Poetry Slam in Tirol

Po-Po-po-Poetry?!

Innsbruck ist die Wiege des Poetry Slam in Tirol, die Szene wächst stetig. Markus Köhle und Stefan Abermann erzählen, wie alles anfing und wie sich Poetry Slam entwickelt hat. Text: Haris Kovacevic
Header-Bild: Daniel Jarosch

Ein schriller Ton, der an einen schlechten Sci-Fi-Film erinnert, geht durch den Raum, bevor Moderator Markus Köhle (alias Papa Slam) zum Mikro tritt und das Publikum willkommen heißt. Von einem Moment auf den anderen herrscht Stille. Papa Slam stellt seine obligatorische Frage, wer zuvor noch nie bei einem Poetry Slam war. Einige Hände gehen nach oben, die Markus sogleich mit dem Hinweis sinken lässt, dass man nicht in der Schule, sondern bei einem Poetry Slam sei und dass Meldungen jeglicher Art nur akustisch zu machen sind. Sofort sind erste Schreie und Lacher zu hören. Das Publikum vertraut Markus, er scheint zu wissen, was er tut. Nach dem ebenfalls obligatorischen: „Schämt euch, in Innsbruck zu leben und noch nie bei einem Slam gewesen zu sein!“, folgt auch eine kurze Erklärung, die jeder Zuhörer, egal wie oft er schon dabei war, zu hören bekommt: Poetry Slam ist ein Wettlesen um die Gunst des Publikums. Poetinnen und Poeten tragen vor: Inhalt und Darbietungsweise werden bewertet. Der Poet oder die Poetin hat fünf Minuten Zeit, darf nicht singen oder Hilfsmittel verwenden. Im ersten Durchgang treten alle auf, im Finale nur noch die Besten. Wer das sein soll, bestimmt das Publikum, der Moderator entscheidet wie (meistens mittels Bewertungstafeln).

Von Chicago nach Tirol

In den 1970er Jahren organisierte Mark Kelly Smith in einer Kneipe in Chicago die ersten Poetry Slams. Herkömmliche Lesungen waren dem Arbeiterkind zu unnahbar, die Autoren zu abgehoben. Der Tisch und das Wasserglas mussten weg. Auf die nackte Bühne kam nur ein Mikro. Jeder durfte dort „Poetry“ präsentieren, und das Publikum sollte entscheiden, welcher Text der beste war. Die Idee war simpel, genial, und sie funktionierte so gut, dass sie Mitte der 1990er Jahre in den deutschsprachigen Raum überschwappte. In Berlin, München und Hamburg fanden die ersten Poetry Slams statt.

Markus Köhle war als junger Student von einem Slam in Hamburg so begeistert, dass er entschied, das Gleiche in Innsbruck zu veranstalten. Damit war 2002 der Innsbrucker BPS (Bäckerei Poetry Slam, zuvor Bierstindl Poetry Slam) geboren, der bis heute an jedem letzten Freitag im Monat stattfindet und zahlreiche Poetinnen und Poeten anzieht. Tirols Hauptstadt ist damit die Wiege des Formats in Österreich.

Markus Köhle ist ein Urgestein der Szene.

Markus Köhle (alias Papa Slam) hat Poetry Slam nach Innsbruck und Österreich geholt. Hier moderiert er die Vorrunde der österreichischen Meisterschaften 2015 in der Bäckerei. Die kleine Bühne ist eine der beliebtesten im ganzen Land.

© Daniel Jarosch

Die Anfänge in Innsbruck

Einer der Ersten auf der Bühne war Stefan Abermann, ein Urgestein der Szene, Slammer, Organisator und Moderator: „Wir waren damals verkappte Studenten, die mit literarischen Mustern an die Sache rangegangen und oft gescheitert sind. Doch wir fanden es alle spannend, unsere Texte zu präsentieren und uns auszuprobieren.“ Poetry Slam und jegliche Art der mündlichen Literatur waren den jungen Innsbruckern unbekannt und Slam ein Format, bei dem man experimentieren konnte. Manchmal verlief das gut, manchmal schlecht, doch das Publikum schien Spaß zu haben. Der Innsbrucker Slam wurde schnell zu einer Marke in der Stadt. „Egal wo ich auftrete, suche ich nach dem Gefühl, das ich beim BPS habe, kann es aber nicht finden. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Stimmung ist einfach unbeschreiblich und jeder Auftritt ein besonderes Erlebnis“, erzählt Abermann begeistert.

Das Publikum wird vom Dichterwettstreit wie magisch angezogen. Die Bäckerei hat mehr Kapazitäten als das kleine Studio im Bierstindl, doch auch sie platzt Monat für Monat aus allen Nähten. Die Warteschlange für die Literaturveranstaltung reicht manchmal bis zur Jahnstraße, denn die erfahrenen Zuschauer wissen: Reservierungen gibt es keine. Wer eine Karte möchte, muss früh genug da sein, denn der 251. Gast kommt nicht mehr rein, und alle nach ihm natürlich auch nicht. Zum Erfolg des Innsbrucker Poetry Slams trägt nicht nur die Marke BPS bei, sondern auch die Moderation von Markus Köhle und die Laune und Lust der Tiroler Zuschauer. Der BPS gewann auch mehrere Male den Slömmy (Award der österreichischen Slamszene) für das beste Publikum, zuletzt im Oktober 2018.

© Daniel Jarosch
Mieze medusa

Ein bekanntest Gesicht der deutschsprachigen Slamszene bei einem seiner Lieblingsslams.

© Daniel Jarosch

© Daniel Jarosch
BPS-Publikum

Das Publikum in der Bäckerei wurde mehrmals mit dem Slömy für "Beste Crowd" ausgezeichnet.

© Daniel Jarosch

© Daniel Jarosch
Lisa Eckhart

Die Steirerin gewann 2015 den Ö-Slam in Innsbruck.

© Daniel Jarosch

Am Anfang wird man durch die kleinen Rituale des BPS geführt: Immer wenn Köhle das Gefühl hat, er müsse sein Publikum wieder zum Slam holen, stellt er die Frage „Po-po-po Poetry?“ „Slam“, hört man zunächst die Stammgäste rufen. Beim zweiten Mal stimmen alle mit ein. Wenn es beim Lesen zu einer Stelle kommt, die, „auf der Titanic vorgelesen, den Eisberg hätte zum Schmelzen bringen können“, dann solle man dem Poeten mit einem mitleidigen „Ooooh!“ Tribut zollen. Falls eine Flasche oder ein Weinglas zu Boden fällt und zerklirrt (und nur dann), muss es der Bar mit einem ironisch-pathetischen „Ojeeee!“ mitgeteilt werden.

Im Finale wird ein Jutebeutel durch das Publikum gereicht, in dem Spenden und Geschenke für den Sieger gesammelt werden: „Alles Mögliche kann man dort finden“, sagt Stefan und erinnert sich an die Golfbälle, Plüschtiere und Bücher in kyrillischer Schrift, die er dort schon herausholen durfte. Preise gibt es ansonsten keine zu gewinnen. Nur Ruhm, Ehre und eine große Flasche Tiroler Bier, die mit allen anderen Poeten freundschaftlich geteilt wird. Anschließend gibt es eine After-Show-Party, die meistens genug Schreibmaterial für weitere vier bis sechs Texte liefert.

Bua, i hab gar net g’wusst, dass du so was Cooles mochsch!

"Aber Literatur ist das nicht."

Ob es sich bei den vorgelesenen Texten um Literatur handelt oder nicht, darüber streiten viele, die mit dem Format meistens nichts zu tun haben. Markus Köhle hat viele Kämpfe gefochten und ist für Poetry Slam eingestanden: „Gerade die Anziehungskraft für das Publikum machte viele stutzig. Der Vorwurf, den ich am öftesten gehört hab, war, dass Slammerinnen und Slammer für das Publikum schrieben. Das stimmt ja auch. Und was genau soll daran falsch sein?“, fragt Papa Slam.

Für Poetry Slam schreibt man anders, schließlich wird der Text vorgelesen und muss daher anders
aufgebaut sein.

Stefan Abermann, Poetry Slammer und Autor

Stefan Abermann ist Buchautor und kennt auch die klassische Literaturszene: „Für Poetry Slam schreibt man anders, schließlich wird der Text vorgelesen und muss daher anders aufgebaut sein. Komplizierte Stüberltexte kommen meistens nicht gut an, und Leute, die das nicht verstehen, gehen enttäuscht nach Hause. Hinzu kommt die Performance und die Laune des Publikums und, und, und ... Es spielen so viele Faktoren mit, dass man krank wird, wenn man den Wettbewerb ernst nimmt.“ Bei Poetry Slams geht es um mehr als nur den Text. Diese Art der Literaturveranstaltung mache einen süchtig, sagt Stefan: „Der direkte Kontakt mit dem Publikum ist einzigartig. Der Auftritt ist immer ein Erlebnis, hoffentlich ein positives. Wer so etwas erlebt, kann dann kaum noch die Finger davon lassen, und selbst, wenn es schlecht war, entwickeln einige den Ehrgeiz, irgendwann gut zu werden.“ Abermann trat die ersten zwei Jahre im Bierstindl auf, ohne ein einziges Mal ins Finale zu kommen. „Ich brauchte lange, um zu kapieren, wie ich den Zugang zum Publikum herstellen kann, doch es hat sich gelohnt. Ich hatte rückblickend mehr gute als schlechte Auftritte“, sagt der Innsbrucker Slammer lachend.

Mit der Zeit hat sich der Erfolg eingestellt und Stefan wurde auch auf andere Slams eingeladen. Ein Ereignis wird ihm dabei besonders in Erinnerung bleiben: Als ihn sein Vater 2007 nach Dornbirn begleitete, trat dort die legendäre Poetry-Slam-Gruppe SMAART als Zugabe auf. Mit ihrem Text „Die Entstehung der Musik“ brachten sie die Menge dermaßen zum Toben, dass man das Gefühl hatte, bei einem Rockkonzert zu sein. „Als wir heimfuhren, sagte mein Vater, von der Atmosphäre beeindruckt: ‚Bua, i hab gar net g’wusst, dass du so was Cooles mochsch!‘“

 2015: Stefan Abermann heizt das Publikum auf, bevor das Finale der österreichischen Meisterschaften startet. Die Runde der besten Poetinnen und Poeten findet im Treibhaus statt, 600 Menschen wohnen dem Spektakel bei.

© Albert Bloch

Poetry Slammer

Der Wettbewerb steht tatsächlich im Hintergrund und ist für das Publikum meist wichtiger als für die Auftretenden. Angst vor einer Blamage braucht man nicht zu haben. Die erste Regel lautet nämlich: Respect the poets! Einen Applaus verdient jeder, der sich auf die Bühne traut. Mit den anderen Slammerinnen und Slammern kommt man leicht in Kontakt, und es bauen sich schnell(lebige) Freundschaften auf. Die Szene zeichnet sich durch eine oberflächliche Tiefe aus: Es wird oft von der Slamily gesprochen, gegrüßt wird mit einer Umarmung. Die gute Stimmung innerhalb der Gruppe ist keine Selbstverständlichkeit, da Slammer meist extrovertierte Individualisten sind. „Im Backstagebereich von Poetry Slams trifft man alles Mögliche, von Hinz bis Kunz“, sagt Stefan. Einige bedienen eher die Storryteller-Schiene, während andere Lyrik schreiben, so breit gefächert, wie Literatur allgemein ist, sind auch die Beiträge auf Slambühnen, erklärt Markus: „Als Organisator ist es mir wichtig, dass ich Menschen, die schreiben wollen, eine Plattform biete, ihre Texte zu präsentieren. Für Comedy gibt es andere Bühnen, und für Singen auch.“

Als Organisator ist es mir wichtig, dass ich Menschen, die schreiben wollen, eine Plattform biete, ihre Texte zu präsentieren.

Markus Köhle, Moderator und Autor

Slam ist endgültig ein Tiroler

Slam boomt, und Tirol scheint ein fruchtbarer Boden zu sein, sowohl für Poeten als auch für literaturverliebte Zuhörer. Die Slamkarte Tirols wird immer bunter. In Kufstein finden gleich zwei statt: Markus Koschuh moderiert zweimal im Jahr den PSST! Poetry Slam im Stadttheater Kufstein, und jeden zweiten Monat lädt der deutsche Slamorganisator Ko Bylanzky in die Arche Noe ein. Abermann macht zweimal im Jahr den Zonen-Slam in Wörgl, und auch am Land findet Kultur statt. Ebenso oft wie in Wörgl gibt steht auch ein Slam in Buch bei Jenbach an, ebenfalls von Abermann moderiert. Er begleitet sein Publikum auch im Freien Theater Innsbruck monatlich durch den Gestaltwandlerslam – legendär sind dabei vor allem die Jazz-Abende, bei denen Texte von einer Jazz-Band begleitet werden. Markus Köhle moderiert nicht nur den BPS, sondern auch den Stromboli Poetry Slam in Hall, der viermal jährlich stattfindet. Auch in seiner Heimatgemiende Imst moderiert er den Slam im Bücherladen „Wiederlesen“. Der Ö-Slam, die österreichische Poetry-Slam-Meisterschaft, fand zweimal in Innsbruck statt, das letzte Mal 2015.

Nach all den Jahren ...

„Auch nach 15 Jahren passiert es immer noch, dass ich als Zuschauer Sachen sehe, die ich noch nie gesehen habe und an die ich nie gedacht hätte“, sagt Abermann und fügt lachend hinzu: „Und dann ärgere ich mich, dass mir das nicht eingefallen ist.“ Köhle findet Slams auch nach 17 Jahren cool und erfrischend, sonst würde er es nicht machen. Er erklärt: „Um die Menge mit einem Text zu unterhalten, muss man sich schon was Besonderes einfallen lassen. Solange es Leute gibt, die von der Norm abweichen, wird Slam auch leben.“

© Carmen Sulzenbacher

Markus Köhle (l.) hat Poetry Slam nach Tirol gebracht. Ohne ihn ist das Format in Österreich kaum denkbar.



Stefan Abermann (r.) entwickelte sich vom "verkappten Studenten" zu einer fixen Größe der Slamszene.

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