gestern vormittag gegen 11 Uhr fuhr ein Junger Mann in rasendem Tempo durch die Maria-Theresienstraße rammte unweit der Annasäule an einen des Weges gehenden Arbeiter an und brachte ihn zum Falle. Statt sich zu entschuldigen fuhr der Rücksichtslose, der anscheinend den besseren Ständen angehörte, schimpfend von dannen.“ Meldungen wie diese aus den Innsbrucker Nachrichten im September 1909 las man immer wieder. Das vermehrt aufkommende Fahrradfahren führte zu vielen Unfällen – sei es, weil die Radfahrer ihr Gefährt noch nicht wirklich beherrschten, oder auch, weil die anderen Verkehrsteilnehmer noch nicht an sie gewohnt waren. „Heute schimpfen die Autofahrer über die Radler, früher waren es die Kutschenfahrer“, führt Sporer-Heis mit einem Lächeln an. Dass es aber auch zu schwerwiegenden Unfällen kam, zeigt das generelle Radverbot, das die Stadt Innsbruck 1869 nach einem tödlichen Unfall mit einer Kutsche in Kranebitten einführte. Lange war es allerdings nicht in Kraft.

Fotowettbewerb im Zeughaus

Bis 14. August 2018 läuft ein Fotowettbewerb, bei dem die Teilnehmenden zeigen können, was sie mit dem Titel der Ausstellung „Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“ verbinden. Das Foto einfach mit dem Hashtag #fahrradzeughaus auf Facebook oder Instagram posten oder per Mail (info@tiroler-landesmuseen.at) senden. Alle Fotos finden einen Platz in der Ausstellung, die besten drei werden von einer Jury prämiert.

Die Fahrer(innen)

Wer waren aber nun eigentlich jene Leute, die sich schon in den frühen Jahren aufs Rad wagten – und dabei, wie bereits festgestellt, manchmal leider auch wieder unsanft auf den Boden geholt wurden? „Vor 1900 waren es vor allem gut betuchte Leute aus dem Bürgertum“, erklärt Claudia Sporer-Heis und zeigt auf ein Foto des Innsbrucker Bicycle-Clubs. Durch die Industrialisierung konnten Fahrräder schließlich billiger produziert werden und wurden so auch für Arbeiter erschwinglich. Kostete ein Rad in Deutschland um 1890 noch etwa 250 Reichsmark, waren es 1904 nur noch 80 und sechs Jahre später sogar nur noch 28 Reichsmark. Zum Vergleich: Ein Facharbeiter hatte um die Jahrhundertwende einen Monatslohn von ungefähr 110 Reichsmark.

Frauen auf dem Rad waren in den Anfangsjahren ein No-Go. Durch die Kleidervorschriften, etwa das Hosenverbot oder das enge Korsett, war es für Frauen auch wenig praktikabel zu radeln. Das größte Problem war aber wohl, dass eine radfahrende, selbstbestimmte Frau nicht ins Gesellschaftsbild der (männlichen) Bevölkerung passte. Das zeigt folgendes Zitat eines gewissen Hans Müller-Pirna aus dem Jahr 1896 eindrücklich: 

Haben Sie jemals etwas Abstossenderes, etwas Häßlicheres, etwas Gemeineres gesehen, als ein mit puterrothem Gesicht, vom Staube entzündeten Augen und keuchenden Lungen auf dem Zweirade dahinrasendes Frauenzimmer? Ich nicht! Eine solche Erscheinung tritt nicht nur ihre Pedale, sondern auch die primitivsten Grundgesetze der Aesthetik mit Füssen! Pfui Deibel! (...) Das Radfahren macht unsere Frauen dürr und eckig, unweiblich aussen und innen.

Ausspruch aus dem Jahr 1896

Hatten es die Frauen anfangs also nicht leicht – eine Zeitlang hielt sich sogar das Gerücht, Radfahren sei für den weiblichen Körper gesundheitsschädlich –, so eroberten sie sich dennoch bald ihren Platz auf den Rädern. Daraus wussten auch verschiedene Modehäuser ihren Nutzen zu ziehen und designten neue Bekleidung und Accessoires für Damen auf dem Fahrrad.

Plakate zur Bewerbung von Fahrrädern

Werbeplakate für Fahrräder: Die Firma Schlumprecht fertigte in Wilten Fahrräder an.

Raus in die Natur

Wie der Titel der Ausstellung im Zeughaus bereits verrät, hat Radfahren auch mit Frischluft und einem Freiheitsgefühl zu tun. Besonders für die Arbeiterschaft war das Fahrrad eine gern genutzte Möglichkeit, um schnell und unkompliziert dem Leben in der Stadt zu entfliehen und Frischluft im Grünen zu genießen. Das Tourenfahren wurde immer beliebter und wurde in Tirol auch sehr gefördert: Der Tiroler Radfahrerverband und der Österreichische Tourenclub haben sich um eine Verbesserung der Straßen bemüht. Zudem wurden Servicestellen an den Routen eingerichtet, die etwa Flickzeug bereithielten. „Diese Entwicklung hat sich auch massiv auf den Tiroler Tourismus ausgewirkt“, weiß die Historikerin Sporer-Heis zu berichten. Aus den anderen österreichischen Bundesländern und auch aus Deutschland kamen die Gäste zum Radfahren nach Tirol.

Fahrradwerkzeug
Lienzer Radfahrer-Fest
Radfahrclub

Im Wettkampf

War das Tourenfahren in der Natur eher von gemütlichem Charakter, so etablierte sich Anfang des 20. Jahrhunderts das Radfahren auch als Sport. Vor allem die Radvereine verschrieben sich dessen Verbreitung, so wurden auch Wettkämpfe auf den Straßen ausgetragen. Was selbst viele Innsbrucker nicht wissen: Im Stadtteil Saggen gab es eine Radrennbahn, auf der viele Bewerbe abgehalten wurden, die immer auch gesellschaftliche Events waren. Neben klassischen Rennbewerben gab es hier auch spezielle Preise, etwa für Schönfahren oder die besonders amüsante Disziplin Langsamfahren. Da der Betonbelag der Innsbrucker Radrennbahn aber sehr wartungsintensiv war, war ihr leider nur ein kurzes Bestehen gegönnt. 1896 wurde sie eröffnet, 1901 schon wieder geschlossen.

Die Innsbrucker Radrennbahn

Eine der wenigen Aufnahmen der Innsbrucker Radrennbahn.

Wer es bei so vielen interessanten und amüsanten Anekdoten übers Radfahren am Ende der Ausstellung nicht mehr erwarten kann, sich selbst auf den Sattel zu schwingen, kann dies direkt im Zeughaus tun. Zwei Hometrainer aus der 1970er Jahren stehen bereit, um getestet zu werden. Das etwas wackelige Standgefühl wird durch eine Videoprojektion mit dem Beamer komplettiert. Mitarbeiter des Zeughauses haben sich mit Helmkamera ausgestattet radelnd durch (und über) Innsbruck bewegt. Aus der Egoperspektive auf dem Hometrainer können sogar Trails mitgefahren werden. So lässt sich auch die Wartezeit bis zur Rad-WM im September problemlos überstehen.

Ausführliche Informationen und Hintergrundberichte zur Entwicklung des Fahrrads, den technischen Neuerungen, Frauen auf dem Rad, Arbeiter-Radvereinen und der Geschichte des Radsports gibt es in der Publikation Studiohefte 32 „Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“ zum Nachlesen.

„Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“

Ausstellung im Zeughaus
Radausstellung im Zeughaus

Die Ausstellung ist bis 6. Jänner 2019 im Zeughaus zugänglich.

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, 9 bis 17 Uhr

EINTRITT FREI während der
UCI Straßenrad-WM (22. 9. bis 30. 9. 2018)

Webseite
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