Tiroler Sagen

Sagenhafte Geschichten

Frau Hitt, Kasermandl und Co.: Tirol ist Schauplatz vieler verschiedener Sagen. Über die Besonderheiten dieser Erzählform klärt Experte Wolfgang Morscher im Interview auf.
Text: Simon Leitner
Bild: Archiv www.sagen.at/privat

Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Wolfgang Morscher gilt als ausgewiesener Experte für Sagen. Zusammen mit seiner Ehefrau Berit Mrugalska hat er nicht nur die schönsten Sagen Tirols, sondern auch die anderer österreichischer Bundesländer und Südtirols zusammengetragen. Darüber hinaus betreibt er die Plattform www.sagen.at, auf der sich neben über 18.000 Erzähltexten auch Tausende Dokumentationen und Fotos befinden. Mit kultur.tirol sprach der Wahl-Innsbrucker über die Kennzeichen und Besonderheiten von Sagen.

Herr Morscher, seit wann beschäftigen Sie sich schon mit Sagen?

Sagenerzählungen von meinen Eltern gehören zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Sehr gerne erinnere ich mich auch an die Ausflüge in der Volksschule zu den Schlössern und anderen Sagenorten in der Stadt.

Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Ich persönlich sehe in der Sage nicht primär die jeweilige Handlung, sondern das soziale Abbild, das man zwischen den Zeilen lesen kann. Zusätzlich sehe ich in manchen Sagen eine Geschichtsschreibung sozusagen des „kleinen Mannes“, also eine erzählte Geschichte aus völlig anderer Perspektive als jener, die auf Akten beruht.

Sagenumwoben

Wassermühlen wie die Sparcherer Mühle in Kufstein befanden sich oft an abgelegenen Orten. Daher waren die Gebiete rund um solche Wassermühlen oft Schauplätze von Sagen.

Auf dem Land

Besonders in den ländlichen Gebieten Tirols, etwa im Ötztal, hat sich eine Vielzahl an Sagen erhalten. 

Das Kasermandl

Almen wie diese sind ebenfalls häufig Schauplätze von Sagen. In Tirol soll etwa auf verschiedenen Almhütten das Kasermandl, ein Geist, sein Unwesen treiben.

Was versteht man eigentlich genau unter einer Sage?

Im Grunde ist die Bezeichnung der Sage nur eine genauere Definition einer bestimmten Erzählform über Vergangenes. Es handelt sich jedoch um besondere Erzählungen, deren Realitätsanspruch sehr hoch liegt, der Erzähler ist also von der Wahrheit der Erzählung überzeugt.

Welchen Wahrheitsgehalt kann man einer Sage tatsächlich zuschreiben?

Es gibt ja die Redewendung: „In jeder Sage steckt ein wahrer Kern.“ Das kann man schlicht so annehmen. Es gibt ausreichend Beispiele, etwa in der Archäologie oder in der Bergbaugeschichte, wo man aufgrund von regionalen Erzählungen fündig wurde.

Wie entstehen Sagen?

Sagen entstehen nicht als Sage, das ist nur eine wissenschaftliche Kategorie. Sagen sind Erzählungen, die über viele Generationen weitergegeben werden. Um es bildlich zu erklären: Wer Kinder erzieht, warnt diese etwa vor der heißen Herdplatte in der Küche oder den Scharnieren vom Wäscheständer. Und natürlich auch vor dem steinernen Schicksal der Frau Hitt, die 
Lebensmittelfrevel begangen oder, in einer anderen Variante, trotz Brotfrevel 
einer Bettlerin kein Brot gegeben hat.

Die Sage von Frau Hitt: In alten Zeiten lebte die mächtige Riesenkönigin Frau Hitt auf den Gebirgen über Innsbruck, eine prächtige Gegend damals, voll Wälder, reicher Äcker und grüner Wiesen, die jedoch heute grau und kahl sind. Eines Tages kam ihr kleiner Sohn heim, weinte und jammerte, sein Gesicht und Hände waren voll Dreck. Er wollte sich eine Tanne zum Spielen abbrechen, ist aber in den Sumpf gefallen. Frau Hitt rief einen Diener, der sollte weiches Brot und Milch nehmen und ihn damit reinigen. Kaum aber hatte dieser angefangen, zog ein schweres Gewitter auf, der Himmel wurde tiefschwarz und ein schrecklicher Blitz schlug ein. Als es wieder heller wurde, da waren die reichen Felder, grünen Wiesen, Wälder und die Wohnung der Frau Hitt verschwunden, und überall war nur eine Steinwüste – in der Mitte aber stand Frau Hitt, die Riesenkönigin, versteinert, und wird so stehen bis zum jüngsten Tag. In vielen Gegenden Tirols, besonders in der Nähe von Innsbruck, wird Kindern die Sage als Warnung erzählt, wenn sie mit Brot werfen: „Spart Euer Brot für die Armen, damit es euch nicht wie der Frau Hitt geht."


Wie funktioniert die Tradierung von Sagen?

Man kann davon ausgehen, dass ein guter Teil der Sagen selbst ohne Verschriftlichung eine hohe Erzählkontinuität über durchaus einige Generationen hat. Dennoch müssen wir mehr als vorsichtig sein, eine historische Kontinuität über die Neuzeit hinaus ist vermutlich ausgeschlossen.

Welchen Zweck erfüllen Sagen?

Die traditionellen Sagen erfüllen das Bedürfnis, die Welt zu erklären und Nicht-Erklärbares zu mythisieren. Sie erfüllen auch bis zu einem gewissen Grad eine soziale Funktion, indem sie Grenzen und Tabus aufzeigen, Warnungen übermitteln, von Strafe, Frevel oder Verhaltensnormen erzählen.

Sind sie damit nicht vornehmlich an Kinder gerichtet?

Nein! Sagen sind in der authentischen Form meiner Einschätzung nach grundsätzlich für Kinder ungeeignete Erzählformen. Ich würde beispielsweise so manchen Horror frühen Strafrechts oder das viele Unrecht oder gar drastisch geschildertes Leid und Elend, das oft in Sagen zu finden ist, meinen Kindern ersparen wollen. Heute gibt es aber natürlich, wie für die meisten Wissensthemen, kindgerecht aufbereitete Editionen.

Gibt es irgendwelche Grenzen, was das Themenspektrum von Sagen betrifft?

Es werden alle Lebensbereiche angesprochen. Zeitgemäße Fragen beobachten wir in der Sagenentwicklung der Gegenwart, denn Sagen entwickeln sich ja nach wie vor. Wenn sich etwa ein neues technisches Gerät in unserer Gesellschaft verbreitet, dann begegnet man diesem Gerät oft mit einer gewissen Unsicherheit. Manchmal ist diese Skepsis durchaus angebracht, zum Beispiel wurden in den 1950er Jahren in Schuhgeschäften Röntgengeräte, also Pedoskope, zur Vermessung von Füßen aufgestellt und eine Menge weiterer Unfug mit radioaktiven Substanzen getrieben. Als sich dann in den 1970er Jahren die Mikrowellenherde in den Küchen zu verbreiten begannen, gab es eine Menge Varianten von Schauererzählungen bis hin zu Horrorgeschichten. So soll zum Beispiel jemand einen regennassen Hund zum Trocken in die Mikrowelle getan haben. Solche Erzählungen begleiten bis heute manche Industrieprodukte und haben auch schon zu Misserfolgen einiger Produkte auf dem Markt geführt. Diese Art von „Fake News“ ist in der Industrie seit Langem ein gut beobachteter Wirtschaftsaspekt.

Gibt es auch moderne Sagen mit explizitem Tiroler Bezug?

Ja, da wäre beispielsweise jener Unglückliche zu erwähnen, der beim Fensterln den Vater des besuchten Mädchens kommen hört. Er springt von der Garage, dessen Tor der Vater gerade aufstößt, und kastriert sich auf diese Weise selbst. Das „Fensterln“ ist etwa ein Motiv, dem man fast ausschließlich in Tirol begegnet. Sehr oft wird auch von jenem deutschen Touristen erzählt, der den Tiroler nach dem Namen des regionalen Berges fragt. „Wöchana?“ („welcher Berg?“), fragt der Tiroler zurück, woraufhin der Deutsche antwortet: „Herzlichen Dank.“

Die jeweilige regionale Landschaft bildet sich sehr schön auch in Sagen ab. Daher ist eine Sagensammlung auch ein wunderschöner Reiseführer.

Wolfgang Morscher

Welche Rolle spielen die jeweiligen Regionen für die Geschichten?

Die jeweilige regionale Landschaft bildet sich sehr schön auch in Sagen ab. Daher ist eine Sagensammlung auch ein wunderschöner Reiseführer. Trotz der regionalen Bezüge sind Sagen jedoch ein sehr hohes internationales Kulturgut.

Gibt es bestimmte Orte, die sich besser für Sagen eignen als andere?

Es gibt Orte, an denen solche Erzählungen gehäuft auftreten. Solche Orte werden verschiedentlich entrische Orte, manchmal auch Kraftorte oder Kraftplätze genannt. Gerne sind diese an Stellen, an denen man möglichen historischen Bewohnern Kulthandlungen unterstellt, etwa bei seltsamen steinernen Gebilden, Höhlen oder Schalensteinen. Hier muss man jedoch höchst vorsichtig sein, dass man nicht in die Bereiche esoterischer Vermutungen gerät. Ein Beispiel für einen solchen Platz wäre Castelfeder in Südtirol, wo sehr viele Sagen angesiedelt sind. Man erkennt solche Orte sonst unter anderem in den Flurnamen, in die die langfristigen Erzählungen eingegangen sind. Hier finden wir in fast jedem Ort in Tirol schöne Belege.

Zum Beispiel?

Es gibt etwa die Teufelsbrücke im Zillertal. Der Legende zufolge hat der Teufel dieses Bauwerk errichtet, im Gegenzug aber die erste Seele gefordert, die über die Brücke geht. Also hat ein Bauer in der Früh eine Ziege über die Brücke gejagt. Bei den Mühlauer Bauern hingegen wurde ein Schwein über die noch heute bestehende Schweinsbrücke getrieben.

Die Mühlauer Schweinsbrücke wurde einer Sage nach vom Teufel erbaut. Dieser verlangte von den Bauern als Gegenleistung die Seele des ersten Lebewesens, das die Brücke überquerte. Die findigen Mühlauer tricksten den Leibhaftigen jedoch aus, indem sie ein Schwein über die Brücke hetzten. Deswegen trägt diese, auch heute noch, den Namen Schweinsbrücke.

Gibt es auch universale Sagen oder Motive, die in mehreren Teilen der Welt zu finden sind?

Es gibt in der Wissenschaft verschiedene Ansätze von Typenkatalogen für weltweit übereinstimmende Erzählmotive, große internationale Erkenntnisse stehen uns durch die digitale Linguistik erst bevor. Hier sind durch digitale Interpretation größerer Textmengen, als je ein Mensch zu lesen imstande wäre, noch eine Menge spannende Erkenntnisse zu erwarten.

Sie betreiben auch die Plattform www.sagen.at. Worum genau handelt es sich dabei?

Die Internetseite www.sagen.at ist eine digitale Plattform für volkskundliche Inhalte, also nicht nur für Erzähltexte, sondern auch für Dokumentationen und eine große Fotogalerie mit einem Spektrum, das von historischen bis zu aktuellen Fotos reicht. Ich betreibe die Plattform auch mit der Hilfe meiner Frau als Kulturprojekt, wir freuen uns über jeden Beitrag und jede Zusendung. Die Plattform hat Leser in der ganzen Welt, manche Zuschriften sind da schon sehr beeindruckend.

Wie werden Sagen für die Plattform gesammelt und ausgewählt?

Der Großteil der Texte stammt aus historischen Erzählsammlungen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert werden Sagen gesammelt und schriftlich dokumentiert. Bei all unseren Wanderungen in Tirol erkundigen wir uns immer nach Sagenerzählungen und ändern dann gegebenenfalls auch die Route, wenn es spannend wird. Es treffen aber auch interessante Zusendungen ein, sei es von Schulprojekten bis hin zu privaten Aufzeichnungen oder alten Dias und Fotoalben, die wir dann einarbeiten und damit zugänglich machen.

Sie kennen unzählige Sagen aus der ganzen Welt. Haben Sie eine bestimmte Lieblingssage?

Ich schätze jeden Text und jede Erzählung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wolfgang Morscher, geboren 1964 in Linz, ist Europäischer Ethnologe und Kulturwissenschaftler und lebt in Innsbruck. Er und seine Frau Berit Mrugalska haben die schönsten Sagen aller Bundesländer Österreichs sowie Südtirols gesammelt und in Buchform veröffentlicht.

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