Ein Medienexperte seiner Zeit

Des Kaisers schöne Bücher

Der österreichische Kaiser Maximilian war der erste Herrscher, der systematisch von den vielfältigen Möglichkeiten der Buchdruckkunst Gebrauch machte. Unter anderem ließ er eine Reihe von literarischen Werken drucken, die sein Andenken für die Nachwelt dauerhaft bewahren sollten. Text: Simon Leitner
Bild: Axel Springer

Kaiser Maximilian (1459–1518) hielt zu Lebzeiten nicht nur ritterliche Ideale hoch, sondern war gleichzeitig auch ein großer Bewunderer von Wissenschaft, Kunst und Kultur, die unter seiner Herrschaft einen enormen Aufschwung erfuhren. Er verfolgte aufmerksam die Entwicklung auf diesen Gebieten und stand allen Neuerungen stets äußerst aufgeschlossen gegenüber, wobei ihn ein Aspekt dabei ganz besonders interessierte – nämlich wie er etwaige Innovationen in diesen Bereichen für seine Ziele und Zwecke einsetzen konnte.

Maximilian I. war ein großerer Förderer von Wissenschaft und Kultur. Als solcher zeigte er sich auch an den Möglichkeiten des Buchdrucks äußerst interessiert, wobei es ihm nicht zuletzt darum ging, sich diesen nutzbar zu machen.

© Kunsthistorisches Museum Wien

Zum Ruhm des Kaisers

Besonders augenfällig war dies etwa im Fall der Buchdruckkunst, die sich der Kaiser gleich in zweifacher Weise zunutze machte: Zum einen ließ er politische und propagandistische Flugblätter, Handzettel und dergleichen publizieren, um für bestimmte Vorhaben zu werben und die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Zum anderen gab er auch eine Reihe umfangreicher literarischer Druckwerke in Auftrag, die dafür garantieren sollten, dass Maximilian auch nach seinem Tod nicht in Vergessenheit gerät.

Zu diesen Werken zählen unter anderem das Turnierbuch „Freydal“, die (fiktionale) Autobiografie „Weißkunig“ und vor allem der „Theuerdank“, der vordergründig von den Abenteuern eines gleichnamigen Ritters, im Grunde allerdings in leicht verschlüsselter Form von der Brautwerbung Maximilians um Maria von Burgund berichtet. Darüber hinaus gab es noch einige große Holzschnittdruckwerke wie die „Ehrenpforte“ oder den „Triumphzug“, die allerdings weniger Bücher im engeren Sinn, sondern vielmehr Kunstwerke sind, die unterschiedlich viel Text beinhalteten.

Kaiser Maximilian möchte, dass sich die Nachwelt an ihn und sein Lebenswerk erinnert. Und das natürlich in einer ganz bestimmten, möglichst positiven Art und Weise.

Stephan Müller, Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur, Universität Wien

Die literarischen Werke des Kaiser nehmen sich dabei mitunter ganz unterschiedlich aus, wie Stephan Müller, Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Universität Wien, erläutert: „Manche sind gereimt, andere in Prosa gehalten, einige sind in deutscher Sprache, andere wiederum in Latein abgefasst – Maximilian hat also wirklich die ganze Palette möglicher Formen ausgelotet.“ Trotz dieser Unterschiede ist den Druckwerken Maximilians jedoch eines gemein, und zwar die Intention, die dieser damit verfolgte. „Maximilian ging es bei allen Werken um das, was er ‚gedechtnus‘ nannte“, erklärt Müller. „Dieses Konzept, das vor allem im ‚Weißkunig‘, aber auch an anderer Stelle erwähnt wird, meint nichts anderes als das Andenken des Kaisers – er möchte, dass sich die Nachwelt an ihn und sein Lebenswerk erinnert. Und das natürlich in einer ganz bestimmten, möglichst positiven Art und Weise.“ Damit stehen die Druckwerke gewissermaßen in einer Reihe mit anderen Projekten, etwa der Hofkirche oder dem Goldenen Dachl, die dem Kaiser ebenfalls zum (Nach-)Ruhm gereichen sollten.

Hohe Ansprüche

Um sein Ziel zu erreichen, hat Maximilian die Buchdruckkunst auch in technischer Hinsicht bis zum Äußersten ausgereizt und von allen Möglichkeiten, die der Buchdruck zu jener Zeit bot, Gebrauch gemacht. Insbesondere die grafische Gestaltung war für ihn von enormer Bedeutung. Dies betrifft sowohl die aufwändigen Bilder, die in fast all seinen Büchern eine prominente Rolle einnehmen, als auch die dafür verwendeten Drucktypen.

Die Tatsache, dass Kaiser Maximilian bei seinen literarischen Ambitionen auf die Kunst des Buchdrucks und damit auf modernste Technik setzte, ist durchaus bemerkenswert. Denn er war damit der erste Herrscher überhaupt, der den Buchdruck nicht nur für politische, sondern auch für dezidiert persönliche Zwecke nutzte. Dabei ergibt sich Müller zufolge ein ganz besonderes Spannungsfeld: „Auf der einen Seite befindet sich Maximilian mit seinem Anliegen – die Herrschaftspreisung und die Wahrung seines Andenkens – in einer mittelalterlichen Tradition. Auf der anderen Seite ist er bezüglich der Wahl seines Mediums aber technisch auf dem neuesten Stand.“

Der "Weißkunig" und vor allem der "Theuerdank" gehören zu den bekanntesten Werken, die Maximilian in Auftrag gab. Doch Ersterer wurde im Gegensatz zum "Theuerdank" niemals fertiggestellt und blieb ein Fragment.

Maximilian selbst tritt übrigens bei keinem der literarischen Werke als Autor auf, war allerdings in alle Schritte des Prozesses involviert. Seinen Autoren und Sekretären, die für die Schreibarbeit zuständig waren, teilte er mündlich oder schriftlich mit, was sie zu Papier bringen sollten. Zudem nahm er selbst immer wieder Korrekturen an den Texten vor und kontrollierte laufend, wie die Werke vorankamen. So hatte er alles im Blick und war stets über die Fortschritte im Bilde. Diese ständige Einmischung des Kaisers mag mit ein Grund dafür gewesen sein, warum letzten Endes mit einer Ausnahme kein einziges der literarischen Werke zu Lebzeiten Maximilians fertiggestellt wurde. Diese Ausnahme, und allein schon aus diesem Grund ein Sonderfall im maximilianischen Œuvre, ist der „Theuerdank“, der gleichzeitig auch das wichtigste Druckwerk des Kaisers darstellt.

Abenteuer eines Ritters

„Theuerdank“, ein 118 Kapitel umfassendes Epos, gilt als eines der schönsten Werke des frühen Buchdrucks. Die erste Auflage, die aus Prachtexemplaren aus Pergament sowie aus Papierexemplaren bestand, wurde 1517 von Johann Schönsperger d. Ä. in Augsburg gedruckt und war nicht für den Buchmarkt bestimmt – sie sollte erst einige Zeit nach dem Tod Maximilians an den Adel verteilt werden. Schönsperger fertigte allerdings auch einen zusätzlichen Raubdruck an, um diesen gewinnbringend zu veräußern, wodurch das Werk schon unmittelbar nach dem Ableben des Kaisers in Umlauf geriet. Seitdem wurde der „Theuerdank“ immer wieder nachgedruckt und neu aufgelegt.

In bewusster Anlehnung an mittelalterliche Heldenbücher verfasst, schildert der Roman in Wort und Bild die Geschichte des Ritters Theuerdank, der im Rahmen seiner Brautwerbung um die begehrte Ehrenreich verschiedene Abenteuer erlebt. Dabei meistert er alle Prüfungen und Gefahren mit Bravour, seien es nun Hinterhalte, die ihm von den drei Antagonisten – Landsleute Ehrenreichs, die Theuerdank aufzuhalten versuchen – gestellt werden, oder auch unvermittelt eintretende Naturkatastrophen.

Das Werk ist ein sogenannter Schlüsselroman, das heißt, die Protagonisten stehen für tatsächlich existierende Persönlichkeiten. Wen die jeweiligen Figuren darstellen, auf welchen Begebenheiten die einzelnen Ereignisse beruhen und wo sich diese zugetragen haben, wird am Ende des Werks ausführlich dargelegt. Dort erfährt man unter anderem, dass es sich bei Theuerdank um Kaiser Maximilian und bei Ehrenreich um Maria von Burgund handelt, wodurch der Roman einen ausdrücklich biografischen Aspekt erhält. Die Verschlüsselung ist dabei nicht mehr als eine ästhetische Spielerei, die das Werk interessanter machen sollte, allerdings schon mit den Folgedrucken obsolet wird. „In den Nachdrucken findet sich der Name des Kaisers bereits am Titelblatt“, erklärt Müller. „Damit wird die Verschlüsselung also schon vor der ersten Seite aufgegeben.“

Kaiser Maximilian legte großen Wert auf die Gestaltung der Bücher, sowohl hinsichtlich der Bilder als auch in Bezug auf das Schriftbild. Dies ist auch am "Theuerdank" zu sehen, für den sogar eine eigene Drucktype entworfen wurde, die sich durch viele Verzierungen und Schnörkel auszeichnet.

Was die literarische Qualität betrifft, nimmt sich der „Theuerdank“ als nicht besonders interessant aus, Müller zufolge ist der Roman in erster Linie durch Eintönigkeit und schlechte Reime gekennzeichnet. Dass das Buch trotz dieser inhaltlichen und stilistischen Mängel nicht nur als wichtigstes Druckwerk Maximilians, sondern auch als Höhepunkt des frühen Buchdrucks gilt, hat in erster Linie mit seiner grafischen Gestaltung zu tun. Die Vorlagen der 118 Holzschnitte, die sich im „Theuerdank“ befinden, wurden von damals führenden Künstlern wie Hans Burgkmair und Hans Schäufelin gezeichnet und sind von höchstem künstlerischen Wert. Auch die Drucktype des Werks, die Handschriftlichkeit simuliert und sich durch zahlreiche Verzierungen sowie Schnörkel auszeichnet, ist außergewöhnlich. Noch heute ist nicht gänzlich geklärt, wie diese eigens für den „Theuerdank“ entworfene Schrift, die als Vorläufer der Frakturschrift angesehen wird, hergestellt wurde.

Kaiser Maximilian hat also wirklich auf jedes Detail geachtet und alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, um ein möglichst einzigartiges Druckwerk zu schaffen, das auch lange nach seinem Tod an ihn erinnern und die „gedechtnus“ an ihn hochhalten sollte. Glaubt man Stephan Müller, hat der Kaiser sein Ziel durchaus erreicht: „Man hat sich eigentlich dauerhaft für das Buch interessiert und es immer wieder nachgedruckt, sodass der ‚Theuerdank‘ bis ins 18. Jahrhundert ein gängiger Begriff war. Wenn man etwa Goethe gefragt hätte, wer der wichtigste mittelalterliche Herrscher war, hätte er wohl zwei Namen genannt: Karl der Große und Kaiser Maximilian.“

Der "Theuerdank" und seine Geschichte

"Vom Privatdruck zum Bestseller. Die Druckgeschichte des 'Theuerdank'"

Von 2013 bis 2017 leitete Stephan Müller, Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Universität Wien, das Forschungsprojekt „Vom Privatdruck zum Bestseller. Die Druckgeschichte des ‚Theuerdank‘“, das die verschiedenen Nachdrucke von Maximilians Roman einer vergleichenden Analyse unterzieht. Müller und sein Team stellten fest, dass der Text im Zuge der Nachdrucke Änderungen unterschiedlichster Art erfuhr. Diese reichen von sprachlichen und inhaltlichen bis zu konzeptionellen Anpassungen und liefern mitunter interessante Aufschlüsse über die jeweilige Zeit.

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