Alte Werbung
Kein Schwindel! Jetzt neu:

Alte Werbung

Im Stadtraum und im WEI SRAUM: Alte Werbung wirkt vom 18. April bis 19. Mai 2018 in einer Ausstellung in Innsbruck nach. Esther Pirchner

Zufallsfund und Recherche

Wer glaubt, Archive und Bibliotheken seien „nur“ Horte von Staub und längst Vergessenem, irrt. Zwischen Buchdeckeln und in Zeitungsfolianten entfalten sich Geschichten, die bis heute ausstrahlen und aktuelle Entwicklungen oft erst begreiflich machen. Beim Blättern in Zeitungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert fielen dem Medienkünstler und Kulturanthropologen Richard Schwarz Werbungen auf, die zunächst sporadisch, später immer öfter auf den Seiten auftauchten und eine eigene Kultur- und Sozialgeschichte – vernetzt mit den tagesaktuellen, politischen Geschehnissen – erzählten. Die Zufallsfunde waren für Schwarz, Stefanie Blasy und Johannes Felder Ausgangspunkte für ein Kunst- und Rechercheprojekt, in dem sie Werbeanzeigen in den Innsbrucker Nachrichten von 1854 bis 1944 erforschten und diese in Beziehung zu zeitgenössischen Kommentaren zum Thema und zu heutigen Werbetechniken setzten. Die Ergebnisse sind auf den Innsbrucker Straßen und im WEI SRAUMforum in der Andreas-Hofer-Straße zu sehen.

Für die damalige Zeit haben wir vier Werbetypen ausgemacht: Leidender, Frauenschönheit, Kapitalist und Hausfrau.

Richard Schwarz, Kurator von „Kein Schwindel – Jetzt neu! Alte Werbung“

Von analog zu digital

Bei einem Besuch im Ausstellungsraum einen Tag vor der Eröffnung werden Banner aufgehängt, Computermäuse baumeln noch unverkabelt von der Decke, mit ihnen werden Besucher sich später Werbetexte – geordnet nach Typen – per Computerstimme vorlesen lassen können. Am „Tisch des Werbers“ liegen Klebebänder und andere Befestigungsmaterialien, während auf dem Bildschirm schon ein Film über das Personalisieren von Werbung mittels Google läuft, die wiederum als Werbemittel für die Ausstellung dient. Im Hintergrund präsentiert eine Schaufensterpuppe ein Smartphone, das auf Annäherung reagiert, eine Leinwand wartet darauf, bespielt zu werden.  

Ausstellungsansicht 1
Hörstationen …

… sind dazu da, sich Werbungen vorlesen zu lassen.

Foto: Wei sraum

Ausstellungsansicht 2
Themen der Anzeigen …

… sind nach Farben geordnet.

Ausstellungsansicht
Im Aufbau

Banner an den Wänden während des Aufbaus von „Kein Schwindel – Jetzt neu! Alte Werbung“ zeigen, welche Werbungen wann geschaltet wurden.

Ausstellungsansicht 4
Zitate, Thesen …

… und Fotografien dokumentieren den Weg der Werbung über 100 Jahre.

Foto: Thomas Schrott

Reklame nach Jahren, nach Themen

Alte Reklame ist auf den ersten Blick kaum zu sehen, und doch ist sie überall präsent: Die Banner zeigen in Zehn-Jahres-Schritten, wie viele und welche Anzeigen in einem Jahr in den Innsbrucker Nachrichten abgebildet waren und – farbig gruppiert – zu welchen Themenkreisen sie gehörten, ob sie mit einem Firmenzeichen oder einer Grafik versehen waren. Sichtbar gemacht werden so nicht nur die Themen, die mehr oder weniger Gewicht haben, sondern auch die Anzahl der Werbungen, die pro Jahr geschaltet wurden. Anders als man vielleicht vermuten würde, ist es bis 1904 eine immer größere Anzahl, dann jedoch werden es wieder weniger, und im letzten untersuchten Jahr 1944 – kurz vor der Einstellung der Innsbrucker Nachrichten und mitten im Zweiten Weltkrieg – gibt es offensichtlich nur mehr wenig zu bewerben. Die Umstände und die Ideologie der Zeit spiegelt sich in der Reklame jeweils wider. „Bei manchen“, sagt Richard Schwarz, „versteht man die Werbung gar nicht mehr, weil im Sinn oder im Geiste der Zeit geworben wird.“ Er verweist auf eine Anzeige von 1944, in der die Mangelware Sekt für die Zeit nach dem Kriegsgewinn in Aussicht gestellt wird.

Diese und noch 2.404 weitere Anzeigen sind auf den Bannern vermerkt, und jede von ihnen hat eine Nummer, anhand derer sie am Terminal abgerufen und angesehen werden kann.

Kein Schwindel Kein Schwindel
Zur Ausstellung

Kein Schwindel! Jetzt neu: Alte Werbung 

Weiter Informationen zur Ausstellung und Begleitveranstaltungen

www.weissraum.at

Damals und heute

Die verschiedenen digitalen Zugänge zu analogen Materialien zeigen einen wesentlichen Aspekt der Ausstellung: Die Werbung früherer Zeiten wurde einerseits mit klassischen historischen Techniken aufgearbeitet, andererseits schufen die Gestalter eine Verknüpfung zu heutigen (digitalen) Medien und zeichneten so auch die Entwicklung von der an alle Passanten einer Plakatwand oder Leser einer Zeitung gerichteten Reklame auf Papier hin zur auf jeden einzelnen User zugeschnittenen individualisierten Werbung nach. Den Verlauf der Entwicklung von Werbung kommentieren Zitate, Thesen und Fotos aus verschiedenen Zeiten. Sie dokumentieren beispielsweise Werbung im Stadtraum, die heute an diesen Plätzen – etwa an Baudenkmälern aus dem Rokoko wie dem Helblinghaus oder dem Mittelalter wie der inzwischen renovierten Ottoburg – keinen Raum mehr finden würde. 

Franzbranntwein

Franzbrantwein-Gurgeln stärkte Zähne und Zahnfleisch – und wird heute als Werbung für die Ausstellung „Kein Schwindel“ verwendet.
Foto: Johannes Felder

Restflächen mit Retro-Charme

Mit dem Thema Reklame im heutigen öffentlichen Raum spielt „Kein Schwindel – Jetzt neu! Alte Werbung“ schließlich, indem Restflächen von Plakatwänden mit alten Werbungen in Schwarz-weiß oder Knallfarben bespielt werden. Da entstehen oft erstaunliche Kombinationen – wenn zum Beispiel ein längst verschwundener Dienstmannservice Übersiedelungen neben dem heutigen Traum vom Wohnen anpreist oder die Wild Style & Tattoo Messe und das European Food Festival Gesellschaft von einem durch Franzbranntwein-Gurgeln gestärkten Mann erhält. Kräftige Zähne und gesundes Zahnfleisch werden garantiert und erregen Aufmerksamkeit für die Ausstellung – ein Symbol dafür, dass alte Werbung nach wie vor Biss hat.

Kein Schwindel! Jetzt neu: Alte Werbung

oder: wie die modernen Methoden der Werbewirtschaft entstanden sind
Kein Schwindel

WEI SRAUM. Designforum Tirol
Andreas-Hofer-Straße 27
Innsbruck
18.4. bis 19.5.2018
Eröffnung: Dienstag 17. April 2018, 19:00
Öffnungszeiten: Di 14–20/Mi–Fr 14–18/Sa 11–15
Eintritt frei! Führungen für Gruppen und Schulklassen auf Anfrage

www.weissraum.at
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