Charles Brizzi Panorama
Ausstellung, 4.7.–24.10.2018

Drama ums Panorama

„Pano(d)rama auf der Kreuzspitze“ erzählt im erbe kulturraum sölden, warum sich vor 150 Jahren der Kurat Franz Senn und der Maler Charles Brizzi entzweiten.

Die Vorgeschichte

Hoch dramatisch ging es in den Frühzeiten des Tourismus oft her. Schon damals gab es Visionäre, die große Investitionen tätigten, es ging um wichtige Aufträge und Werbung, rasch geschlossene Verträge und nicht eingehaltene Vereinbarungen – kurz: um jene Erfolge und Rückschläge, die alle Pionierzeiten kennzeichnen. In Vent im Hinteren Ötztal forcierte der Kurat Franz Senn in den Jahren 1860 bis 1872 Tourismus und Alpinismus, indem er das Widum auf eigene Rechnung zur Herberge ausbauen ließ, Bergführer ausbildete und Wege anlegen ließ. Im Spätsommer 1868 versuchte er die hohen Kosten, die ihm dadurch entstanden waren, durch die Produktion eines Faltpanoramas von seinem Lieblingsberg, der Kreuzspitze, aus zu decken. Für die Erstellung der Vorlage engagierte er den Münchner Landschaftsmaler Charles Brizzi, der kurz zuvor im Widum abgestiegen war, ließ ihm eine Schäferhütte auf der Kreuzspitze wohnlich herrichten und ihn mit Proviant versorgen. Brizzi malte wochenlang auf der Hütte an dem Panorama und stellte es anschließend in München fertig, doch Franz Senn fand keinen Gefallen daran: Um es Bergsteigern als Orientierungshilfe anzubieten, war es zu ungenau und künstlerisch überhöht.

Brizzi Panorama Detail
Charles Brizzi
Franz Senn

Franz Senn (unten) war unzufrieden mit Charles Brizzis (oben) Darstellung der  Ötztaler Bergwelt. Doch das Bild zeigt das Ausmaß der Gletscher vor 150 Jahren.
Fotos: Familie Pischl, Telfs (links), Laternbildersammlung des Alpenverein-Archivs, ÖAV, um 1870 (re.) 

Rundsicht damals und heute

Im erbe kulturraum sölden kann man sich im Rahmen der Ausstellung „Pano(d)rama. Franz Senns Ärger mit Charles Brizzi“ im direkten Vergleich zwischen Brizzis Gemälde und einem Fotopanorama von 2011 ansehen, wo dem Maler die Bergspitzen zu hoch und die Felswände zu steil geraten sind. Als Reproduktionen in einem Panoramaluster präsentiert, zeigen beide Bilder eine vollständige Rundumsicht. Zugleich wird hier sozusagen der Klimawandel sichtbar. Wo Brizzi noch kaum überschaubare Eisflächen etwa des Vernagtferners darstellen konnte, muss man auf dem aktuellen Foto schon nach den Gletschern suchen.

DER WIND, DER LIESS SICH NICHT FOPPEN,
ER SAUSTE UND BRAUSTE IM ACCORD,
DIE BEIDEN SIE SCHNAPSTEN UND KOCHTEN
VIER TAGE LANG FRÖHLICH SO FORT.

Charles Brizzi im „Fremdenbuch für Vent“ über
die Arbeitsbedingungen auf 3.000 Metern Seehöhe

Warum Senn und Brizzi stritten

Noch präzisere Auskunft als Brizzis Gemälde über den Zustand der Gletscher kurz nach dem Ende der Kleinen Eiszeit gibt ein zweites, farbig lithografiertes Panorama, das in der Ausstellung dem gemalten Original Brizzis gegenübergestellt ist. Denn Franz Senn vergab – nachdem er sich gegen eine Veröffentlichung des Brizzi-Panoramas entschieden hatte – den Auftrag ein zweites Mal, diesmal an die Berliner Panoramazeichner Georg Engelhardt und Carl Jordan, und ließ deren Zeichnung auch drucken. Ein Zwist zwischen Senn und Brizzi war die Folge, der zum endgültigen Bruch zwischen den beiden führte.

Isolde und Rupert Pischl

Isolde und Rupert Pischl bei der Betrachtung des Panoramas „Rundsicht von der Kreuzspitze bei Vent im Oetzthale, 1868/69“
von Charles Brizzi, das der Großvater von Rupert Pischl in die Familie eingebracht hat.
Foto: Niko Hofinger

Aus den Archiven

Wie aber kam der erbe kulturraum sölden zu den beiden wertvollen Leihgaben? Brizzi versuchte, sein aus 17 Einzelbildern zusammengesetztes 415 cm langes und 23,2 cm hohes Faltpanorama zusammen mit einem Reisebericht und anderen Malereien selbst zu veröffentlichen, fand aber keinen Verlag dafür. Über Umwege gelangte das Konvolut zur Familie Pischl in Telfs, die es für die Dauer der Ausstellung verleiht. Engelhardts und Jordans Originalvorlage ist nicht mehr erhalten, aber eine Chromolithografie konnte in der Tiroler Universitäts- und Landesbibliothek aufgetrieben werden. Neben den beiden Ergebnissen der zeichnerischen Arbeit wird auch die Entstehung von Panoramen im Allgemeinen und dem Brizzi-Panorama im Speziellen im erbe kulturraum sölden thematisiert. Denn Charles Brizzi, der offensichtlich ein geselliger und humorvoller Mann war, hielt seine Erlebnisse im „Fremdenbuch von Vent“ und in seinem Reisebericht bildlich und dichterisch fest. In Sölden haben diese Bilder zum Teil sogar Laufen gelernt und geben einen unterhaltsamen Eindruck vom Leben auf 3.000 Metern Höhe.

Laufende Bilder von der Kreuzspitze

Video von Niko Hofinger

Pano(d)rama auf der Kreuzspitze. Franz Senns Ärger mit Charles Brizzi
Video: Niko Hofinger

Pano(d)rama auf der Kreuzspitze

Franz Senns Ärger mit Charles Brizzi, 4.7.–24.10.2018
Panorama Pischl

Sonderausstellung
Montag bis Freitag 8–12 und 14.30–17 Uhr sowie bei Abendveranstaltungen
Eintritt frei

erbe kulturraum sölden
Raiffeisenbank Sölden
Dorfstraße 88
A-6450 Sölden
Tel. 05254/2226
kontakt@rb-soelden.at 

Erbe Kulturraum Sölden
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