Alessandro De Marchi, der Intendant, und Alessandro De Marchi, der Radprofi
Zwei Namensvettern im Interview

Doppelt hält Besser

Der eine ist ein Profi auf seinem Rennrad, der andere am Dirigentenpult. Ein Interview mit Alessandro De Marchi und Alessandro De Marchi. Text: Julia Tapfer

Während Musik für einen der beiden sein Leben bedeutet, findet der andere Erfüllung im Sport. Der eine dirigierte schon an der Mailänder Scala, der Dresdner Semperoper und dem Gran Teatro La Fenice in Venedig, der andere ist zweifacher Vuelta-Etappensieger und fuhr auch schon bei der Tour de France und dem Giro d’Italia mit.

Der 56-jährige Dirigent und Cembalist Alessandro De Marchi stammt aus Rom, wo er seine musikalische Laufbahn am Conservatorio di Santa Cecilia startete. Er studierte auch in Basel und ist heute vor allem für seine Interpretationen der Musik des Barock bekannt. Der Radprofi Alessandro De Marchi ist 32 und im Friaul geboren. Er bezeichnet sich selbst als sehr heimatverbunden und trägt mit Stolz den Beinamen Il rosso di Buja, eine Anspielung auf seine Heimatgemeinde und – wie könnte es in diesem Gebiet auch anders sein – auch der Name eines Rotweins.

Alessandro De Marchi im Porträt

Foto: Sandra Hastenteufel / www.chrisauldphotography.com 

Neben der großen Leidenschaft für ihren Beruf und dem Namen, den sie sich teilen, verbindet die auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Charaktere aber auch noch die Alpenhauptstadt Innsbruck. Alessandro De Marchi, der Musiker, ist seit 2010 Intendant der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, sein Namensvetter wird im September höchstwahrscheinlich auch nach Innsbruck kommen und bei der UCI Straßenrad WM einen der schwersten WM-Kurse überhaupt bezwingen.

kultur.tirol hat den beiden De Marchis getrennt voneinander dieselben Fragen gestellt. Herausgekommen ist ein durchaus persönliches Doppelinterview, das noch einige weitere Gemeinsamkeiten der beiden Namensvettern aufdeckt.

Alessandro De Marchi
&
Alessandro De Marchi

kultur.tirol: Was ist das Schönste an Ihrer Arbeit?

Intendant: Die Freude an der Kommunikation und das wunderbare Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Radprofi: Radfahren bedeutet für mich Freiheit, also empfinde ich es viel mehr als Ausdruck meiner Freiheit denn als Arbeit. 

Was sind Ihre größten beruflichen Herausforderungen?

Intendant: Immer allen Aufgaben gewachsen zu sein. Die nie endende Suche nach vielleicht unerreichbarer Perfektion.
Radprofi: Sich ständig zu verbessern, ist meine größte Herausforderung. Zugleich ist das notwendig und essenziell, um weiterhin leistungsstark in diesem Sport zu sein. 

Welche Eigenschaft des „anderen“ Alessandro De Marchi hätten Sie selbst gerne? 

Intendant: Auf jeden Fall seinen Kampfgeist! Auch wenn die Regeln der Musik den Regeln des Sports ähnlich sind, dennoch wäre es ein ganz anderes Umfeld.  
Radprofi: Ich glaube, ich hätte gern das Rhythmusgefühl – in der Musik als auch im Sport –, das er ganz sicherlich besitzt. 

Was würden Sie gerne ausprobieren, wenn Sie einen Tag die Identität Ihres Namensvetters annehmen könnten?

Intendant: Ich würde austesten, wie es ist, in solcher Topform zu sein, die es zum Beispiel erlaubt, ein Bergrennen in Angriff zu nehmen.
Radprofi: Ich würde die Musik gerne in ihrer Gesamtheit auskosten: Mir würde es gefallen herauszufinden, was es bedeutet, ein Instrument zu spielen, zuzuhören und den, der spielt, rhythmisch zu führen.

Der Cembalist De Marchi

Foto: Sandra Hastenteufel

Was war Ihr größter bisheriger Erfolg?

Intendant: Eine SMS, die ich von Daniel Barenboim erhalten habe, nachdem er bei einer meiner Aufführungen in Berlin anwesend war. Er hat mir geschrieben: „sehr gut“. Die Wertschätzung eines so großen Künstlers ist das schönste Lob.
Radprofi: Da ich ein „Wasserträger“ bin, haben alle meine wenigen Siege einen besonderen Wert für mich. Müsste ich einen Erfolg auswählen, so wäre das die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016. Das bleibt für mich einer der Momente, auf die ich am meisten stolz bin. Die Olympischen Spiele gehen über den Sport hinaus, sie sind Geschichte!

Wo und wie können Sie am besten entspannen? 

Intendant: Im Freien, beim Spazieren mit meiner Frau Sandra. Aber manchmal auch alleine mit meinem Lieblingscembalo. 
Radprofi: Auf jeden Fall im Freien. Dann hängt es nur noch davon ab, auf welchen Sattel ich mich schwinge: Ich liebe das Rad, aber auch mein Motorrad. 

Welche Musik fasziniert Sie immer wieder?

Intendant: Solche, die zu Unrecht vergessen wurde. Die Gründe, warum manche Meisterwerke mit der Zeit verloren gehen, sind nicht immer nachvollziehbar. Ich liebe es geheime Schätze ans Licht zu bringen und diese wiederzubeleben.
Radprofi: Da schwanke ich oft und wechsle häufig, es gibt immer verschiedene Phasen. Es reicht von Reggae und Rockklassikern wie Pink Floyd, Queen oder Bruce Springsteen bis zu härteren Klängen zum Beispiel von Iron Maiden, Muse ... also wirklich von allem etwas! Das hängt sehr von der Stimmung ab. 

Welche Situation ließ Sie über sich selbst hinauswachsen?

Intendant: Die Vaterschaft. Die Geburt meiner Tochter Flavia war ein wichtiges Ereignis für mich, ein Wendepunkt in meinem Leben.
Radprofi: Durch meine Arbeit war ich oft mit schwierigen Situationen konfrontiert, in denen es notwendig war, Entschlossenheit und Ausdauer zu beweisen.  

Was möchten Sie in Ihrem Leben noch erreichen?

Intendant: Weisheit. Aber wahrscheinlich werde ich die nie erreichen. 
Radprofi: Ich möchte ein guter Vater sein. Und mich beruflich noch weiterentwickeln.

Alessandro De Marchi wird bei einem Rennen angefeuert

Foto: chrisauldphotography.com

Ich liebe die Berge
und Tirol ist einer der Orte mit den schönsten Bergen der Welt.

Alessandro De Marchi, Radprofi

Sport bedeutet für mich ...

Intendant: ... der Versuch, möglichst langsam zu altern.
Radprofi: ... Freiheit und Natur. Ich wiederhole mich, aber dieser Aspekt ist zentral in meinem Leben. Der Sport ist meine liebste Art, eine starke Verbindung mit der Natur und der ganzen Welt aufrechtzuerhalten.  

Musik bedeutet für mich ...

Intendant: ... das Leben. Musik hören oder selbst spielen ist die stärkste, und doch harmloseste Droge. 
Radprofi: ... Konzentration: Sie hilft mir oft, mich in den Stunden unmittelbar vor einem Wettkampf mental vorzubereiten. Manchmal ist Musik aber auch eine Möglichkeit zu träumen und dem Alltag zu entfliehen. 

Ich fühle mich zu Hause ... 

Intendant: ... praktisch überall, wenn ich intelligente, nette und zufriedene Menschen treffe. 
Radprofi: ... wenn ich beim morgendlichen Training immer wieder denselben Weg zurücklege. Das hat sich in all den Jahren nie geändert und lässt mich jeden Tag erkennen: „Ja, ich bin zu Hause.“ 

Das schönste Geschenk ist ... 

Intendant: ... meine Tochter Flavia.
Radprofi: ... dass meine Frau Anna und ich im Oktober Eltern werden. 

Mit Tirol verbinde ich …

Intendant: ... die schönsten und intensivsten Monate des Jahres, fantastische Kollegen und Mitarbeiter, die Unterstützung von aufgeklärter Politik, ein sehr kompetentes Publikum und einen Ort, wo Experimentieren erlaubt ist. 
Radprofi: Ich liebe die Berge und Tirol ist einer der Orte mit den schönsten Bergen der Welt. Ich kenne Südtirol sehr gut, Nordtirol noch etwas weniger. In der kurzen Zeit, die ich im März dort bei Testfahrten der WM-Strecken verbringen durfte, habe ich aber die Verbundenheit mit der Tradition, die in der ganzen Region herrscht, bemerkt. Wenn ich bei den Weltmeisterschaften in Innsbruck teilnehmen darf, kann ich die Tiroler sicherlich noch besser aus der Nähe kennenlernen.

Herzlichen Dank für das Interview!

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