Die Golden Roof Challenges des Mittelalters

Ritter weiter, Ritter höher

Die alljährlich stattfindende Golden Roof Challenge lockt nicht nur Top-Athleten nach Innsbruck, sie ist auch eine etablierte Großveranstaltung, die das Bild der Stadt prägt und den Namen Innsbruck in die Welt trägt. So wie es vielleicht einst im Mittelalter auch Ritterturniere taten... Autor: Haris Kovacevic
Bild: PHOTO-PLOHE Golden Roof

Obwohl heute das Wort Turnier eher mit einem sportlichen Ereignis verbunden wird, kommt der Begriff eigentlich aus dem Mittelalter und bedeutet so viel wie: das Pferd tummeln, wenden, drehend bewegen. Bei Turnieren konnten Ritter ihre Kampfkünste messen und ihre Tapferkeit unter Beweis stellen.

Es ist dennoch kein Zufall, dass sich Teile dieses Vokabulars auch in der sportlichen Welt durchgesetzt haben. Schließlich präsentieren Athleten bei Sportereignissen ihre Fähigkeiten, messen sich mit anderen und, wenn man so will, stellen ihre Tapferkeit unter Beweis. Mittelalterliche Turniere weisen also Ähnlichkeiten zu heutigen Sportereignissen auf, aber auch einige Unterschiede. So findet heutzutage die Golden Roof Challenge dort statt, wo früher Ritterturniere abgehalten wurden. Was waren das damals aber für Turniere?

Turnier: Das Pferd tummeln, wenden, drehend bewegen

Im Mittelalter wurde weniger an den olympischen Gedanken gedacht, vielmehr an den tapferen Kampf. Doch auch dies verlief nicht ohne Regeln, schließlich handelte es sich nicht um Kämpfe auf Leben und Tod, sondern um ein Kräftemessen. Daher erwuchsen einige Disziplinen, die man bis heute kennt und bei manchen Reenactment-Veranstaltungen sogar noch praktiziert.

Tjost

Denkt man an mittelalterliche Ritterturniere, hat man erst einmal zwei Reiter in Rüstungen vor Augen, die mit Lanzen aufeinander zureiten. Tatsächlich war diese Form des Duells im Mittelalter beliebt – sie wurde Tjost genannt. Das Ziel dabei: mit der stumpfen Lanze den Gegner vom Pferd stoßen oder zumindest einen Treffer auf Schild oder Kopf landen. Anfänglich gab es beim Tjosten sehr wenige Regeln, was zu häufigen Todesfällen geführt hat. Später schwor man dem Kampf „bis zum Tode“ ab und führte ein Punktesystem ein. Zum Sieg musste man drei Punkte erreichen. Für einen Treffer auf Kopf oder Schild erhielt man einen Punkt. Stieß man den Gegner vom Pferd, konnte man sich über zwei Punkte freuen. Und obwohl der Tod des Gegners nicht das Ziel sein sollte, bescherte einem dieser dennoch drei Punkte.

Ritterausrüstungen sind  Sammlerstücke und können bei Reenactment-Veranstaltungen und in Museen bewundert werden.

Photo: KHM-Museumsverband 

Im 15. Jahrhundert etablierte sich beim Tjosten auch die Planke zwischen den Reitern, die „Fouls“, also Angriffe auf die Pferde, verhindern sollte. Im deutschsprachigen Raum führte Maximilian I. die Planke ein, die er im burgundischen Raum kennengelernt hatte. Man sprach dabei vom „welschen Gestech über die Planke“. Die Abtrennung verhinderte auch, dass sich die Konkurrenten gegenseitig am Fuß verletzten, wenn sie zu nahe aneinander vorbeiritten.

Abbildungen aus Freydal, dem Turnierbuch Kaiser Maximilians I.

Photo: KHM-Museumsverband

Turnei

Diese Form der Turniere war unter den Rittern sehr beliebt. Sie musste lange angekündigt und gut organisiert werden. Der Grund: Turnei wurden von der Ritterschaft ernst genommen, bei den Kämpfen konnte man schwer verletzt werden oder sogar sein Leben verlieren. Je nach Abmachung wurden sie sogar mit richtigen Waffen abgehalten, was aber eher unüblich war, da Lehensherren kein Interesse hatten, dass sich ihre teuren Ritter dabei verletzten oder gar ihr Leben ließen.

Bei den Turnei traten zwei berittene Gruppen, Scharen genannt, gegeneinander an. Die Teams sollten etwa gleich stark und gleich gut ausgerüstet sein. Mal teilten sie sich durch Herkunft, mal durch Lehensherren, mal durch Los auf. Mit verschiedenfarbigen Stoffen gekennzeichnet, konnten sie sich auf dem Feld auseinandererkennen. Stets mussten Sanitäter bereitstehen, um sich um die Verletzten zu kümmern. Den Siegern winkte ein Preis. Die Hand einer Prinzessin konnte dabei aber niemals gewonnen werden, obwohl es der Volksmund immer wieder beteuert.

Buhurt

Bei dieser Form des Kampfs handelte es sich um die softe Variante eines Turnei. Gekämpft wurde mit stumpfen Waffen, keine Scharen wurden gebildet, der Gegner sollte nicht verletzt oder gar getötet werden. Der Buhurt diente lediglich der leichten Unterhaltung des Volks, meistens „kämpfte“ jeder gegen jeden.

Beim Buhurt konnten die Ritter lediglich ihre Reitkunst präsentieren, mussten nicht sonderlich geschickt mit den Waffen sein und je nach Abmachung auch keine aufwendigen Rüstungen tragen. Dementsprechend gab es beim Buhurt meist auch keine Sieger oder der Triumph war nicht besonders hoch angesehen. 

Der Buhurt diente lediglich der leichten Unterhaltung des Volks

Und heutzutage?

Unter dem Goldenen Dachl in Innsbruck messen sich Athleten aus der ganzen Welt im Stabhochsprung sowie im Weitsprung. Die Veranstaltung in Innsbruck ist nicht nur wegen der atemberaubenden Kulisse ein Highlight, sie ist auch der Auftakt zur Golden Fly Series und ein sportlicher Erfolg unter dem „Dachl“ qualifiziert die Athleten nicht selten für die Teilnahme an weiteren Top-Veranstaltungen. Doch was sind die Regeln der einzelnen Disziplinen?

Athleten aus aller Welt nehmen am Wettbewerb unter dem Goldenen Dachl teil - Ignisious Gaisah beim Weitsprung.

Photo: GEPA-Pictures/Golden Roof Challenge

Stabhochsprung

Bei dieser olympischen Disziplin springt der Athlet über eine hochliegende Sprunglatte. Dabei nutzt er einen langen flexiblen Stab als Hilfe. Die zu überwindende Latte ist 4,5 Meter lang, liegt zwischen zwei Sprungständern und kann schon beim leisesten Kontakt fallen und den Versuch des Athleten damit ungültig machen.

Männer erreichen bei der Sportart etwa eine Höhe von sechs, Frauen eine von fünf Metern. Der Wettkampf gestaltet sich so, dass in einer moderaten Höhe begonnen und die Stange im Verlauf des Wettkampfs immer höher gelegt wird. Die Athleten entscheiden, ob sie von Anfang an dabei sein wollen oder erst später einsteigen, wenn die Höhe für sie interessant wird. Pro Höhendurchgang hat man drei Versuche. Scheitern alle drei, zählt der zuletzt überwundene Stand.

Kostat Filippidis beim Stabhochsprung.

Photo: GEPA-pictures/Golden Roof Challenge

Weitsprung

Die Weitsprungregeln sind eigentlich ganz einfach: nach dem Anlauf mit einem einzelnen Sprung eine möglichst große Distanz überwinden. Die Wurzeln der Sportart reichen bis in die Antike zurück. Im frühen 20. Jahrhundert gab es eine Abwandlung der Sportart, bei der ohne Anlauf gesprungen wurde. Diese existiert seit 1912 nicht mehr. Dahingegen gilt der Dreisprung bis heute als beliebte Variante des Weitsprungs. Dabei machen die Athleten vor dem eigentlichen Sprung zwei große Schritte, auch Steps oder Hops genannt.

Beim klassischen Weitsprung erreichen Männer eine Weite von acht, Frauen eine von etwa sieben Metern. Der Sprungbalken gilt als Krux dieser Sportart. Der Athlet muss diese betreten, ohne dabei aber zu weit zu gehen und auf den gelben Streifen zu treten. Dann gilt der Versuch nämlich als ungültig. Die Springer landen in einem Sandbecken. Die Weite wird vom gelben Balken bis zum nächsten Punkt im Sandbecken gemessen, den der Athlet berührt hat.

Die Wurzeln des Weitsprungs reichen bis in die Antike zurück.

Ähnlichkeiten und Unterschiede

Innsbruck galt bereits im Mittelalter als absoluter Hotspot, wenn es um Großveranstaltungen ging. Hier wurden Reichstage, Großmärkte, aber auch Turniere abgehalten. Die Infrastruktur der Stadt konnte der Menschenmassen oft nicht Herr werden. Um 1500 hatte Innsbruck etwa 5.000 Einwohner, zu den Events reisten oft nochmal so viele an, was für mittelalterliche Verhältnisse große Massen waren. Turniere waren Veranstaltungen, bei denen es nicht nur um den Kampf, sondern auch um das Drumherum ging. So besuchten Musikanten, Künstler, Hellseher und prominente Gäste die Stadt und machten die Veranstaltung dadurch für viele erst interessant – was sehr an heutige Großveranstaltungen mit Konzerten, Partys und vollen Straßen erinnert.

Nachdem sich die Landsitze der Adeligen als untauglich erwiesen hatten, fanden die Turniere in der Stadt statt. Nachdem Maximilian I. das Goldene Dachl errichten ließ, wurden sie zwischen dem Marktplatz und diesem veranstaltet. Falls, wie beim Tjost, mehr Strecke vonnöten war, wurde die Veranstaltung auf den Rennweg verlagert – daher auch der Name der Straße. Beide Disziplinen der Golden Roof Challenge finden hingegen unter dem Goldenen Dachl statt. Noch ein interessante Tatsache: Im Mittelalter fanden die Turniere nur notgedrungen in der Stadt statt. Der Boden war für Pferdehufe viel zu hart, weshalb man ihn präparieren musste. Der Boden wurde daher oft gepolstert, was auch bei der Golden Roof Challenge passiert, da Weitsprung und Stabhochsprung, seien wir ehrlich, nicht für die Innsbrucker Altstadt erfunden wurden.

Wenn man genau hinsieht, entdeckt man viele Ähnlichkeiten.

Photo: Photo-PLOHE/Golden Roof Challenge

Bei den Turnieren im Mittelalter durften oft nur Adelige mitmachen, da sie sich eine Rüstung leisten konnten oder sie erbten. Als sich im Mittalter auch reiche nichtadelige Kaufleute mit Rüstungen ausstatten konnten, baute sich Widerstand im Adel auf. Frauen hatten damals lediglich das Recht, bei Turnieren zuzusehen, an eine Teilnahme durfte erst gar nicht gedacht werden. Bei der Golden Roof Challenge nehmen auch nur „Profis“ teil, was natürlich nicht mit der Ausrüstung zusammenhängt, durchaus aber an Sportadel denken lässt. Die Zeiten haben sich zum Glück ein wenig geändert und Frauen nehmen an den Wettkämpfen auch teil.

Ling Li mit ihrem Ritterblick

Photo: PLOHE/Golden Roof Challenge

Zwar riskieren die Athletinnen und Athleten bei der Golden Roof Challenge wohl nicht ihr Leben, doch ähneln ihre Blicke sicher sehr denjenigen der Ritter, die sich vor mehr als 500 Jahren unter dem Goldenen Dachl auf ihren nächsten Wettkampf vorbereiteten.

15. Int. Golden Roof Challenge 

8. Juni 2019

Das diesjährige Weltklasse-Springen im Stabhoch- und Weitsprung vor dem Goldenen Dachl in der Innsbrucker Altstadt findet am Samstag, dem 8. Juni 2019 statt. Heuer steht der Kult-Event ganz im Zeichen der Feierlichkeiten zum Gedenkjahr „Max 500“ – dem 500. Todestag von Kaiser Maximilian I - der einst das Goldene Dachl errichten ließ, vor dessen beeindruckender Kulisse auch echte Ritter-Turniere ausgetragen wurden.

Beginn 18.45 Uhr. Eintritt frei!

www.goldenroofchallenge.at
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