Lisa Krusche Sprungturm
April bis Juni 2019

Im Schatten des turms

Die Autorin Lisa Krusche war im Frühjahr 2019 sechs Wochen lang Stadtschreiberin des Kulturlabor Stromboli in Hall. Ein Gespräch. Interview: Esther Pirchner
Bilder: Lisa Krusche, Charlotte Krusche (Porträts)

Das Kulturlabor Stromboli in Hall feiert 2019 30 Jahre seines Bestehens unter dem Titel „#kon.serviert“ und schrieb im Zuge dessen erstmals ein Stipendium für eine/n Stadtschreiber/in aus. Gewonnen hat den Wettbewerb Lisa Krusche, 28-jährige Schriftstellerin aus Braunschweig, mit einer literarischen Instagram-Wunderkammer, in der sie ihre Eindrücke aus Hall in einer Art Stadtalbum mit Fotos und ebenso poetischen wie klugen und unterhaltsamen Texten sammelt. Kultur.tirol traf die 28-Jährige gegen Ende ihres Aufenthalts am Oberen Stadtplatz in Hall zum Interview.

Inn bei Hall Lisa Krusche

Inn bei Hall

Wenn man deine Instagram-Beiträge zu Hall unter https://www.instagram.com/hall_uzination/ liest, hat man den Eindruck, du hast dich in Hall in kurzer Zeit gut eingelebt und kennst auch die versteckten Plätze. Wie bist du aber überhaupt auf die Idee gekommen, dich von Niedersachsen aus für ein Stipendium in Hall zu bewerben?
Die Ausschreibung habe ich auf der Website literaturport.de gesehen, wo Stipendien und Preise, auf die man sich bewerben kann, gesammelt sind. Ich kannte den Ort nicht, aber ich fand das Stromboli sympathisch und mir gefiel auch, dass man keinen Verlag brauchte, um sich bewerben zu können. Natürlich vermisse ich meine Freunde, aber so losgelöst aus allem zu sein und mich nur aufs Schreiben konzentrieren zu können – diesen Freiraum empfinde ich als richtiges Privileg.

Die Jury, die dein Konzept unter 51 Einreichungen ausgewählt hat, lobte die „bestmögliche Umsetzung des Konzepts #kon.serviert in der zeitgeistigen Form des Stadtschreiberinnen-Instagram-Accounts“. Warum hast du gerade diese Form für deinen Vorschlag gewählt?
Auf meinem eigenen Instagram-Account verarbeite ich schon länger Alltagsbeobachtungen, schreibe Miniaturen und denke mir Sachen aus. Deshalb fand ich es eine schöne Idee, zum Thema #kon.serviert eine kleine Wunderkammer zu machen. Instagram ist praktisch, weil man einfach schnell Text und Fotografien hochladen kann, und ich fand es sehr geeignet für eine Institution wie das Stomboli. 

Bettelwurf

Bettelwurf mit Schnee

Hast du eine besondere Vorliebe für solche schnellen, kurzen Texte oder ist es eine von vielen Textsorten, die dich interessieren?
Das ist ganz unterschiedlich. Auf Instagram sind es ganz kurze Texte, aber ich schreibe auch Essays und lange Prosa. Ich schreibe, seit ich denken kann, und welche Form ich wähle, kommt immer auf das Thema an. Mich interessiert die Welt, in der ich mich bewege, und wie ich mich selbst darin verorten kann. Manche Themen wie Freundschaft interessieren mich besonders stark – zum Beispiel wie sie einem als alternative Lebensform zur Familie Halt geben kann in der Welt.

Freundschaft hat gerade in den sozialen Medien auch eine gewisse Umdeutung oder zusätzliche Dimension erfahren. Kann man sich mit Instagram besonders gut mit anderen vernetzen?
An Instagram finde ich spannend, dass man alles selbst in der Hand hat. Ich habe das Gefühl, dass ganz andere Leute die Texte auf Instagram lesen, als wenn diese in einer Literaturzeitschrift erscheinen. Es ist schön, dass das auch abseits vom Literaturbetrieb stattfindet.
Aber wenn man eine klassische Kurzgeschichte schreibt oder einen Essay, ist Instagram vielleicht nicht der richtige Ort.

Hall Lisa Krusche

Natur in Fehlfarben

Du bist seit fünf Wochen in Hall. Was war dein erster Eindruck, als du angekommen bist?
Zuerst einmal bin ich von den Frauen vom Stromboli total warmherzig empfangen worden. Und das Bergpanorama finde ich einfach wahnsinnig beeindruckend. Ich komme aus Niedersachsen und lebe gerade in Braunschweig, da sieht man keinen einzigen Berg. Hall ist einfach superidyllisch. Als ich mit Christiane vom Stromboli das erste Mal durch die Stadt gegangen bin, kannte sie quasi alle und alle kannten sie. Das hat richtiges Kleinstadtfeeling aufkommen lassen.

Wie gestaltet sich seither dein Leben als Stadtschreiberin?
Tatsächlich schreibe ich einfach viel, ich versuche eine Balance zu finden zwischen meinem Romanprojekt und dem Instagram-Projekt. Meistens schreibe ich morgens an dem Romanprojekt, weil ich das immer am besten kann. Für Instagram laufe ich einfach viel durch die Gegend und unternehme viele Dinge. Ich bin durchs Halltal gewandert, das ist superschön, und habe auf St. Magdalena die leckersten Knödel aller Zeiten gegessen.
Unterwegs schreibe ich in mein Handy oder mein Notizbuch und übertrage die Texte dann auf Instagram. Außerdem konnte ich im Künstlerinnendorf des Stromboli, [„Tirila Holln“, verlängert bis Ende Juni 2019, Anm.], in einem halben Container eine Miniausstellung machen – sozusagen Instagram ins Analoge übertragen.
Und ich esse viel Torte. Es gibt so viele gute Süßspeisen.

Du hast, wie man liest, schnell die besten Adressen gefunden. Eine andere wichtige Adresse für die Hallerinnen und Haller ist das Freischwimmbad. Deine Performance dort war wohl auch für manche von ihnen spektakulär …
Ich bin vom Zehner gesprungen. Es war aber ganz schlimm. Vor mir waren lauter Kinder, die anscheinend ganz ohne Angst gesprungen sind und mir dann von unten zugesehen haben. Dann kannst du dir nicht de Blöße geben und einfach wieder runtersteigen. Auf den Instagram-Post habe ich bisher die meisten Reaktionen bekommen, vor allem von Hallern. Eine hat geschrieben: „Das nehme ich mir seit 28 Badesaisonen vor.“

Hall Pfarrkirche

Idyllisches Szenario: die Altstadt von Hall

Konditoreien, Eisdielen, das Halltal und das Freischwimmbad sind Orte, die in Hall jeder kennt. Dir fallen aber auch Sachen auf, die wir Tiroler vielleicht gar nicht oder nicht mehr als außergewöhnlich wahrnehmen, wie die Vielzahl an Kaugummiautomaten oder dass einmal im Jahr die Radieschen die Stadt einnehmen. Hast du auch sonst Dinge bemerkt, die du anders wahrnimmst als die Leute hier?
Am extremsten schlägt es sich für mich in der Sprache nieder. In der Regel verstehe ich die Leute ganz gut, aber es gibt einzelne, da muss ich bei jedem Satz nachfragen. Dass das Essen deftig ist, ist zwar ein Klischee, aber das gibt es natürlich schon. Ich finde es schön, dass diese Kultur gelebt wird.
Was für mich ganz krass ist, ist, dass man in Österreich drinnen noch rauchen darf, das kenne ich einfach nicht.

Zum Rauchverbot, das nun wahrscheinlich doch eingeführt wird, ist der Gedankensprung zu den politischen Ereignissen der letzten Wochen vom Ibiza-Video bis zum Ende der Regierung nicht weit. Wie war es für dich, diese Zeit mitzuerleben?
Es war wahnsinnig spannend, ausgerechnet hier zu sein, während die politische Landschaft in Aufruhr war. Als das Video herausgekommen ist, hing ich die ganze Zeit vor dem Bildschirm. Dass durch die Macht der Bilder etwas ins Rollen gekommen ist, finde ich sehr interessant.

Bahnhof Hall im Umbau

Um den Bahnhof Hall wird gebaut

In deinen Beiträgen auf hall_uzination hast du dich trotzdem mehr auf Beobachtungen des Alltags konzentriert, und das – wie mir scheint – in guter Stimmung.
Ich bin schon freundlich gestimmt. Ich hatte noch keinen Moment, in dem ich so richtig wütend geworden bin (lacht). Was ich in einem Post geschrieben habe, was ich besonders spannend finde, ist das Verhältnis von Natur und Mensch und dass man im ersten Moment denkt: „Wow, ein richtig idyllisches Bergpanorama!“ Wenn man genauer hinschaut, sieht man schon, das alles auch durch Industrie durchsetzt ist und es starke Eingriffe in die Landschaft gibt. Das ist schon etwas, was man sich kritisch anschauen sollte.

Gerade solche Brüche lassen sich auch mittels Fotografie darstellen – eine Kunstform, die dir zusätzliche Möglichkeiten des Ausdrucks eröffnet. Was schätzt du an der Fotografie?
Wenn ich Fotos mache, geht das schon immer vom Schreiben aus, von der Frage, wie ich einen Text noch anders darstellen oder in den Raum bringen kann. Es ist nie losgelöst vom Text.
Ich fotografiere mit dem Handy, mit einer Spiegelreflexkamera und auch sehr gerne analog. Wenn man weiß, dass man nur 36 Aufnahmen zur Verfügung hat, fotografiert man ganz anders. Das Medium beeinflusst auch, wie genau man hinschaut oder welches Bild man auswählt. Den Moment, wenn man die Fotos nach zwei Wochen bekommt und sieht, ob sie etwas geworden sind, mag ich sehr.

Ich möchte das Porträt der Stadt Hall und des Kulturlabors Stromboli als Mosaik aus Prosa-Miniaturen zeichnen und dabei Alltagsbeobachtungen, Dialoge, schnelle Notizen und tiefergreifende Überlegungen mit Subjektivem, Fotografien und Filmen mixen.

LISA KRUSCHE, KONZEPT ZU IHRER HALLER INSTAGRAM-WUNDERKAMMER

Als Stadtschreiberin berichtest du nicht nur aus dem Alltag, du hast auch die Möglichkeit, an deinem Roman weiterzuschreiben. Wie geht es voran?
Ein Roman ist natürlich ein viel größeres Projekt als die Instagram-Texte. Man muss eine Gesamtstruktur im Blick haben und kann das nicht einfach so herunterschreiben.

Warum hast du dich bei diesem Projekt für die große Form entschieden? Wolltest du das einmal für dich entdecken?
Ich denke eigentlich nie: „Das muss ich jetzt auch machen“, sondern ich mache einfach das, wozu ich Lust habe. Die Form ergibt sich wie gesagt aus dem Thema. Ob das mehr oder weniger Raum braucht, merkt man einfach. Nachdem ich es immer schon sehr schön fand, mir Geschichten auszudenken, kann ich mir nun eine viel größere Geschichte ausdenken und mich dezidierter damit auseinandersetzen. 

Lisa Krusche

Sind die Geschichte, die du dir ausdenkst, weitgehend fiktional? Oder greifst du doch auf eigene Erfahrungen zurück, bist also in dem fiktionalen „Ich“ einer Geschichte auch selbst zu finden?
Das ist eine sehr schwierige und komplexe Frage. Man schöpft ja nur aus sich, aus all dem, was sich in einem abgelagert hat und aus den Dingen, die einen umgeben. Alles, was man schreibt, hat einen Bezug zu einem selbst. Man schlägt sich immer als die Person, die man ist, in dem Text, den man schreibt, nieder. Aber wenn man eine Figur erfindet, dann ist dieses Ich eben nicht ich.

Dein Aufenthalt in Hall neigt sich dem Ende zu, was planst du als Nächstes? 
Ich studiere literarisches Schreiben in Hildesheim und Kunstwissenschaft in Braunschweig und habe mir für dieses Jahr vorgenommen, meine Masterarbeiten zu schreiben.
Und ich hoffe, dass ich bei meinem Roman in diesem Flow, den ich hier habe, weiterarbeiten kann. Das Schöne an dem Stipendium war, dass man die literarische Arbeit einmal nicht hintanstellen muss, weil man Geld verdienen muss. Zugleich merkt man aber auch, wie viel man im Alltag ausbalancieren muss. Es ist ein großer Traum, vom Schreiben leben zu können. Aber man muss auch realistisch an das herangehen.

Dann wünsche ich dir viel Erfolg für deine weiteren Projekte. Vielen Dank für das Gespräch.

Lisa Krusche

Stromboli-Stadtschreiberin in Hall, 2019

Lisa Krusche

Lisa Krusche, 28, ist Schriftstellerin und Masterstudentin in den Fächern Kunstwissenschaften und literarisches Schreiben. Während ihres Aufenthalts als erste Stromboli-Stadtschreiberin in Hall dokumentierte sie den Alltag auf Instagram, schrieb an ihrem Roman weiter und hatte mehrere Lesungen im Stromboli und in zwei Haller Schulen. Begleitend zum Projekt fand eine Fotoausstellung statt.

www.stromboli.at
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