Kaiserliches Theater

Eine surreale Seifenoper

Am 4. Mai feiert im Tiroler Landestheater mit „Phantasma X“ ein Werk über Maximilian I. Premiere, das einen kritisch-ironischen Blick auf den Kaiser wirft. Kultur.tirol hat mit Autor Martin Plattner über sein Stück und die Arbeit daran gesprochen. Text: Simon Leitner
Bild: Franz Oss

Im Rahmen des Maximilianjahrs wurde der Tiroler Dramatiker und Autor Martin Plattner mit dem Schreiben eines Stücks über den ehemaligen österreichischen Kaiser beauftragt. Die Uraufführung von „Phantasma X“ findet im Mai im Tiroler Landestheater statt. Kultur.tirol hat im Vorfeld mit Plattner über sein Stück, seine Wahrnehmung des Kaisers und die Gründe, warum Frauen einen solch großen Stellenwert in seinen Werken einnehmen, gesprochen.

Herr Plattner, können Sie kurz erzählen, was das Publikum von „Phantasma X“ erwarten darf?
Das Stück spielt kurz vor dem Tode Maximilians. Der Kaiser ist schwer krank und wird, wahrscheinlich aufgrund der Substanzen, die ihm gegen die Schmerzen verabreicht werden und die ihn auf sein bevorstehendes Ableben vorbereiten sollen, von Halluzinationen heimgesucht. In diesen Visionen tauchen nochmals die größten Krisenherde seines Lebens auf. Dazu gehören unter anderem die zahlreichen Kriegstoten, die er zu verantworten hat, die vielen Schulden, die er nicht nur zeit seines Lebens gemacht, sondern auch seinen Nachkommen hinterlassen hat, und insbesondere seine drei Ehefrauen, die von ihm für seine Zwecke instrumentalisiert und ausgenutzt wurden.

„Phantasma X“ ist nach „Maultasch“ und „Ferner“ bereits Ihre dritte Kooperation mit dem Tiroler Landestheater. Wie empfinden Sie persönlich die Zusammenarbeit?
Unsere Zusammenarbeit war eigentlich von Beginn an von großer Offenheit und gegenseitigem Vertrauen geprägt. Das hat sich über die Jahre natürlich intensiviert, sodass sich mittlerweile auch Freundschaften entwickelt haben – etwa zur Dramaturgin Romana Lautner oder zur Schauspielerin Janine Wegener, die sowohl in „Maultasch“ als auch in „Ferner“ die Hauptrolle übernommen hat und bei „Phantasma X“ ebenfalls wieder mitspielen wird. Ich schätze mich glücklich, dass ich nun schon zum dritten Mal die Gelegenheit hatte, mit und in diesem Haus arbeiten zu dürfen.

Martin Plattner, geboren 1975 in Zams, ist ein österreichischer Dramatiker und Autor, der zuletzt mit dem Thomas-Bernhard-Stipendium des Landestheaters Linz ausgezeichnet wurde. Sein neuestes Stück "Phantasma X", das Anfang Mai im K2 uraufgeführt wird, ist bereits seine dritte Kooperation mit dem Tiroler Landestheater.

„Phantasma X“ ist ein Auftragswerk. Wie viel Freiheit wurde Ihnen bei der Konzeption des Stücks eingeräumt?
Es gab im Grunde nur wenige Vorgaben vonseiten des Landestheaters, und die haben großteils offene Türen bei mir eingerannt. Es sollten zum Beispiel, weil das Stück ja im K2 aufgeführt wird, nicht allzu viele Figuren auftauchen. Das stellte jedoch insofern kein Problem für mich dar, als ich in meinen Werken sowieso nie mit vielen Figuren arbeite. Ich habe für mich selbst ein Maximum von sechs festgelegt, von daher war das also keinerlei Einengung. Der Umstand, dass Kaiser Maximilian im Mittelpunkt stehen soll, war hingegen schon eine Herausforderung für mich, denn in meinen Stücken spielen normalerweise Frauen die Hauptrolle. Dadurch, dass ich einen starken Fokus auf Maximilians Ehefrauen gelegt habe, habe ich aber eine Art Umweg gefunden, der es mir erlaubt hat, etwas zu erarbeiten, das im Einklang mit meinen eigenen Ansprüchen steht. Ein reines Männerstück hätte ich etwa nie geschrieben, das könnte und will ich auch nicht.

Warum spielen Frauen in Ihren Werken fast immer eine buchstäblich große Rolle?
Das hat tatsächlich einen ganz konkreten Grund: Frauen ab 40 finden im Theater kaum noch anspruchsvolle, spannende und ausdifferenzierte Hauptrollen vor, während es für ältere Männer noch immer genügend gute Angebote gibt. Dieses Ungleichgewicht macht mich rasend, vor allem, weil es ja ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft ist, dass Frauen ab einem gewissen Alter einfach nicht mehr gehört und aus der öffentlichen Wahrnehmung geradezu verdrängt werden. Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten auf diesen Missstand aufmerksam machen und älteren Frauen im wahrsten Sinne des Wortes eine Bühne bieten. Deswegen konzentriere ich mich in meiner Arbeit darauf, interessante, seltsame und hoffentlich auch lustvolle Rollen für Frauen zwischen 40 und 70 zu schreiben – also für diese sogenannten „Frauen mittleren Alters“, die irgendwann einfach nicht mehr zu Wort kommen.

Ich finde, der Kaiser war eine sehr schrille, aber auch genauso fragwürdige und schwierige Figur.

Martin Plattner

Wie viel wussten Sie vom Kaiser, als Sie mit dem Schreiben von „Phantasma X“ begonnen haben?
In gewisser Weise hatte ich Maximilian schon seit Jahren auf dem Schirm. Vor langer Zeit bin ich zufällig auf die Darstellung einer Lawine im „Theuerdank“ (Heldenepos, das Kaiser Maximilian zugeschrieben wird, Anm.) gestoßen, die als eine riesige, weiße Kugel vom Berg hinunterrollt. Die dazugehörige Heldengeschichte hat mich, ehrlich gesagt, eher gelangweilt, aber das Bild der Lawine ist irgendwie hängengeblieben – ebenso wie der Mann, der sich so sehr verklärt und nicht nur mit dem „Theuerdank“ seinen eigenen Heldenmythos gezimmert hat. Ich finde, der Kaiser war eine sehr schrille, aber auch genauso fragwürdige und schwierige Figur.

Hat sich Ihr Bild von Maximilian im Zuge der Arbeit an „Phantasma X“ geändert?
Es ist schon eigenartig: Im Normalfall meint man ja, dass man sich eher ein Bild über einen Menschen machen kann, je mehr Informationen man über ihn hat, je mehr man über ihn weiß. Bei Maximilian war es für mich aber genau umgekehrt: Je mehr ich über ihn gelesen habe, desto ungreifbarer und mysteriöser erschien er mir. Er hatte einen starken Drang, sich selbst zu inszenieren, und wollte ein ganz bestimmtes Bild von sich für die Nachwelt bewahren. Dadurch ist es unheimlich schwer festzustellen, welche Geschichten über ihn wahr sind und welche von ihm oder auch von der Nachwelt erfunden wurden. Im Zuge der Recherchen sind bei mir plötzlich überall Fragezeichen aufgetaucht, was aber auch aufregend war. Fest steht jedenfalls, das Maximilian eine sehr ambivalente Figur ist.

Hat diese Ambiguität Maximilians das Schreiben des Stücks leichter für Sie gemacht?
Zumindest ist es dadurch spielerischer geworden. Wenn ein Mensch oder, wie in diesem Fall, eine Herrscherfigur derart zugeschüttet ist mit Legenden und Mythen, muss man sich jene Punkte raussuchen, die einem besonders spannend erscheinen. Und das, obwohl die Behauptungen, die im Raum stehen, vielleicht auch zum Teil komplett widersprüchlich sind.

Für "Phantasma X" hat Martin Plattner intensiv recherchiert. Dabei interessierten ihn insbesondere auch die Frauen von Kaiser Maximilian. 

Auf welche Aspekte im Leben des Kaisers haben Sie sich letztendlich konzentriert?
Am meisten hat mich die Art und Weise interessiert, wie Maximilian Frauen für seine Zwecke instrumentalisiert und ausgenutzt hat. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass seine Ehefrauen für ihn in erster Linie Druckmittel und „lebende Geldtaschen“ waren, wie es etwa auch an einer Stelle im Stück heißt. Abgesehen von seinen Gattinnen gab es zudem eine ganze Reihe an Frauen, die wir namentlich zwar nicht kennen, denen Maximilian aber viele Kinder angehängt hat. Man geht von einer Zahl zwischen 14 und 40 unehelichen Kindern von verschiedenen Müttern aus, deren Leben dadurch natürlich nicht unbedingt leichter geworden ist – vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass Maximilian ständig Geldsorgen hatte und sich auch deswegen wohl kaum um die Versorgung seiner Zweit- und Drittfrauen sowie deren Kinder gekümmert hat. Ein weiterer Schwerpunkt waren die vielen Kriegstoten, die Maximilian mitzuverantworten hat. Es heißt oft, er sei ein friedlicher Kaiser gewesen, der Konflikte vorwiegend mit geschickter Heiratspolitik gelöst und nur Verteidigungskriege geführt hätte. Ich persönlich halte das eher für einen Mythos. Meine Recherche hat gezeigt, dass er selbst genug Angriffskriege geführt hat. Das sind vielleicht unangenehme Wahrheiten, aber ich finde, dass man auch einen kritischen Blick auf Maximilian werfen muss, insbesondere in einem Gedenkjahr.

Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Ich habe viel über Maximilian gelesen und mir neben etwa sieben Biografien auch die Werke, die ihm zugeschrieben werden, sowie zwei Bücher über seine Ehefrauen angeschaut. Darüber hinaus habe ich mich intensiv mit der Kunst zur Zeit Maximilians beschäftigt: Der Kaiser war ein großer Kunstliebhaber, deswegen wollte ich wissen, welche Künstler ihn damals interessiert haben. Dabei ist mir aufgefallen, dass Maximilian ein Zeitgenosse Hieronymus Boschs war, und das hat einen starken Eindruck auf mich gemacht. Boschs Bilder sind bevölkert von grotesken Figuren, und in gewissem Sinne war Maximilian genau das, eine groteske, surreale Figur. Beim Schreiben habe ich mich dann maßgeblich von Bosch und den Surrealisten des 20. Jahrhunderts, für die Bosch ja auch als eine Art Vorläufer gilt, inspirieren lassen. Die erste Notiz, die ich mir im Zuge der Recherche gemacht habe, war „surreale Seifenoper“ – das war das Erste, das mir eingefallen ist, und diese Spur wollte ich weiterverfolgen, weil sie mir stimmig erschien.

Sie haben sich in Ihren Stücken schon des Öfteren mit historischen Figuren auseinandergesetzt. Wie viel Freiheit nehmen Sie sich dabei?
Im Grunde sehr viel. Es gibt verschiedene Wege, mit historischen Charakteren umzugehen, und für mich als Dramatiker ist ein unkonventioneller Zugang interessanter als etwa ein historisch korrekter. Das heißt nicht, dass ich alles erfinde. Ich erlaube mir aber einen spielerischen Umgang mit dem Stoff – ich interpretiere. Wenn jemand eine historisch hundertprozentig akkurate Auseinandersetzung mit Maximilian sucht, gibt es genug Biografien, Aufsätze und wissenschaftliche Abhandlungen. Ich bin allerdings der Meinung, dass Theater die Menschen auf einer anderen Ebene treffen muss.

Wie würden Sie das Stück in Ihrem bisherigen Schaffen einordnen?
Ich glaube, dass alle meine Werke miteinander kommunizieren. „Ferner“ wäre ohne „Maultasch“ nicht geschrieben worden, und ohne „Ferner“ wiederum würde es „Phantasma X“ in dieser Form nicht geben. Letzteres ist insofern etwas Besonderes, als dass es eine viel höhere Dosis an surrealen Elementen aufweist als meine bisherigen Stücke. Unabhängig davon habe ich aber natürlich bestimmte Werkzeuge, mit denen ich in all meinen Texten arbeite, weswegen bestimmte Motive auch in „Phantasma X“ auftauchen. Dazu zählen etwa der schon angesprochene Fokus auf weibliche Figuren und die Halluzinationen, denen das Stück seinen Namen verdankt und die tatsächlich in fast all meinen Werken vorkommen.

Mich interessiert der Moment, in dem die sogenannte Alltagslogik sich mit der Traumlogik verschränkt.

Martin Plattner

Warum üben Halluzinationen einen derartigen Reiz auf Sie aus?
Mich interessiert der Moment, in dem die sogenannte Alltagslogik sich mit der Traumlogik verschränkt, wenn un- oder unterbewusste Bilder und Motive ans Tageslicht treten. Ich finde, es ist ein ganz spannendes Phänomen, dass Menschen in Situationen kommen können, in denen Vergangenes, Verschüttetes oder Verdrängtes plötzlich an die Oberfläche dringt und in gewisser Weise präsenter wird als die Realität, die einen umgibt. Der Prozess hat für mich auch etwas sehr Theatrales, Dramatisches, und er erzählt viel über uns und wie unser Gedächtnis funktioniert – was speichern wir in uns, was verdrängen wir und was holt uns irgendwann mal wieder ein. In meinem Stück jedenfalls wird Maximilian von vielen Dingen aus seiner Vergangenheit wieder eingeholt. Und das auf fatale Weise.

Vielen Dank für das Gespräch.

Phantasma X

Im K2 des Tiroler Landestheaters

Das Stück "Phantasma X", geschrieben vom Tiroler Dramatiker und Autor Martin Plattner, feiert am 4. Mai 2019 im Tiroler Landestheater (K2) seine Premiere.

Regie: Verena Koch
Bühne und Kostüme: Veronika Stemberger
Dramaturgie: Romana Lautner
Besetzung: Johannes Gabl, Janine Wegener, Ronja Forcher, Petra Alexandra Pippan

Weitere Spieltermine: 8. Mai, 22. Mai, 25. Mai, 1. Juni 2019.

Weitere Infos
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