Walter Pichler
19.7.–17.10.2019: Villa Schindler, Telfs

„Für meine Mutter“

Die Villa Schindler in Telfs zeigt vom 19. Juli bis 17. Oktober 2019 Zeichnungen von Walter Pichler in einer eindrucksvollen Schau. Fotos: Günter Richard Wett

Die Tragödie der Südtiroler Familien

„Für meine Mutter“ betitelte der Zeichner und Architekt Walter Pichler einen Zyklus von 15 Zeichnungen, die in den Jahren 1979 bis 2008 entstanden. Mit den Mitteln der Zeichnung konnte er vieles ausdrücken, was in Worten unsagbar war, und so nicht nur von seiner Mutter oder seiner Familie erzählen, sondern von den Tausenden Südtiroler Familien, die während der Option das Land verlassen mussten. Im Bild „Sie wollte nicht aus dem Tal hinaus“ von 2008 etwa sind Zwang, Gewalt und vergeblicher Widerstand jener Zeit in einem einzigen Motiv zusammengefasst: Der Vater zieht die Mutter an den Füßen fort, während sie sich verzweifelt an einen Stein am Boden und die rote Wand zu ihrer Linken klammert. Der Widerstand scheint vergeblich, das Fortgeschlepptwerden unausweichlich. Das Bild und etliche andere aus dem Zyklus erzählen von der Ohnmacht der Frauen während der Option, als die deutschsprachigen Südtiroler zwischen einer Umsiedlung ins „Großdeutsche Reich“ und dem Leben als unterdrückte Minderheit im faschistischen Italien wählen mussten. Die Entscheidung für die ganze Familie traf der Haushaltsvorstand. Frauen wie Walter Pichlers Mutter mussten sich dem ebenso beugen wie die minderjährigen Kinder.

Die Zeichnung kann fast alles, sie ist so fremd und doch so genau, und darum liebe ich diese Methode.

Walter Pichler

Heimat besteht in Pichlers Zeichnung aus einem Stück Erde und einigen Steinen zwischen zwei steil aufragenden Felswänden – ein besserer Ort als das Nordtiroler Telfs, wo die Familie nach ihrer Umsiedlung lebte. Dort, im nationalsozialistischen Reich, wurde eine taubstumme Schwester Walter Pichlers im Euthanasie-Programm ermordet – ein letzter, nicht mehr verkraftbarer Schlag für die Mutter, die mit nur 54 Jahren starb.

Pichler Günter Richard Wett

Blick in den hinteren Ausstellungsraum mit Bildern aus dem Zyklus „Für meine Mutter“ von Walter Pichler

80 Jahre nach der Option

80 Jahre nach dem Beginn der Option und parallel zur Aufführung von Felix Mitterers Optionsstück „Verkaufte Heimat“ bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs gelang es Ruth Haas, Referatsleiterin Wirtschaft und Kultur in Telfs, in Kooperation mit der Klockerstiftung, den Zyklus „Für meine Mutter“ und weitere Kunstwerke Pichlers für eine Ausstellung in der Villa Schindler nach Telfs zu bringen. Die Werke sind Leihgaben der Klockerstiftung und des Südtiroler Landesmuseums Schloss Tirol sowie aus Privatbesitz. Allein schon, dass sie alle in einer Ausstellung gezeigt werden, ist außergewöhnlich. Gelungen ist den Kuratorinnen Ruth Haas und Claudia Mark sowie Ausstellungsarchitekt Christian Höller aber vor allem auch, die Werke so zu präsentieren, dass einerseits ihr innerer Zusammenhang deutlich wird, andererseits jedes einzelne seine Wirkung entfalten kann. Ein Brief Pichlers zu dem Zyklus, der sowohl von der Beziehung zu seiner Mutter erzählt als auch Aufschluss über seine künstlerische Haltung gibt, sowie ein großformatiges Porträt und von ihm entworfene futuristische Möbel vervollständigen die Schau.

Pichler Günter Richard Wett

Die Ausstellungsarchitektur von Christian Höller setzt die von Ruth Haas und Claudia Mark kuratierte Schau ins rechte Licht.

Mitterer im Rahmenprogramm

Noch stärker in den Kontext Telfs eingebunden ist die Ausstellung durch ein umfangreiches Rahmenprogramm. Es umfasst die Aufführung des Films „Risse“ über die Südtiroler Siedlungen von der in Wien lebenden Tiroler Filmemacherin Melanie Hollaus, eine Lesung von Felix Mitterer aus Texten des Südtiroler Autors Nobert C. Kaser mit musikalischer Begleitung von Akkordeonist Siggi Haider und den Vortrag „Heimatverdichtung: warum die Geierwally nicht auf der Hohen Munde spielt?“ der Philosophin und Ethnologin Elsbeth Wallnöfer. Seit 15. Juli erarbeiten im Rahmen eines theaterpädagogischen Kooperationsprojekts mit dem Tiroler Landestheater Kinder und Jugendliche ausgehend von Pichlers Arbeiten ein Theaterstück zum Thema Heimat.

Heimat. Telfer Theaterwochen für Kinder und Jugendliche
Ein theaterpädagogisches Projekt der Marktgemeinde Telfs in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Landestheater Innsbruck – gefördert vom Land Tirol
Aufführungen: 2. und 3. August, 17 Uhr, Villa Schindler

Risse. Ein Film von Melanie Hollaus über die Südtiroler Siedlungen
Open Air Kino-Abend in der Telfer Südtiroler Siedlung
(Spielort der Tiroler Volksschauspiele)
18. August, 20.45 Uhr

Achtung Partisanengebiet! Wehrmachtsdeserteure in SüdtiroI. Eine ausgeblendete Geschichte
Lesung mit Musik von Matthias Breit und Matthias Legener (Vibraphon)
3. September, 19 Uhr, Villa Schindler

Heimatverdichtung: Warum spielt die Geierwally nicht auf der Hohen Munde?
TeIfs zwischen Leading Hotels of the World, Schleicherlaufen, Minarett und der Kunst Walter Pichlers
Vortrag von Elsbeth Wallnöfer
19. Septemher, 19 Uhr, Villa Schindler

„Hier bin ich niemand d.h. ich“
Felix Mitterer liest Texte von Norbert C. Kaser, musikalisch begleitet von Siggi Haider
17. Oktober, 19 Uhr, Villa Schindler

Führungen mit den Kuratorinnen
1., 22. und 29. August, 5. September, 3. Oktober, 18 Uhr
sowie auf Anfrage

Führungen für Schulklassen
Anmeldung: claudia.mark@telfs.gv.at oder 0676/ 830 38 322
Nähere Informationen zum Rahmenprogramm finden Sie unter https://telfs.at/villa-schindler.html

Walter Pichler (1936–2012)

Pichler Günter Richard Wett

Ein überlebensgroßes Porträt von Walter Pichler, fotografiert von Clegg und Guttmann, empfängt Besucher beim Eintritt in dies Ausstellung in Telfs. 


Der Architekt, Bildhauer und Zeichner wurde 1936 in Deutschnofen in Südtirol als jüngstes von neun Kindern geboren, 1941 übersiedelte die Familie im Zuge der Option nach Nordtirol. Nach dem Grafikstudium in Wien lebte er in Paris und New York, wo 1967 auch seine viel beachtete Ausstellung „Visionary Architecture“ im Museum of Modern Art – gemeinsam mit Hans Hollein und Raimund Abraham – stattfand. Ab 1972 lebte er auf einem Bauernhof im Burgenland und baute dort nach und nach ein Museum: Dazu errichtete er eigene Behausungen für seine bildhauerischen Arbeiten, die er nicht verkaufte und nur selten vom einmal gewählten Ort wegbewegte. Die Unabhängigkeit vom Kunstbetrieb sicherte sich Pichler vor allem durch das zeichnerische Werk, u. a. als Gestalter von Buchcovern.

Walter Pichler. Für meine Mutter

19.7.–17.10.2019
Walter Pichler

Walter Pichler: Die silberne Schürze meiner Mutter aus (Detail) dem Zyklus „Für meine Mutter“

Villa Schindler
Obermarkt 45
6410 Telfs
geöffnet Di 10–12 Uhr, Do und Fr 17–20.30 Uhr und auf Anfrage (auch mit Führung) unter claudia.mark@telfs.gv.at oder
Tel. 0676/83038-322

Villa Schindler
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